Bob Dylan: Abschied von gestern. Das vollständige Interview!



Anmerkung der Redaktion: Leider konnten wir das Bob-Dylan-Interview aus der amerikanischen Ausgabe nicht in voller Länge veröffentlichen – es kam kurz vor Redaktionsschluss und uns fehlte schlicht der Platz. Wer den kompletten Wortlaut vermisst hat, kann hier nun die ungekürzte Version lesen.

„Ich versuche etwas zu erklären, das nicht erklärbar ist“, sagt er. „Helfen Sie mir doch mal auf die Sprünge.“ Es ist ein warmer Sommertag, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, und wir sitzen auf einer schattigen Terrasse hinter einem Restaurant in Santa Monica. Angesichts der kalifornischen Temperaturen ist Dylan eher untypisch gekleidet: Unter seiner zugeknöpften schwarzen Lederjacke trägt er ein dickes weißes T-Shirt, auf dem Kopf sitzt eine schwarz-weiße Skimütze, die er über Ohren und Stirn gezogen hat. Ein Gewusel rotblonder Haare – offensichtlich eine Perücke – quillt aus der Mütze heraus und bedeckt seine Augenbrauen. Vor ihm steht ein Glas Wasser.

In den 15 Jahren seit „Time Out Of Mind“ hat Dylan – inzwischen 71 – eine kreative Konstanz an den Tag gelegt, die selbst im Rahmen seiner Karriere einmalig ist. „Tempest“, sein neues Album, erzählt Geschichten von Sterblichkeit, Untreue und mühsam erworbener Gnade, kulminiert in einem 14-minütigen Epos über die Titanic, in dem er mit Fakten und Fantasie spielerisch jongliert, gefolgt von einem liebe- und geheimnisvollen Song über seinen Freund und Kollegen John Lennon.

Trotz seines kreativen Laufes scheint es unwahrscheinlich, dass Dylan je wieder den Status erreichen wird, der ihn in den 60er-Jahren zu einer geradezu mythischen Institution machte. Wobei Dylan mit den Auswirkungen dieses Ruhms bekanntlich nicht immer glücklich war. Nach einigen atemberaubenden und kontroversen „elektrischen“ Auftritten, ausgelöst auch durch seinen Motorradunfall, zog er sich 1966 nach Woodstock zurück, um seinen eigenen Mythos zu untergraben. Als er dann Ende der Sechziger mit „John Wesley Harding“ und „Nashville Skyline“ zurückkehrte, klang seine Musik, als sei Dylan ein völlig anderer Mann. Tatsächlich, sagt er heute, war er das auch – oder entwickelte sich zumindest zu einer neuen Person. Wobei die Transformation, die er in jenen Jahren durchlief, laut Dylan weitaus radikaler war, als er es in früheren Äußerungen durchklingen ließ. In „Chronicles: Volume One“, seiner Autobiografie von 2004, geht er auf diese Phase seines Lebens zwar kurz ein, doch im folgenden Interview bekommt dieser Einschnitt eine weitaus tiefere Bedeutung.

Manchmal hakte ich bei einigen Fragen nach, während Dylan zunächst blockte. Wir setzten die Unterhaltung im Lauf der nächsten Tage fort, sei es am Telefon oder in Form geschriebener Antworten. Und im Laufe dieser Konversation verzichtete Dylan auf Ausflüchte und Abwehrmechanismen, sondern äußerte sich mit rückhaltloser Offenheit. Dies ist ein Bob Dylan, wie man ihn bislang noch nicht kannte.

 

Ist „Tempest“ für Sie ein ähnlich richtungsweisendes Album, wie es „Time Out Of Mind“ oder auch „Love And Theft“ waren?

„Tempest“ war eigentlich ein Album wie jedes andere auch: Die Songs stellten sich einfach ein. Es war nicht das Album, das ich ursprünglich machen wollte. Ich wollte etwas Religiöseres machen. Aber das verlangt nach mehr Konzentration – es zu schaffen, zehn Mal mit dem gleichen Faden zu nähen – als das Album, das schließlich heraussprang. Es war ein Album, bei dem man sich völlig freie Hand lässt und am Ende nur hoffen kann, dass es als Ganzes einen Sinn ergibt.

Trotzdem scheint es eine Ihrer wichtigeren Arbeiten zu sein, allerdings weltoffener, weniger introvertiert als „Time Out Of Mind“.

