Arcade Fire im Interview. Tickets gewinnen!


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In diesem Jahr finden die Festivals Hurricane und Southside am Wochenende vom 17. bis zum 19. Juni statt – präsentiert vom ROLLING STONE. Wir stellen ab sofort jede Woche in aller Ausführlichkeit einen Act des Line-ups vor – die großen ebenso wie die kleinen. Nach den Foo Fighters und Suede folgt nun der zweite große Headliner – Arcade Fire. Bei der Gelegenheit: Ein weiterer Headliner – nämlich Blink 182 – hat abgesagt und wird nun von Incubus ersetzt. Eigentlich eine ganz schöne Entwicklung…

Wie in der letzten Woche angekündigt, verlosen wir heute auch die ersten Tickets – und zwar jeweils zwei Karten für Hurricane und Southside. Und so geht’s: Einfach unsere Facebook-Page www.facebook.com/rollingstonemagazin „liken“, das Posting zu diesem Feature suchen und mit dem jeweiligen Wunschfestival kommentieren – also entweder „Hurricane“ oder „Southside“.

Aber zurück zum Thema: Als Torsten Groß Regine Chassagne (Foto) und Win Butler zum Gespräch traf, erlebten diese gerade die bislang ereignisreichste Woche in der Karriere ihrer Band. Zuerst hatten Arcade Fire in Los Angeles spektakulär den wichtigen Grammy für das beste Album des Jahres erhalten. Eine Disziplin, in der die Kanadier unter anderem gegen Lady Gaga und Eminem angetreten waren – der Satz „Who is Arcade Fire“ war am Tag danach die meisgesuchte Wortkombination auf Google. Unmittelbar danach triumphierten Arcade Fire bei den Brit Awards. Als sie schließlich an einem Mittwochabend einige Tage danach auf der Berlinale ihren Kurzfilm „Scenes from the Suburbs“ vorführen, sind Win Butler und Regine Chassagne zwar sichtlich gezeichnet von den Aufregungen der letzten Tage, aber insgesamt gut gelaunt. Viel Zeit zum Ausruhen bleibt ohnehin nicht: Nach einem kürzeren Urlaub stehen die großen Sommerfestivals vor der Tür. Unter anderem treten Arcade Fire beim vom Rolling Stone präsentierten Hurricance/Southside auf. Zeit für ein paar Fragen.

Win Butler: Ich hab mir gerade das Line-up angesehen. Wissen Sie, was die Arctic Monkeys, Portishead und uns miteinander verbindet?
Dass Sie alle drei beim Hurricane/Southside auftreten?

Butler: Auch, aber das meinte ich nicht. Nein, dass all diese Bands auf ihren aktuellen oder kommenden Alben mit demselben Mischer arbeiten. Craig Silvey hat „The Suburbs“ und das letzte Portishead-Album gemixt und arbeitet jetzt gerade an der kommenden Platte der Monkeys. Drei völlig unterschiedliche Bands, eine Gemeinsamkeit.

Man denkt ja immer, dass bei diesen Preisverleihungen eigentlich schon vorher klar ist, wer gewinnt und wer nicht. Sie jedoch wirkten bei der Grammy-Verleihung ehrlich überrascht und extrem nervös …
Butler: Es ist den Ausrichtern in der Tat ziemlich gut gelungen, das bis zum Ende unter Verschluss zu halten. Wir hatten keine Ahnung!

Regine Chassagne: Als Miss Barbra Streisand den Titel unseres Albums verkündete, konnte ich es nicht glauben. Einfach, weil ich absolut nicht damit gerechnet hatte, dass wir gewinnen. Als sie mit The Sub … ansetzte, und dann diese kleine Kunstpause einlegte, hab ich immer noch gedacht, dass sie bestimmt irgendwas anderes meint und nicht ausgerechnet unser Album. Mir stand der Atem still. (lacht)

Butler: Eigentlich hatten wir zu dem Zeitpunkt überhaupt keine Erwartungen mehr, weil wir in der Disziplin „Best Alternative Album“ verloren hatten. Also fanden wir uns damit ab, dass es absolut keine Chance für uns gibt, irgendwas zu holen. Und dann dieser Moment!

Inwiefern war der Grammy für das beste Album auch eine Bestätigung für Ihr unbedingtes Festhalten am klassischen Album-Konzept in Zeiten von Downloads und iTunes-Playlisten?
Butler: Nun, wir sind eine Album-Band, wir glauben absolut an die Kraft von Alben. Und dann für diese eine besondere Platte, an wir so hart gearbeitet haben, diese Anerkennung zu kriegen, das ist schon schön. Dabei geht es gar nicht mal so sehr um den Preis selbst, um ganz ehrlich zu sein. Das Besondere war dieser völlig surreale kulturelle Moment bei der Verleihung: für einen Tag zu Gast in einer anderen Welt zu sein.

