American Football: „Die Mitte ist verdammt langweilig. Die spannenden Dinge liegen an den Rändern“

Wie lebt man mit einer Welt, die immer schwerer wird? Ein Gespräch mit American Football-Frontmann Mike Kinsella und seiner Band über Dunkelheit, Nostalgie und die Sehnsucht nach Echtheit.

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Mit „LP4“ haben American Football gerade ihr bislang dunkelstes Album veröffentlicht. Die Band, die wie kaum eine andere den Midwestern Emo geprägt hat, klingt darauf schwerer, existenzieller und persönlicher als je zuvor. Wir sprachen wir mit Sänger und Songwriter Mike Kinsella, Drummer Steve Lamos und Steve Holmes über Dunkelheit, Nostalgie, künstliche Realität – und warum wir keine Erlösung finden werden.

ROLLING STONE: Mike, auf eurem neuen Album begegnen einem schöne, verspielte Arrangements. Aber dahinter liegt eine tiefe Traurigkeit und Schwere, die man von American Football so bislang noch nicht kannte. Was ist da ins Rutschen gekommen?

Mike Kinsella: Ich verbinde Musik oft mit Traurigkeit oder Aufrichtigkeit. Ich mag keine reine Spaßmusik. Gleichzeitig wollten wir die Musik klanglich spielerischer gestalten, damit ein Kontrast zu den schweren Themen entsteht. Ich hoffe einfach, dass alles etwas weniger offensichtlich, weniger eindimensional wirkt. Dass es auch ein bisschen verwirrender oder komplizierter ist. So wie das Leben eben auch. Ich habe aber kein Problem damit, wenn etwas schwer ist. Schwer ist gut. Schwere Musik bringt einen dazu, mehr nachzudenken, Dinge zu hinterfragen oder sich stärker damit zu beschäftigen. Deshalb hoffe ich sogar, dass es schwer wirkt.

Aber wo kommt diese Schwere her? Die „LP3“ klang noch sehr viel offener und leichter, das neue Album dagegen ist enger, dunkler und geschlossener. Was ist zwischen diesen beiden Alben passiert?

Mike Kinsella: Eine ganze Menge. Wir haben eine globale Pandemie überstanden. Wir hatten Scheidungen innerhalb der Band. Und auch wir als Band haben uns gewissermaßen getrennt und später wieder zusammengefunden. Es ist einfach unglaublich viel passiert. Aber es war nie eine bewusste Entscheidung zu sagen: Jetzt machen wir ein dunkleres Album. Wir sind mehr an einem Punkt angekommen, an dem wir fast denken: Eigentlich dürfte es uns als Band gar nicht mehr geben. Wir sind irgendwie von den Toten zurückgekehrt. Deshalb fühlt es sich an, als könnten wir jetzt wirklich machen, was wir wollen. Und genau das tun wir gerade.

Kommt das Gefühl der „Schwere“ also vielleicht auch daher, dass die Welt selbst schwerer geworden ist? Beeinflusst euch das heute stärker als noch vor einigen Jahren?

Mike Kinsella: Als wir „LP1“ gemacht haben, waren wir noch im College. In diesem Alter ist deine Welt eben nur so groß wie deine bisherigen Erfahrungen. Damals bestand das Leben vielleicht daraus, mit Freunden herumzuhängen oder ein oder zwei Beziehungen erlebt zu haben. Heute ist alles viel größer geworden. Unsere Erfahrungen haben sich enorm erweitert, und ich glaube, genau diese Erfahrungen bringen wir heute auch in die Texte ein.

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Steve Lamos: Vielleicht ist die „LP4“ tatsächlich ein Album aus der Perspektive des mittleren Lebensabschnitts. Viele Dinge, die wir in den USA lange als selbstverständlich angesehen haben, scheinen gerade auseinanderzufallen. Allianzen mit Europa verändern sich. Vieles gerät ins Wanken. Ich glaube nicht, dass man bewusst in dieser Welt leben kann, ohne über solche Dinge nachzudenken.

Was ist denn für euch schwieriger? Mit der Welt zu leben oder mit sich selbst?

