Birgit Fuß fragt sich durch: Wird Perfektion überschätzt? Hymnen gegen die Makellosigkeit


von
Birgit Fuß
Birgit Fuß

Die Weisheit kommt in Popsongs ja oft in recht einfachen Sätzen daher. Drei, vier Minuten, das reicht nicht für große philosophische Abhandlungen. Aber wie schon Bruce Springsteen wusste: „We learned more from a three-minute record than we ever learned in school.“ Bisschen übertrieben vielleicht, doch auf jeden Fall bringen manche Lieder auf den Punkt, worum es im Leben geht, und wenn die Melodie dazu stimmt, begleiten einen solche Zeilen dann ewig. Mir geht es so mit mindestens zwei Stücken von The Beautiful South, die unscheinbar wirken und doch erstaunlich anhänglich sind. Sie handeln davon, dass Perfektion überschätzt wird. Um nach Springsteen gleich noch einen großen Denker zu zitieren: „True perfection has to be imperfect“, sagte einst Noel Gallagher.

Jedenfalls ist es den Songwritern Paul Heaton und Dave Rotheray mehrfach gelungen, ihre Alltagsbeobachtungen in herrliche Hymnen gegen die Makellosigkeit umzusetzen, die Jacqui Abbott dann bezaubernd sang. Allein wie sie mit ihrer Engelsstimme das Deftige in „Don’t Marry Her“ (auf „Blue Is The Colour“, 1996) konterkariert. Es geht um eine spießige Ehe, in der alles perfekt wirkt, der Mann aber kaum noch Luft bekommt. Warum lässt er sich also nicht lieber auf eine Frau ein, die es besser mit ihm meint? „She’ll grab your sweaty bollocks/ Then slowly raise her knee/ Don’t marry her, fuck me!“ Zwischendurch wird es poetisch, wenn Abbott warnt, dass die Amseln wie Stricknadeln aussehen und ihm ganz bestimmt die Seele rauspicken werden. Im Chorus hat sie nicht mehr viel Hoffnung, dass er tatsächlich zu ihr kommt, weil er zu sehr in seinem Trott gefangen ist. Aber ach, wie schön es wäre!

Nicht dass Sie nun denken, ich plädiere mit The Beautiful South für Ehebruch. Es geht um etwas anderes: Warum halten wir so oft an der Illusion des Perfekten fest? Warum suchen wir nicht lieber etwas Wahrhaftigeres? Und sind die sogenannten Makel und Fehler, die Falten und Narben eines geliebten Menschen nicht sowieso viel schöner als ein ebenmäßiges Ideal, das nur Langeweile verspricht? Der lustigste, treffendste, schönste Song darüber ist „Perfect 10“ (auf „Quench“, 1998). Paul Heaton himmelt darin zunächst seine Freundin an, die nach den üblichen Standards wohl zu dick ist, für ihn jedoch genau richtig: „She’s a perfect 10, but she wears a 12/ Baby, keep a little 2 for me/ She could be sweet 16, bustin’ out at the seams/ It’s still love in the first degree.“ Danach werden noch verschiedene Penislängen abgehandelt. Das Entscheidende dabei: „We love our love in different sizes/ I love her body, especially the lies/ Time takes its toll, but not on the eyes/ Promise me this, take me to- night.“ (Sex ist also auch hier der, äh, Höhepunkt beim Chorus – und der fehlt in lieblosen Ehen dann ja häufig auch. Da schließt sich also ein Kreis.)

Okay, ein wenig erinnert das mit den Augen natürlich an Antoine de Saint-Exupérys „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das We- sentliche ist für die Augen unsicht- bar“. Wenn es nicht auf viel zu vielen Kitschpostkarten gestanden hätte, könnten wir vielleicht immer noch zugeben, dass das kein schlechter Satz ist.

Mit Leonard Cohen und dem Riss, der das Licht reinlässt, komme ich jetzt nicht auch noch. Natürlich hatte er damit recht.