Vielleicht hat der Erfolg des Albums auch etwas damit zu tun, dass viele Leute mit dem Thema etwas anfangen können. All die Menschen, die aus der Provinz in die großen Städte gezogen sind, das ist ja ein sehr universelles Thema. Gab es irgendwelche Reaktionen seitens jener, mit denen Sie aufgewachsen sind und deren gemeinsame Kindheit und Jugend dem inhaltlichen Konzept zugrunde lag?
Butler: Es geht auf der Platte ja mehr um ein bestimmtes Gefühl als im Wortsinne um bestimmte Biografien. Tatsächlich hat das aber einiges bewegt, vor allem in den letzten Tagen. Ich habe Houston mit 15 verlassen und dadurch den Kontakt zu vielen Leuten von früher verloren. Inzwischen haben einige von ihnen wieder Kontakt mit mir aufgenommen, die Themen der Platte haben also viele meiner alten Freunde erreicht, was ich ziemlich cool finde, weil ich nicht bei Facebook bin. My version of facebook is winning the grammy! (lacht)

Was ist ihr wichtigstes Accessoire auf Tourneen?
Butler: Ich habe immer mein eigenes Kopfkissen dabei. Und bei den großen Sommerfestivals sollte man stets ein Paar guter Gummistiefel im Gepäck haben.

Gibt es irgendwelche Rituale, bevor Sie auf die Bühne gehen?
Win: Nicht direkt. Wir gehen immer alle zusammen – und vorher bilden wir kurz einen Kreis und klatschen uns ab. Aber das macht wohl jede Band der Welt so. Trotzdem ein wichtiger Moment: Einmal jedem in die Augen gucken, sich gegenseitig ein bisschen heiß machen. Ich trage außerdem immer Schnürstiefel auf der Bühne. Das ist im Prinzip auch eine Art Ritual, weil ich im sonstigen Leben nur Basketballschuhe trage. Ich habe Schuhgröße 48, da findet man kaum was anderes als Turnschuhe. Wenn ich also meine Schuhe schnüre, bevor wir auf die Bühne gehen, dann fühlt sich das ein bisschen so an, wie in die Schlacht zu ziehen.

Haben Sie in Ihrer Jugend Sommer-Festivals besucht?
Butler: Leider nicht. Das liegt aber vor allem daran, dass es vor dem Coachella und dem Bonnaroo diese Festivalkultur, wie wir sie aus Europa kennen, in den USA gar nicht gab.

Was schmeißen die Leute bei Ihren Konzerten auf die Bühne?
Chassagne: Unsere Fans sind sehr nett, da wird fast nie was geschmissen.

Auch keine Stofftiere oder Liebesbriefe?
Butler: Das weniger. Aber wir kriegen regelmäßig Demo-CDs von irgendwelchen Bands. Was ich super finde, weil ich das früher auch gemacht habe. Die meiste Zeit hab ich als junger Mensch mit dem Wunsch verbracht, dass die Menschen meine Musik hören könnten.

Chassagne: Bei irgendeinem Konzert hat jemand eine Platte auf die Bühne geworfen. Ich dachte, es sei ein Demo, hob sie auf und bedankte mich in die Menge hinein, weil ich natürlich nicht gesehen hatte, woher das kam. Erst nach dem Konzert fiel mir auf, dass es unsere eigene Platte war. Diese Leute wollten ein Autogramm haben und ich hab‘s nicht geschnallt. (lacht) Leider war es später unmöglich rauszufinden, wem die Platte gehörte.

Butler: Das ist doch mal ein gutes Modell für die gebeutelte Plattenindustrie! Wir, also die Künstler, klauen den Fans unsere eigenen Platten, damit sie sie immer wieder und wieder kaufen müssen. (lacht) Sie kennen sicher den Spruch, dass man manche Filme zweimal gesehen haben muss, um sie richtig zu erfassen. Und wir sagen jetzt eben: Erst wenn ihr „The Suburbs“ mindestens zweimal gekauft habt, könnt ihr mitreden. (lacht)

