Alles Gute, Grand Hotel van Cleef! So war das Geburtstagskonzert…


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Acht Jahre musste man darauf warten, dass Kettcar einen ihrer besten Songs mal wieder live spielen – zum Konzertabschluss, wie sie es in ihren Anfangsjahren immer getan haben. Aber nun ist es so weit: Marcus Wiebusch steht allein auf der Bühne, klampft die Gitarre und singt „Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt“. Der Bonus-Track des Debüts, lediglich als Videodatei auf der CD zu finden, ist eine angeschossene, knochentrockene Ballade über das Hadern mit dem Leben und hat so wundervolle Textzeilen wie diese: „Und am besten auf Liebe reimt sich immer noch Angstschweiß / und am besten auf Herz reimt sich immer noch Sargnagel / Welchen Style wollt ihr / ich habe sie alle drauf / Ostküste, Westküste, lauf Forrest, lauf!“ Spätestens da geht einem das Herz auf, wenn sich ab diesem Moment die Band an die Instrumente stiehlt, das Licht aufgedreht wird und die Protagonisten des Tages auf die Bühne strömen – die Grand Hotel-Crew von den Bands bis zu den Praktikanten, die Promoter, die Freunde, die Gäste wie Casper, Frittenbude und Jürgen Vogel – und alle den „Lalalala“-Chor anstimmen, während die Konfettikanonen losfeuern, die Scheinwerfer blenden, die Menge johlt. Schöner hätte man ein Festival wie dieses – die Jubiläumsfeier „10 Jahre Grand Hotel van Cleef“ – nicht zu Ende bringen können, als mit dieser Mischung aus verdienter Selbstfeierei, Besinnung auf die Anfangsjahre und ins Scheinwerferlicht gestelltem Zusammenhalt. Obwohl man ja weiß, dass Wiebusch hier eben Quatsch gesungen hat: Er kann nicht „Ostküste“, er kann nicht „Westküste“ – der „Style“, der hier befeiert wurde, der das Grand Hotel van Cleef und seinen Erfolg ausmacht, das ist ganz klar „Nordküste“.

Zehn Jahre gibt es nun also das Grand Hotel van Cleef, das noch immer von Thees Uhlmann, Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff geführt wird und ursprünglich gegründet wurde, weil sich für das Kettcar-Debüt kein Label finden wollte. GHvC ist dabei ein Label, das ähnlich wie das jüngere, wildere Audiotlith aus der Hamburger Nachbarschaft für einen recht eigenen Sound und eine gewisse Haltung steht. Und diesen Sound könnte man tatsächlich gut als „Nordküste“ bezeichnen. Zwar hat man im Label-Oeuvre auch so tolle Platten wie „Transatlanticism“ von Death Cab For Cutie (das 2003 ihren Durchbruch zum Stadionact in ihrer US-Heimat einläutete), „Supporting Caste“ von der Linksaußen-Punkinstanz Propagandhi oder das Soloalbum von John K. Samson von den Weakerthans – aber die Zugpferde sind eben die Labelgründer selbst. Kettcar schaffen es inzwischen mit jedem Album aus dem Stand in die Albumcharts und Tomte-Chef Thees Uhlmann erlebt mit seinem Soloalbum, das er gemeinsam mit Tobias Kuhn (Ex-Miles) aufnahm, gerade so was wie einen zweiten Frühling.  So unterschiedlich die Projekte im Detail auch sein mögen: Nordische Melancholie, nordischer Humor und nordische Hemdsärmeligkeit – im positiven Wortsinn – prägen diese Musik und haben wohl auch einen Großteil der Fans auf die Trabrennbahn in Hamburg-Bahrenfeld gelockt.

