Spezial-Abo

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: 200 Jahre „Macarena“

🔥30. Juni 2000: Neun Konzertbesucher sterben beim Roskilde-Festival

Folge 200

Als ich vor 61 Jahren mit dieser Kolumne begann, war dort, wo sich heute blühende Poplandschaften befinden, karstiges Brachland. Niemand grüßte den anderen. Die Welt war ein in schwarzweiß ausgestrahltes Grau. Die Beatles gingen noch zur Schule. Ringo hieß zu diesem Zeitpunkt noch Ingo, das „R“ addierten seine Berater erst später aus Coolnessgründen dazu. Seither hat die Popmusik zahlreiche Erneuerungen, Durchwirbelungen und Häutungen erfahren.

In all diesen Jahren lag ich mit meinen messerscharfen Analysen des Musikbetriebs meistens richtig. Manchmal aber auch nicht. Zwar habe ich HipHop, Hamburger Schule und den „Macarena“-Song vorhergesehen. Allerdings habe ich auch in einer Ausgabe des Pop-Tagebuchs aus dem Jahr 1980 prognostiziert, dass New Romantic größer wird als Woodstock und Punk zusammen, was sich nur bedingt bewahrheiten sollte.

Fans wollen keine Scherze auf Kosten ihrer Idole

Auch wenig erfolgreich waren meine Aufrufe, besonders enervierende Bands zwangsaufzulösen und zu jahrzehntelanger Gartenarbeit in den elterlichen Blumenbeeten und Balkonblumenkästen verdonnern zu lassen. Jetzt schreiben wir das Jahr 2020, und Pearl Jam veröffentlichen neues Material.

Doch Obacht mit solchen Verhohnepipelungen! Der Fan schätzt keine Scherze auf Kosten seiner Idole. Nicht umsonst leitet sich das Wort „Fan“ von „fanatism“ ab. Vor Jahren schrieb ich mal etwas Unterbegeistertes über den Gitarristen Steve Hackett. Danach lauerten mir Anhänger des Musikers monatelang hinter Altglascontainern auf. Einige Hackettianer griffen gar zum Äußersten und folterten mich, indem sie mir Passagen aus dem Spätwerk des Künstlers vorspielten.

Ich denke, man sollte ein gewisses Maß an Spott aushalten müssen. Ich bin das als Fan von Bob Dylan gewohnt: kann nicht singen, Mundharmonika, hasst sein Publikum usw. usf. Alles langweilig!

Der Punkt ist: Die besten Witze über seine Lieblingsmusiker sollte man selbst machen. Das hält lebendig, immunisiert gegen die schlechten Witze anderer und sei allen freundlichen Menschen an dieser Stelle empfohlen.

Abschied und Tod

Worauf ich zu Beginn meiner Tätigkeit als Kolumnenheini nicht vorbereitet war: dass es im Pop mehr und mehr um Abschied und Tod gehen würde. Dabei liegt es in der Natur der Sache. Die Jugendkultur kommt in die Jahre – und damit ihre prominenten Protagonisten. Ich könnte aus dieser Kolumne inzwischen ein Kondolenzbuch machen, da es fast jede Woche höchst bedauerliche (und oft wie im wirklichen Leben: vorzeitige) Abgänge gibt. Ich habe mich allerdings bewusst dagegen entschieden, hier meine Heldinnen und Helden allzu ausgiebig zu verabschieden, weil ich keine Lust habe, zum popkulturellen Trauerredner zu werden. Ich freue mich lieber lautstark an jenen, die noch da sind.



Pearl Jam: Tribut für neun Fans, die 2000 beim Roskilde Festival ums Leben kamen

Vor zwanzig Jahren (30. Juni) starben während eines Pearl-Jam-Auftritts beim Roskilde-Festival neun Fans durch Gedränge im Publikum. In Gedenken an den Vorfall hat die Band nun ein Statement veröffentlicht, in welchem sie erklären, dass seit dem Ereignis „nichts mehr so war wie vorher.“ Im Namen der gesamten Band postete Gitarristen Stone Gossard einen Beitrag, der den Fans gedenkt. Ein Moment, der alles veränderte Der Tag der Tragödie habe sich zunächst wie ein „ein normaler Festival-Showtag“ angefühlt. Doch was dann folgte war „ein unerwarteter Moment ... der alle Beteiligten für immer veränderte.“ Acht Männer im Alter von 17-26 Jahren erstickten im…
Weiterlesen
Zur Startseite