Arctic Monkeys: Alex Turner im großen Interview zum neuen Album „The Car“

Nach ihrer kontroversen Lounge-Platte rudern die Arctic Monkeys nicht zurück, sondern bestätigen die neue Richtung. Weit entfernt vom Indie-Rock der frühen Tage fesseln sie mit raffiniertem Soul, reizvollen Rätseln und gewohnt großen Ideen.

Ein von Alex Turner vollgeschriebenes Textblatt birgt erfahrungsgemäß ebenso viel Poesie wie kryptische Knobelaufgabe. Auch auf dem olivgrünen Innencover von „The Car“, dem ersten Arctic-Monkeys-Album seit vier Jahren, finden sich reichlich allegorische Fährten. Eine besonders ergiebige führt von der sich mit funky Seventies-Vibes anpirschenden Nummer „Hello You“ zu „Tread Softly, Stranger“, einem umsonst auf YouTube streambaren, britischen Film Noir aus den Fünfzigerjahren, gefilmt in den vom Qualm eines Stahlwerks und dem Dampf durchrauschender Lokomotiven erfüllten Straßen einer englischen Industriestadt.

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Die Verbindung zwischen diesem cineastischen Nachkriegskunstwerk in schwarzweiß und dem betreffenden Song ergibt sich – mit ein wenig Hilfe der Suchmaschine – aus drei rätselhaft bedeutend klingenden, in dessen Text eingestreuten Wörtern: „Rawborough Snooker Club“. Wir stellen uns ein so benanntes Etablissement als verruchte, verrauchte Billard-Höhle mit latentem Potential zu spontanen Schlägereien unter der Kundschaft vor. „Okay, großartig“, freut sich Alex Turner, als der ROLLING STONE ihn mit dieser These konfrontiert, sichtlich zufrieden, dass einer seiner Köder gefangen hat. „Und was haben Sie bei Ihrer Suche noch herausgefunden?“

Columbo kramt in seinen Notizen nach weiteren Indizien aus demselben Song: „I’ve snorkeled the beaches fruitlessly“ hört man Turner da beispielsweise in schwer platzierbarem mid-Atlantic-Akzent croonen. Er klingt wie ein weißer Curtis Mayfield mit gerade genug Selbstironie im dekadent seidigen Zungenschlag, eine gefühlte Ewigkeit entfernt von dem pickeligen Jungen, der einst mit seiner weißen Stratocaster unter den Achseln aus dem britischen Indie-Rock-Ghetto der Nullerjahre zu seiner Reise an glamourösere Gestade aufbrach. In den Jahren dazwischen sollten die Arctic Monkeys mit Umweg über Kalifornien (wo im Studio der Wüstenrocker-Gang rund um Josh Homme 2009 das wegweisend amerikanophile „Humbug“ bzw. 2012/13 das Durchbruchs-Album „AM“ entstanden) zu globalen Festival-Headlinern mutieren. Turner selbst wiederum wandelte sich zum Rockstar mit Fifties-Tolle und geisterte fortan an den Armen von Schauspielerinnen und Supermodels durch die bunte Parallelwelt der Clickbait-Links.

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Analog dazu ist der von den käuflichen Freuden der Welt hörbar enttäuschte Erzähler von „Hello You“ also die besten Strände entlang geschnorchelt. Fruchtlos, wie er behauptet. Vom Leben desillusioniert wandert sein Finger nachdenklich zur Rückspultaste, denn es zieht ihn zurück zu den bescheidenen Anfängen: „Why not rewind to Rawborough Snooker Club?“

Natürlich kommt in „Tread Softly, Stranger“ kein Snooker Club vor, das wäre einem hyperaktiv nach Assoziationen angelnden Autor wie Turner allzu offensichtlich. Aber seine Anspielung hat uns wohl nicht zufällig zu einem Film geleitet, in dem ein gescheiterter Lebenskünstler aus der großen Stadt London in die heimatliche Provinz zurückkehrt.
„Stimmt, haha!“, prustet Turner, witternd, welcher Vergleich sich als nächstes anbietet: Könnte man diese Rückkehr aus der Metropole in seinem Fall auch als ein Hinter-sich-Lassen der Showbiz-Blase von L.A. interpretieren?

„Vielleicht nicht explizit,“ sagt er zögerlich, „Aber ich denke, wir könnten sagen, dass diese Platte in verschiedenen Schattierungen vom Ziehenlassen der Vergangenheit erzählt. Von Dingen, die man beim Blick über die Schulter sieht, während man in eine andere Richtung geht.“

Ein im Text des angesprochenen Songs zitierter, fiktiver Dankes- bzw. Abschiedsbrief formuliert es wesentlich eleganter:
„As that meandering chapter reaches its end and leaves us in a thoughtful little daze, this electric warrior’s motorcade shall burn no more rubber down that boulevard.“

In seinem süffigen Sarkasmus klingt das auch nach einer Absage an den „elektrischen Krieger“ selbst, spätestens seit dem gleichnamigen T. Rex-Album ein ewiger Archetyp der Rockstar-Persona.