Eröffnet wurde das Festival mit dem Young Rebel Set aus England, die Thees Uhlmann einst aus persönlicher Begeisterung ans Bord holte. Die Band um den immer leicht angeschlagen wirkenden Matty Chipchase hat sich mit ihrem bierseeligen Folk schon auf vielen Festivals bewährt und sorgte zumindest in den ersten Reihen für erstes herzhaftes Grölen. Leider verhinderte es der herrliche Akzent von Chipchase, das man genau verstand, wann denn nun ein neues Album erscheint. Bernd Begemann gab anschließend wie zwischen allen Acts für zehn Minuten den Pausenclown – und selbst, wenn sich das auf dem Papier bzw. im Line-up im Internet sehr gut las, wurde der Gutste doch ein wenig verheizt, was daran lag, dass der Aufbau hin und wieder nicht erlaubte, dass er tatsächlich einen Song spielen konnte. Zwar ist er Rampensau genug, um mit bloßen Worten und seinem „Macht Lärm!“ für Verstörung und Begeisterung zu sorgen, aber seine melancholische Seite, seine bisweilen lustigen, bisweilen schwerstromantischen Balladen blieben dafür leider auf der Strecke.

Die Kilians nutzten dann die Chance ihres Auftritt, um ihr neues Album ins Spiel zu bringen. Auch an dieser Band lässt sich gut festmachen, was man am Grand Hotel van Cleef hat: Ebenfalls mit Uhlmanns Unterstützung aufgepäppelt, nahm dieser anfangs jede negative Kritik gegen die sehr jung gestartete Band zum Anlass, persönlich beleidigt zu sein. Der Autor dieser Zeilen schrieb damals in einem anderen Magazin – ein wenig lästernd, zugegeben – „Ich hatte schon vorher Stoßgebete in den Himmel geschickt: ,Bitte nicht schon wieder eine Dinslakener Band, die sich einbildet in Camden zu wohnen!'“. Uhlmann schrieb darauf in einer frühen Biographie der Band, dass es doch genau darum gehen sollte im Rock’n’Roll: Dinslaken hinter sich zu lassen – und es bis nach Camden und darüber hinaus bringen zu wollen. Auch fauchte er mir einmal bei einer spätnächtlichen Begegnung auf einem Konzert in der Berliner Maria beim Rausgehen ins Gesicht, er müsse nach Hause, „scheiß Bands managen“ – was mich persönlich ein wenig verschreckte, da ich gar nicht wusste, dass er mich kennt, und ich sozusagen Label-Supporter erster Stunde war – und damals gar (wenn auch eher zufällig) in das konstituierende Kettcar-Konzert im Gleis 22 geraten bin. Aber im Endeffekt muss man ja festhalten, dass genau diese Reaktion die Sache so besonders macht: Hier hat man immerhin noch Herzblut und Wut auf die Kritikerjungspunde, die sich vermeintlich im Ton vergreifen – und das obwohl Thees Uhlmann ja schon ne Weile „im Biz“ ist und andere mit seiner Erfahrung schon längst dem Zynismus in die Gichtgriffel gefallen sind.

Zurück in die Anfänge von Tomte ging es dann in einem leider viel zu kurzen Block mit der Tomte-Originalbesetzung, der im Hemmoor-Style mit einem zünftigen „Moin!“ eingeleitet wurde. „Wilhelm das war nichts“, vom tollen Tomte-Zweitling „Eine sonnige Nacht“ eröffnete das kurze Set, dicht gefolgt von „Korn & Sprite“, „Pflügen“ vom noch recht rumpeligen Debüt, und  das so toll betitelte „Die Insecuritate hat meinen zuversichtlichen Bruder erschossen“ von der Blinkmuffel 7″, die stolz in meiner Plattensammlung Staub ansetzt und alle paar Monate mal feierlich aufgelegt wird. Leider merkte man, dass die Drei lang nicht mehr zusammen gespielt hatten und einiges am richtigen Ton vorbeirumpelte. Andererseits rumpelte es ja schon damals…