Mike Kinsella: Beides. Das Leben ist schwer. Früher hätte ich wahrscheinlich gesagt: mit mir selbst. Aber inzwischen scheint die Welt immer dunkler und dunkler zu werden. An manchen Tagen wache ich auf und bin komplett von meinen eigenen Gefühlen eingenommen. An anderen Tagen fühle ich stärker mit dem Zustand der ganzen Welt oder mit dem, was andere Menschen durchmachen. Beides ist schwierig. Und gleichzeitig gibt es natürlich auch diese völlig normalen Momente. Heute Abend gehe ich zum Beispiel zu einem Cubs-Spiel. Es sollen ungefähr 21 Grad werden. Es wird großartig. Der Abend wird fantastisch und ich werde in dieser Zeit definitiv keine Texte schreiben. Mein Kopf funktioniert dann einfach nicht in diesem Modus. Und so düster manches auch ist – am Ende versuchen trotzdem alle einfach nur, ihr Leben zu leben. Und ich glaube, das steckt auch in der Musik.
Ein Song sticht für mich besonders heraus: No Soul to Save, der letzte Song des Albums. Es geht um einen Künstler, der unter dem Gewicht seiner eigenen Rolle zusammenbricht…

Mike Kinsella: …ich würde schon sagen, dass wir uns alle manchmal so fühlen. Es ist seltsam – wir sind eigentlich einfach nur Väter und führen ganz normale Leben. Das ist vielleicht sogar der Segen daran, erst später im Leben in diese Situation hineinzukommen. Aber manchmal gibt es diesen Wechsel – fast wie ein Schleudertrauma – zwischen einem völlig normalen Alltag und plötzlich dem Auftreten vor Menschen. Wir versuchen als Band eigentlich immer zu vermitteln: Wir sind nur normale Menschen, die auf einer Bühne stehen und normale Songs spielen. Aber sobald man vor Menschen steht, nimmt man automatisch eine andere Rolle ein. Selbst jetzt im Interview passiert das. Man wird ein bisschen performativer, ohne es wirklich zu wollen. Und manchmal fühlt sich das nicht so erfüllend an, wie man dachte. Du denkst: Ich habe gerade etwas gemacht, auf das ich wirklich stolz bin – vor vielen Menschen. Ich müsste mich doch großartig fühlen. Und trotzdem kommt es manchmal vor, dass man danach dasteht und plötzlich weint und sich fragt: Warum eigentlich?

Steve Holmes: Für mich wirken die letzten zwei Minuten des Songs fast hoffnungsvoll. Es fühlt sich an, als würde die Figur aus dem ersten Teil irgendwann verschwinden und am Ende etwas Neues entstehen. Ja, einige Songs auf dem Album wirken eingeschlossen – aber ich glaube nicht, dass es dort endet.

Gerade dieser letzte Song wirkt auf mich interessant, weil er ein merkwürdiges Gefühl hinterlässt. Du sagst, dass das Ende hoffnungsvoll wirkt – aber gleichzeitig scheint der Text jede Form von Erlösung abzulehnen.

Steve Holmes: Genau das mag ich daran. Für mich ist der Song überhaupt nicht fatalistisch – auch wenn man die Texte so lesen könnte. Eher im Gegenteil: Ich brauche diese Erlösung gar nicht. Ich akzeptiere, wer ich bin. Das hat fast etwas Religiöses. Deshalb fühlt sich dieses Album für mich wie ein größerer Sprung an als die früheren. Es wirkt, als könnte diese Band inzwischen alles sein, was sie sein möchte. Und genau deshalb liebe ich das Ende: Weil man am Schluss an einem Ort der Akzeptanz ankommt.

Man akzeptiert also auch das eigene Leid einfach als Teil von sich?

Steve Holmes: Für mich ist das etwas Positives. Ich glaube, dass durch das ganze Album hindurch Licht in der Dunkelheit steckt. Und besonders am Ende. Und ganz ehrlich: Als ich diesen Song zum ersten Mal mit Gesang gehört habe, kamen mir die Tränen. Als Bandmitglied klingt das immer etwas absurd, wenn man so etwas sagt – aber ich finde einfach, dass es ein großartiger Song ist.
Eure Musik lebte immer von Offenheit und Verletzlichkeit. In einer Zeit permanenter Selbstinszenierung: Wird Authentizität da wertvoller – oder schwieriger?