Auftritte bei Festivals können Karrieren verändern. Es gibt immer noch Videos bei Youtube von Ihrem ersten großen Glastonbury-Slot 2007. Sie spielen den Song „Wake Up“ und dieses endlose Meer der Menschen, glücklichen Gesichter, Hände und Flaggen verschlägt einem fast den Atem (Video siehe unten). War das so ein Augenblick, wo Sie gemerkt habt, dass sich da gerade ganz gewaltig was ändert?
Butler: Es ist lustig, jetzt „Wake Up“ bei all diesen Mega-Festivals zu spielen. Wenn man etwas schreibt, hat man ja nicht die geringste Ahnung, was die Leute aus diesem Song machen werden, wie sie ihn interpretieren, was er für ihr Leben bedeuten wird. Man hat erst mal nur seine eigene Interpretation. Als wir „Wake Up“ am Anfang in diesen ganz kleinen Clubs gespielt haben, war das für mich eher ein aggressiver, kämpferischer Song. Zu sehen, wie sich das durch die großen Konzerte in diese lebensumarmende, freudvolle Riesen-Hymne verwandelt hat, war für uns selbst die größte Überraschung. Aber das ist ja gerade das Tolle am Leben: Dass man nie weiß, was als Nächstes passiert. Sobald man seine Musik in die Welt entlässt, verliert man die Kontrolle darüber, und das ist gut so.

Fragen Sie mal Jack White, ob er feiernde Fußballfans in europäischen Stadien im Sinn hatte, als er „Seven Nation Army“ schrieb …
Butler: Exakt. Das ist die Kraft der Simplizität. Eine einfach nachzuvollziehende, kraftvolle Melodie kann enorm viel bewirken. Lange bevor wir „Funeral“ gemacht haben, hat Regine ein paar Kinder zwischen acht und zwölf mit in unseren Proberaum gebracht, mit denen sie damals gerade an der Schule arbeitete. Sie zeigte den Kindern unsere Instrumente und natürlich wollten sie irgendwas spielen. Also hat sie ihnen „Seven Nation Army“ beigebracht, weil der Song so simpel und gleichzeitig so wahnsinnig effektiv ist.

Wie läuft das bei den großen Festivals im Backstage-Bereich? Wie man hört, spielen Sie dort lieber Tischtennis als Drogen zu nehmen oder die Garderobe zu verwüsten. Vor einigen Jahren spielten sie etwa ein Match gegen Damon Albarn beim amerikanischen Coachella-Festival, wie ging die Sache aus?
Butler: Damon hat gewonnen, das war noch bevor ich es zu wahrer Meisterschaft gebracht habe. Damon ist definitiv einer der ganz großen Tischtennis-Spieler in diesem Geschäft. Er und Zach de La Rocha von Rage, das sind die besten. Inzwischen sieht die Sache allerdings ein bisschen anders aus: Während der Aufnahmen von „The Suburbs“ hatten wir einen Tisch und haben reichlich trainiert. Unser amerikanischer Booker meinte letztens, wann immer er „The Suburbs“ höre, denke er sich im Geiste das typische Tischtennis-Geräusch mit. Er nennt sie unsere „Pingpong-Platte“. (lacht) Ich bin also bereit, diesen Sommer jede Herausforderung anzunehmen.

Auf einigen der großen Konzerte der letzten Jahre haben Sie mit prominenten Gästen wie David Bowie oder Bruce Springsteen zusammengespielt. Was ist das für ein Gefühl mit diesen übergroßen Legenden die Bühne zu teilen, mit deren Musik sie groß geworden sind?
Butler: Wir sind wohl die glücklichste Band der Welt, was diese Dinge betrifft. Ich meine, Bruce Springsteen hat einen unserer Songs gespielt! Wir waren bei der Probe und dann steht da die E Street Band und spielt „Keep The Car Running“. Das war mindestens so gut, wie den Grammy zu gewinnen. Wenn mir das früher jemand erzählt hätte… Mit Bowie war es genauso. Wir spielten „Wake Up“ zusammen, und es war so jenseits aller Möglichkeiten – beinahe surreal.

Was dürfen wir für Ihren Auftritt beim Hurricane erwarten: Wird es Überraschungen geben?
Butler: Die Voraussetzungen sind gut! Wir haben jetzt erstmal einen Monat Pause, danach touren wir durch die USA, dann ist wieder vier Wochen Pause. Mit dieser Platte haben wir es endlich gelernt, etwas besser mit unseren Kräften hauszuhalten und nicht bis zur völligen Erschöpfung zu touren. Und wenn wir dann diese großen Konzerte spielen, haben wir wirklich große Lust dazu und sind alle sehr heiß. Ich kann also versprechen, dass wir dieses Jahr weitaus frischer und weniger ausgebrannt sein werden als beim letzten Hurricane-Auftritt. Ein sehr großer Unterschied zu früher ist, dass wir diese riesigen Konzerte inzwischen richtig genießen können.

Hier noch einmal das besagte Video vom ersten großen Glastonbury-Auftritt im Jahr 2007. Mit „Wake Up“ endete ihr Set:

Hier die bereits bestätigten Acts auf dem Hurricane / Southside:
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