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Berlinale, Tag drei: Schläge in die Magengrube

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Berlinale, Tag drei: Schläge in die Magengrube

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Auf jedem Filmfestival gibt es die Beiträge, die nicht viel mehr bieten als Stars im Schlepptau, und jene, die mit unbekannten Gesichtern unglaubliche Geschichten erzählen. Dies ist auch auf der Berlinale nicht anders. Und am dritten Tag startet mit dem ersten Wettbewerbsbeitrag aus Guatemala ein Film, der wie ein Schlag in die Magengrube fährt. Außerdem startete die französische Romanverfilmung »Aus dem Tagebuch einer Kammerzofe« im Wettbewerb.

Ixcanul

Als der Film noch keine zwanzig Minuten läuft, sieht man Maria und ihre Mutter, wie sie vor einer sterbenden Kuh stehen. Das trächtige Tier ist von einer Schlange gebissen worden, die die größte Gefahr in dieser übermächtigen Natur darstellen. Die Angst vor dem Vulkan, an dem die Familie inmitten des indigenen Volkes der Kaqchikel siedelt, scheint eher spirituelle Folklore.

Zu Beginn von Ixcanul wird die 17-jährige Maria dem Vorsteher der Kaffeeplantage Ignacio versprochen. Sie soll an die Stelle seiner verstorbenen Frau treten und zugleich die Existenz Ihrer Familie in der Plantage sichern. Doch Maria setzt ihre Hoffnung auf den gleichaltrigen Pepe, mit dem sie in die USA auswandern will. Doch Pepe will sich auf den Deal nicht einlassen, solange Maria ihn nicht an sich heran lässt. In einer Mischung aus Übermut und Verzweiflung lässt sie sich darauf ein. Das Verheerende nimmt seinen Lauf. Pepe setzt sich allein Richtung USA ab, während er eine schwangere Maria sich selbst überlässt. Das Schicksal der Familie hängt am seidenen Faden. Fortan verfolgt der Film Mutter und Tochter bei ihren Versuchen, wieder die Kontrolle über ihr Leben zurückzuerlangen.

Ixcanul ist der erste Film des 38-jährigen Guatemalteken Jayro Bustamante, es ist ein Schlag in die Magengrube. In ruhigen Bildern und langsamen Einstellungen erzählt er vom dramatischen Schicksal dieser indigenen Kleinfamilie im guatemaltekischen Hochland, ohne sie dabei bloßzustellen oder in Klischees zu sperren. Zugleich ist er ein Porträt der Kaffeebauern, die ganz unten in dem Produktionsprozess stehen, der beim Starbucks am Potsdamer Platz endet.

Einiges daran erinnerte an Danis Tanovics Sozialdrama “An Episode in the Life of an Iron Picker”, der 2013 den Preis der Jury und dessen Hauptdarsteller Nazif Mujic einen Silbernen Bären gewonnen hatte.  Ähnlich wie Tanovic konfrontiert Bustamante den Zuschauer schonungslos mit den existenziellen Ängsten und Nöten dieser Familie, die täglich um ein Leben in Würde ringt. Dabei wechselt die Kameraeinstellung zwischen Panoramaaufnahmen, die die Schönheit und Unbarmherzigkeit der Natur einfangen, und Nahaufnahmen, die den Zuschauer ganz nah an die beiden Hauptfiguren heranführen. In ihrer wohltemperierten Kombination entfalten diese Bilder ihre Wirkung und lassen niemanden kalt.

Aus dem Tagebuch einer Kammerzofe

Benoît Jaquots Version von Octave Mirabeaus Roman “Aus dem Tagebuch einer Kammerzofe” ist ein wenig wie das Gegenteil zum guatemaltekischen Wettbewerbsbeitrag. Er bringt mit Lea Seydoux zwar einen der ganz großen Stars dieser Berlinale mit nach Berlin, hat den Zuschauern allerdings auch nichts Neues mehr zu erzählen. Man kennt diese Geschichte der selbstbewussten Kammerzofe Celestine, die aus Paris in die Provinz ins Haus der Lanlaires geschickt wird und dort mit einer kalten Hausherrin (Clotilde Mollet), einem lüsternen Hausherrn (Hervé Pierre) und dem geheimnisvollen Diener Joseph (Vincent Lacoste) konfrontiert ist, bereits von Luis Buñuel und Jean Renoir.

Jacquot eröffnete mit seinem Marie Antoinette-Film “Les Adieux à la Reine” vor drei Jahren die Berlinale und erhielt gute Kritiken. Das wird diesmal wahrscheinlich anders kommen, denn in seiner Neuverfilmung der Geschichte bleibt er nah an der Romanhandlung. Aus der Tagebuch-Perspektive einer jungen Frau, die ihre Sinnlichkeit einsetzt, um ein Leben nach ihren Vorstellungen zu führen, reflektiert er über die Macht der scheinbar Machtlosen und die Ohnmacht der vermeintlich Mächtigen.

In den wenigen Worten, die der Hausdiener Joseph von sich gibt, klingen die Abgründe des frühen 20. Jahrhunderts an. Denn Joseph ist ein glühender Antisemit. Was auch immer in seiner Welt an Schrecklichem geschieht, »die Juden sind schuld«.

Seydoux kann auch in diesem Film ihre besondere Aura entwickeln. Celestine strahlt einen geheimnisvollen Stolz, verbunden mit einer zarten Anmut aus, lässt aber zugleich nicht den Eindruck aufkommen, dass sie sich nicht zur Wehr setzen könnte. Es gibt Momente, da meint man, Scarlett Johansson als Griet in “Das Mädchen mit den Perlenohrringen” ins Gesicht zu schauen.  Aber dann kommt wieder diese Aufmüpfigkeit durch, die Seydoux in sich trägt. Nur anmutig, das würde zu ihr auch nicht passen.

»Es gibt keine schlechten Herrschaften, sondern nur schlechte Diener«, heißt es zu Beginn des Films. Am Ende des Films muss man sich eingestehen, dass in jedem Satz ein Quentchen Wahrheit steckt.

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