Nun … mit „Time Out Of Mind“ fing ich an, Songs für ein Publikum zu schreiben, vor dem ich Nacht für Nacht auftrat. Es waren andere Zuschauer, aus anderen Bevölkerungs- und Altersgruppen. Es gab keinen Grund, dass diese Leute Songs hören sollten, die ich 30 Jahre früher zu anderen Anlässen geschrieben hatte. Wenn ich mich weiterbewegen wollte, brauchte ich neue Songs – also musste ich welche schreiben. Und ich schrieb sie nicht primär, um ein neues Album zu machen, sondern um in der Öffentlichkeit auftreten zu können.

Die Songs auf „Time Out Of Mind“ waren nicht für den Hausgebrauch bestimmt. Die meisten der Songs funktionieren einfach – während ich früher vielleicht bessere Platten gemacht habe, deren Songs aber nicht funktio­nierten. Also halte ich mich an das, was ich nach „Time Out Of Mind“ gemacht habe, statt mich an Sachen aus den Siebzigern oder Achtzigern zu orien­tieren, wo die Songs einfach nicht funktionierten.

„Time Out Of Mind“ wurde als Wendepunkt und Meilenstein gefeiert und läutete in den folgenden Jahren eine ganze Erfolgsserie ein: Es gibt eigentlich kein Album, das nicht seine eigenen Meriten hat.

Ich hoffe es. Ich muss einfach den Kontakt zum Publikum halten. Die Sache ist ja die: Es gibt das Alte – und es gibt das Neue, und zu beiden muss man den Draht haben. Das Alte geht heraus, das Neue kommt herein, aber es gibt keine scharfe Trennlinie. Das Alte passiert noch immer, während das Neue sich langsam einschleicht – manchmal völlig unbemerkt. Das Neue überlappt mit dem Alten, das langsam sein Gewicht zu verlieren droht. So geht es weiter und weiter, schon seit Jahrhunderten. Bevor man sich’s versieht, ist plötzlich alles neu – doch was passierte eigentlich mit dem Alten? Es ist wie ein Zaubertrick – man muss genau hinschauen, um am Ball zu bleiben.

Es ist das Gleiche, wenn man über „die Sixties“ redet. Wer diese Zeit miterlebt hat, weiß eigentlich, dass die frühen Sechziger – bis 1964 oder 65 etwa – letztlich noch die Fünfziger waren, die späten Fünfziger. Es war noch immer die gleiche Kultur, zumindest in den USA. Und sie hatte noch einen langen Atem, bis sie dann langsam abgelöst wurde. Die neuen Sixties fingen eigentlich erst 1966 an, hatten aber zum Ende des Jahrzehnts bereits das Kommando übernommen. Zur Zeit von Woodstock gab es die Fünfziger nicht mehr. Ich war eigentlich nie ein Teil dessen, was man später „die Sixties“ nannte.

Obwohl man Sie mit dieser Phase doch identifiziert?

Offensichtlich wurde ich das, vielleicht sogar noch heute. Aber ich selbst konnte mich nicht mit dem identifizieren, was damals passierte. Es bedeutete mir nicht viel, zumal ich damals auch meine eigene Familie hatte. Ein (Timothy) Leary und ähnliche Leute wären zu früheren Zeiten überhaupt nicht wahrgenommen worden. Und der Vietnamkrieg half natürlich auch nicht gerade.

Haben Sie Angst, dass Außenstehende Ihre Arbeit mit völlig falschen Prämissen interpretieren? Beispielsweise gibt es noch immer viele Leute, die in „Rainy Day Woman“ Anspielungen auf einen Drogenrausch hören.

Wundern tut es mich nicht, aber dabei handelt es sich offensichtlich um Leute, die die Apostelgeschichte nicht kennen.

Man hat fast den Eindruck, als könnten Sie die Sechziger nicht ausstehen.

Die Fünfziger waren eine einfachere Zeit, zumindest für mich und meine damaligen Umstände. Ich habe nicht viel von dem mitbekommen, was Gleichaltrige in den größeren Städten erlebten. Dort, wo ich aufwuchs, war man von den kulturellen Zentren so weit entfernt, wie man es sich nur vorstellen konnte. Es war jenseits aller eingetretenen Pfade.