Mike Kinsella: Ich mache seit sehr langer Zeit Musik und war eigentlich immer an einem Punkt, an dem ich dachte: Was eben herauskommt, kommt heraus. Ich komme aus einer DIY-Kultur. Meine Musik war vielleicht nie Punk, aber die Haltung dahinter war immer: Nimm es oder lass es. Es war egal, ob etwas populär war oder nicht. Aber inzwischen habe ich das Gefühl, dass viel mehr Menschen zuhören. Und vor allem Menschen, die vielleicht gar nicht aus derselben Szene oder derselben Welt kommen wie ich. Und ehrlich gesagt fühlt sich das heute seltsamer an als jemals zuvor. Früher dachte ich: Wenn jemand diese Band oder diese Musik mag, dann versteht diese Person vielleicht auch die Verletzlichkeit darin oder empfindet Mitgefühl damit. Heute frage ich mich manchmal, ob genau diese Offenheit uns nicht auch verwundbar macht.

Steve Lamos: Ich bin gerade erst von einer Lehrer-Konferenz zurückgekommen auf der wir uns sehr intensiv mit KI auseinandergesetzt haben (Anmerkung der Redaktion: Steve Lamos arbeitet als Professor für Writing and Rhetoric an der University of Colorado). Wir haben darüber gesprochen, dass wir Texte mögen, die Fehler enthalten – weil dann offensichtlich ist, dass sie von einem echten Menschen geschrieben wurden und nicht einfach durch einen Knopfdruck entstanden sind. Authentizität scheint heute fast alles zu sein. Menschen suchen danach, weil wir Maschinen gebaut haben, mit denen man praktisch jede Form von künstlicher Realität erzeugen kann. Und vielleicht ist genau das heute plötzlich ein Vorteil für uns. Diese Band war seit dreißig Jahren immer authentisch – manchmal vielleicht sogar auf eine peinliche Art. Aber heute könnte das plötzlich wieder wertvoll sein. Denn wir leben in einer unglaublich künstlichen Zeit.

Mike Kinsella: Ich glaube, die Menschen werden irgendwann anfangen, sich dagegen zu wehren.

Steve Lamos: Gestern hatte ich übrigens dieselbe Unterhaltung mit meiner Tochter auf dem Weg zurück zum College. Wir haben darüber gesprochen, dass gerade im künstlerischen Bereich das Interessante die Dinge sind, die nur du selbst erschaffen kannst. Die seltsamen Eigenheiten. Die merkwürdigen Dinge. Die Erfahrungen, die nur du gemacht hast. Genau das macht Menschen interessant. KI erzeugt am Ende oft die durchschnittlichste und langweiligste Version von etwas. Sie bewegt sich immer zur Mitte. Und die Mitte ist verdammt langweilig.
Viele Menschen verbinden American Football mit Nostalgie. Gleichzeitig scheint unsere Gesellschaft insgesamt immer häufiger zurückzublicken.

Warum sehnen wir uns gerade so sehr nach Vergangenheit?

Mike Kinsella: Ich glaube, die jüngere Generation ist davon ziemlich stark geprägt. Gleichzeitig wissen sie gar nicht, was ihnen eigentlich fehlt. Zum Beispiel die Erfahrung, in einen Plattenladen zu gehen und sich stundenlang durch Regale zu wühlen, statt einfach jederzeit alles sofort verfügbar zu haben. Ich glaube, sie werden auf eine Art von den Möglichkeiten regelrecht überwältigt, ohne das selbst wirklich zu merken. Deshalb wird es wahrscheinlich immer wieder diesen Blick zurückgeben. Was unsere Rolle als Band betrifft: Ich glaube, wir gehen ganz gut damit um. Wir erkennen diese Vergangenheit an, aber wir versuchen nicht, uns darin einzurichten. Natürlich beeinflusst uns das trotzdem.

Steve Lamos: Es heißt: Nostalgie ist eine leichte Form von Depression. Wenn man nur zurückblickt, um vor der Gegenwart zu fliehen, dann ist das nicht gesund. Aber gleichzeitig gibt es viele Studien, die zeigen, dass Nostalgie durchaus etwas Positives sein kann. Sie kann Menschen helfen, mit gegenwärtigem Stress umzugehen und gleichzeitig nach vorne zu gehen. Und weil ich selbst ständig mit jungen Menschen arbeite, glaube ich trotz allem: Ja, viele von ihnen haben Angst vor dem, was gerade passiert. Aber gleichzeitig sind sie erstaunlich widerstandsfähig. Sie mussten sich mit Dingen auseinandersetzen, über die unsere Generation nie nachdenken musste. Und ich hoffe – und glaube –, dass sie einen Weg finden werden, damit umzugehen.

Mike Kinsella: Ja, ich glaube auch, dass sie das hinkriegen werden.