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„Ich bewahre die Rockstar-Persona tief in meinem Herzen auf“, widerspricht Alex Turner, diesmal ohne zu zögern, „und das werde ich immer tun.“

Als der ROLLING STONE ihn an einem Londoner Sommertag in einer überklimatisierten Hotel-Suite zum Gespräch trifft, trägt Turner ausgewachsenes Haar, Bartstoppel und einen knallblauen Anzug zu weißem T-Shirt, schwarzen Loafers und der etwas falschen Art von Socken (schwarz, aber Tennis) – ein kleiner stilistischer Fehltritt, den man ihm erst recht wieder positiv als das Privileg des immer noch jungen Mannes auslegen möchte. „I could pass for seventeen if I just get a shave and catch some Zzz“ („Ich könnte als Siebzehnjähriger durchgehen, wenn ich mich rasiere und mir ein bisschen Schlaf gönne“), wie es zutreffend in „Hello You“, in der Zeile gleich nach dem Snooker Club heißt. Und Columbos Suche nach den in jenem Text verborgenen Wahrheiten ist übrigens noch lange nicht zu Ende.

Rawborough ist nämlich ein erfundener Ortsname, bzw. der in oben erwähntem Nachkriegsfilm gewählte Deckname für Rotherham, jene Industriestadt im nordenglischen South Yorkshire, die schon im Jahre 2005 im ersten Hit der Arctic Monkeys, „I Bet You Look Good On The Dancefloor“, prominent vorkam: „You‘re not from New York City/ You‘re from Rotherham“, feixte der 19-jährige Turner damals in breitem South Yorkshire-Dialekt mit der charakteristischen Herablassung, die die Menschen überall auf der Welt ihrer jeweiligen Nachbarstadt vorbehalten (Rotherham ist eine Auto-Viertelstunde von High Green entfernt, der Vorstadt von Sheffield, wo die Arctic Monkeys aufwuchsen).

Wenn er heute als 36-Jähriger von der Rückkehr nach Rawborough singt, ist sein Unterton dagegen nicht spöttisch, sondern – im Gegenteil – persönlich und sentimental: „Mein Großvater arbeitete beim Dreh von ,Tread Softly, Stranger‘ ein bisschen im Hintergrund mit“ erklärt Turner, „Er half der Crew aus. Man kann ihn im Film nicht sehen, aber man hört einmal seine Stimme aus dem Off ‚Gute Nacht‘ zum Hauptdarsteller sagen. Als ich so sechzehn, siebzehn war, also ungefähr zu der Zeit, als ich mit der Band anfing, ging ich immer mit meinem Großvater Snooker spielen. Nicht in der fiktiven Stadt Rawborough, natürlich. Aber im Snooker Club wurden wir zu Freunden, mein Großvater und ich. Und an diesem Stadium der Geschehnisse musste ich an ihn denken.“

Turners Interviews sind bisweilen noch kryptischer als seine Texte. Mit „Stadium der Geschehnisse“ („stage of proceedings“) meint er wohl die derzeitige Phase in der Karriere der Arctic Monkeys, die 2018 mit den gedämpften, lukullischen Retro-Sounds ihres letzten Albums „Tranquility Base Hotel & Casino“ eine gewisse Linkskurve eingeschlagen hatte. „The Car“ steuert dem nicht entgegen, sondern konsolidiert diesen Richtungswechsel vielmehr mit noch mehr souliger Sophistication und lyrischen Reflexionen über „the Business they call Show“. So wie sein Vorgänger lässt sich das Album als Konzeptwerk verstehen, bloß spielt es diesmal nicht auf einer Mondbasis, sondern in der fiebrigen, von Unsicherheiten und Selbstzweifeln heimgesuchten Welt der Vorbereitungsphase einer großen Produktion. Irgendwas zwischen Showbiz und Kunst, eine Ausstellung, ein Film, eine Modeschau, vielleicht auch das Album selbst.

Arctic Monkeys

Da werden große Ideen ausgebrütet, Titelmelodien für Mandolinen adaptiert und voreilig Orchester bestellt: „I had big ideas, the band were so excited, the kind you’d rather not share over the phone. But now the orchestra’s got us all surrounded and I cannot for the life of me remember how they go“ (aus „Big Ideas“). Indessen werden Jet Ski-Fahrer Cinemascope-gerecht dabei gefilmt, wie sie sich im Wassergraben des Anwesens tummeln („Jet Skis On The Moat“), und auf Armen, Beinen und Gesichtern der Geliebten haftet noch ein Rest der Kriegsbemalung vom letzten Cover-Shoot („Body Paint“). In einem Song namens „Sculptures of Anything Goes“ streift Turners Lyrik mutig konkret an den Realitäten seines eigenen Luxus-Dilemmas an: „Puncturing your bubble of relatability with your horrible new sound“ („Mit deinem furchtbaren neuen Sound pikst du ein Loch in die Blase deiner Zugänglichkeit“) heißt es da, und: „The simulation cartridge for City Life ‘09 is pretty tricky to come by.“ Eine Zeile, die Turner selbst auf seine Lektüre von David Foster Wallace zurückführt, die sich aber genauso als selbstironische Beschreibung der Suche des Songwriters nach dem Material des urbanen Alltags auslegen ließe, mit dem er früher einmal die Menge im Moshpit auf der Ebene ihrer gemeinsamen Erfahrungen anzusprechen pflegte.