Der Kontrast zur eingespielten Thees Uhlmann Band konnte also kaum größer sein. Uhlmann warf sich dafür in einen feierlichen schwarzen Anzug und sich mit der ihm eigenen überdrehten Euphorie in seine Lieder. Hier hätte man sich noch weitere Tomte-Songs im Set gewünscht – andererseits war es nur konsequent, das aktuelle Baby zu feiern. Wobei es schon ein wenig seltsam war, „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluß hinauf“ gleich zweimal zu hören. Als Gast begrüßte Uhlmann – wie schon beim Melt! – Casper, der erst seinen Part in „Und Jay-Z singt uns ein Lied“ rappte, bevor die beiden Caspers „XOXO“ anstimmten. Erstaunlich, wie auch hier die Menge bei Caspers Auftauchen loslärmte und den Grenzgänger zwischen HipHop und Emo feierte. Fast wollte man an dieser Stelle dem Grand Hotel wünschen, dass ihnen bald mal so ein Künstler ins Netz geht – einer der die jüngere Generation deutschsprachigen Textens in ihren Katalog holt.

Auch die Show der Hansen Band, die ja damals für den Film „Keine Lieder über Liebe“ ins Leben gerufen wurde – und hinter „Sänger“ Jürgen Vogel Thees Uhlmann, Marcus Wiebusch, Felix Gebhard und Max Schröder versammelte – geriet kürzer, als man erhofft hatte. Vogel sagte dazu, er habe ja länger spielen wollen, aber man habe sich erst am Vorabend getroffen und die faulen Bandkollegen hätten die meisten Songs vergessen, während er extra noch mal die Texte gebüffelt hätte. Immerhin „Kamera“ sangen sie, und „Baby Melancholie“ und als Zugabe dann noch „Die Schönheit der Chance“ von Tomte – wo noch deutlicher wurde, dass Vogel um Längen besser schauspielert als singt. Egal: der Spaß an der Freude überwiegte und die Sprüche von Vogel sorgten für laute Lacher. So sagte er nach dem ersten Song: „Als wir damals Konzerte spielten, sagte der Wiebusch mir: ‚Alter, bloß nicht rumspringen! Wir sind hier nicht bei den Guano Apes!’ Und jetzt dreh ich mich um, und was sehe ich: Die ganze Band ist am Abspacken und Rumspringen!“

Zeit für das Finale: Kettcar, die sich konzentriert und mit stimmiger Lightshow durch ein schönes Best of-Set spielten. Als Gäste wurden auf halber Strecke zwei Drittel von Frittenbude begrüßt, die aus „Graceland“ „Raveland“ machten und neben dem Grand Hotel-Jubiläum auch noch an „20 Jahre Lichtenhagen“ erinnerten. Als erste Zugabe segelten natürlich alle zusammen „An den Landungsbrücken raus“ und freuten sich über den Kettcar-goes-Rammstein-Funkenregen, bis es dann zum oben beschriebenen Finale kam, das für frühe Fans nicht stimmiger hätte sein können. Während Wiebusch seine Nervosität gestand, weil er das Lied acht Jahre nicht mehr gespielt hatte, liefen bei mir die Bilder des trashigen Videos zum Song vor dem inneren Auge. Zwischen alten Familienaufnahmen sieht man darin die Publikumsfotos, die Kettcar bei ihren frühen Konzerten geschossen haben. Bei ihrem Debüt im Gleis 22 in Münster, bei ihrer Show in der Alten Post in Oelde oder im Schlachthof in Lingen – Shows bei denen ich irgendwo vorne links in der fünften Reihe stehe und singe: „Am besten auf dich, reimt sich immer noch mich / und sehr schön auf Trost reimt sich immer noch Prost / wir wussten von Anfang an, dort wo alles begann / Wir sind am Ende allein / aber alles muss sich reimen.“ Tja, und während dann die Konfettikanonen ballerten, da hob dann so mancher noch mal sein Glas und bedankte sich bei all denen, die da auf der Bühne standen, die am Ende eben nicht alleine waren – und die in vielen Songs bewiesen haben, dass sich eben nicht alles reimen muss.

In diesem Sinne: Alles Gute, Grand Hotel van Cleef! Auf die nächsten 10 Jahre! Denn am besten auf Altwerden reimt sich immer noch Aufdrehen – und nicht Sargnagel. Oder so…