„Wie singt man einen verdammten Song wie ,Teddy Picker‘?‘ Haha“

Der Alex Turner von heute gibt nicht mehr vor, die Welt seines Publikums zu teilen, aber seine Stimme klingt umso offener, verwundbarer, befreit von der Schutzschicht des jugendlichen Zynismus. „Das ist gut, ich bin froh, dass es offener rüberkommt“, sagt er. „Ich empfinde Klang und Vortrag der Stimme ja als mindestens genauso vielsagend wie die Texte.“
Er hat einen Namen für sein früheres Performer-Ego, das stets die Zähne fletschend, mit verächtlich hochgezogenem Mundwinkel sang: Mr Snarl. „Manchmal kommt Mr Snarl noch zum Vorschein“, erklärt Turner. „Wir haben gerade ein paar alte Songs für die kommenden Shows geprobt, und es ist eigenartig, was sich richtig und was sich erzwungen anfühlt, wenn wir zu fünft im Proberaum stehen. Es kommt einem völlig verrückt vor, diesen Typen zu verkörpern, wenn man einen mit Teppich ausgelegten Raum ansingt. Da stehe ich, starre auf den Teppich und frage mich: ‚Wie singt man einen verdammten Song wie ,Teddy Picker‘?‘ Haha. Aber ich verlasse mich darauf, dass alles wieder Sinn ergeben wird, sobald andere Menschen im Raum sind.“

Menschen, die Ihnen Ihre Songs entgegen singen?

„Naja“, sagt er, „Drücken wir die Daumen, dass sie nichts werfen.“

Sollen wir Alex Turner diese Unsicherheit über die Dauerhaftigkeit seiner Strahlkraft abnehmen, oder ist er hier bloß kokett? Er gibt jedenfalls offen zu, dass bandintern die Herausforderung der Toleranz treuer Arctic Monkeys-Fans durchaus Diskussionsthema ist. Das 2020 erschienene „Live At The Albert Hall“-Album dokumentiert den Stand der Dinge 2018, als sich die Songs von „Tranquility Base“ im Eifer des Bühnengefechts in Lautstärke und Vehemenz jenen der früheren Rock-Phase annäherten. „Ganz ehrlich gesagt ging [die Richtungsdebatte] wohl schon mit Ende der letzten Tour los“, sagt Turner. „Das allgemeine Gefühl war: ‚Lasst uns die laute Version der Band sein, die wir auf Tour sind.‘ Aber ich glaube nicht, dass ich wieder dorthin zurückkehren kann. Ich hab‘s vielleicht sogar probiert, gleich nach der letzten Platte. Aber es sitzt einfach nicht richtig, zu versuchen, sowas wie ,AM‘ vor zehn Jahren zu machen. Es klingt wie eine Parodie unserer selbst.“

Mindere Bands haben solche Bedenken noch nie abgeschreckt. Aber Alex Turner ist eben ein ambitionierter Charakter, durch dessen Kopf beim Schreiben „diese Figur spukt, vielleicht so jemand wie Mastroianni in [Federico Fellinis] 8 1/2“, in der Meta-Rolle des von einer Schaffenskrise geplagten Regisseurs.

„Ich glaube, mir ist gerade klar geworden, dass ich weniger Platten verkaufen werde.“

Wie heißt es in der vorletzten Zeile von „Perfect Sense“, dem letzten Song auf „The Car“: „Keep reminding me that it ain’t a race when my invincible streak turns into the final straight.“ – „Erinnere mich daran, dass es kein Wettrennen ist, wenn mein unbesiegbarer Lauf in die Zielgerade biegt“, sinngemäß auch übersetzbar als: Selbst wenn die goldenen Zeiten der Arctic Monkeys den Verkaufszahlen nach vorbei sein sollten, wäre das noch lange kein Maßstab ihres künstlerischen Erfolgs.

Turner lacht verlegen. „Äh… Hmm… Ja, vielleicht heißt es das. Sorry, Sie haben mich erwischt. Ich glaube, mir ist gerade klar geworden, dass ich weniger Platten verkaufen werde.“

Vielleicht, vielleicht auch nicht.

„Das hat mich getroffen.“

Aber Ihre Fans werden ja auch älter.

„Ja, sie werden nicht für immer da sein.“

Oder umgekehrt: Vielleicht ziehen die das, was Sie jetzt tun, auch dem vor, was sie als Jugendliche hören wollten. Vielleicht sind die genauso gereift wie Sie.

„Right…“, sagt Alex Turner und rauft sich skeptisch den Dreitagebart, „Es gibt eine entfernte Chance.“

Michael Zackery
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