Und trotzdem hatte man die ganze Stadt für sich – und Gefühle wie Trauer, Angst oder Unsicherheit schienen nicht zu existieren. Es gab nur Wälder, den Himmel, Flüsse, Winter und Sommer, Frühling und Herbst. Den Wechsel der Jahreszeiten. Und das kulturelle Angebot bestand hauptsächlich aus Zirkus und Jahrmärkten, aus Wanderpredigern und todesmutigen Piloten, Hillbilly-Shows, Komikern und Big Bands. Und es gab natürlich die einflussreichen Radiostationen mit ihren unvergesslichen Shows. Es war noch die Zeit vor den Supermärk­ten, Einkaufszentren, Multiplex-Kinos, Baumärkten und was weiß ich nicht. Es war einfach eine einfachere Zeit. Und wenn man so aufwächst, lebt es in dir weiter. Es war wohl Ende der Fünfziger, als ich wegzog, aber ich hatte in dieser Zeit so viele Dinge gesehen und kennengelernt, dass ich mich heute noch mit ihnen verbunden fühle. Sie sind wohl letztlich das, was ich bin. Ich denke, dass die Fünfziger 1965 zu Ende gingen – und ich habe keine besonders angenehme Erinnerung an die Zeit danach. Warum sollte ich auch? Es war eine grausame Zeit.

Warum grausam? Weil es zu viele radikale Veränderungen gab? Und weil Sie im Zentrum dieser Veränderungen standen?

Einmal das, aber es gab auch andere Sachen, die mir nicht gefielen. Das Großkonzern-Denken griff immer weiter um sich – was mich vermutlich nicht mal tangiert hätte, wenn es nicht auch in der Musik Einzug gehalten hätte. Und ich liebte Musik aus ganzem Herzen. Ich sah etwas sterben, das ich über alles liebte – und mit ihm auch den Untergang eines Lebensstils, den ich als gottgegeben vorausgesetzt hatte.

Und trotzdem glauben die Leute, dass Ihre Musik die Sixties reflektiert und repräsentiert. Haben Sie den Eindruck, dass das auch auf die Musik zutrifft, die Sie seit 1997 machen?

Sicher, meine Musik richtet sich immer an eine Gegenwart. Aber wir sollten nicht vergessen, dass die menschliche Natur nicht auf bestimmte Phasen der Geschichte fixiert ist. Und mit dieser Tatsache fängt eigentlich alles an. Meine Songs sind meine persönliche Musik – es sind keine gemeinschaftlichen Veranstaltungen. Ich habe kein Interesse, dass Leute zu meinen Songs mitsingen. Würde wohl auch etwas komisch klingen. Ich schreibe keine Songs fürs Lagerfeuer. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Leute zu Elvis, Carl Perkins oder Little Richard mitgesungen hätten. Deine Aufgabe ist es, dass die Leute ihre eigenen Gefühle entdecken. Ein Performer – wenn er seinen Job denn wirklich konsequent macht – kennt eigentlich überhaupt keine Gefühle. Er ist eher so etwas wie ein Alchemist.

Glauben Sie nicht, dass Sie zumindest eine genuin amerikanische Stimme sind – in der Art und Weise, wie Ihre Songs amerikanische Geschichte verarbeiten oder kommentieren?

Sie mögen historisch sein, aber sie sind auch biografisch, auch geografisch. Sie repräsentieren ein bestimmtes Bewusstsein, eine bestimmte Region. Was Außenstehende von mir denken, ist hingegen völlig irrelevant. Wenn ich mir einen Film anschaue – sagen wir „Sturmhöhe“ –, dann frage ich mich auch nicht, wie Laurence Olivier denn wohl privat ist. Wenn ich einen Schauspieler auf der Bühne sehe, frage ich mich nicht, was er für ein Mensch ist. Ich sitze im Publikum, weil ich in diesem Moment alles vergessen möchte, alle meine Vorlieben und Antipathien. Der Entertainer ist fast so was wie ein Sportler. (Dylan ist plötzlich ungewöhnlich aufgeregt.)

Ich möchte Ihnen was zeigen. Könnte Sie interessieren. Vielleicht wollen Sie das Thema weiterverfolgen, vielleicht wollen Sie danach Ihre Fragen anders stellen oder sich ganz neue ausdenken (lacht). Lassen Sie es mich holen. (Er steht auf und geht zu einem anderen Tisch.)

Soll ich vielleicht mitkommen?

Nein, nein, ich hab’s gleich hier. (Er bringt ein zerfleddertes Taschenbuch mit.) Sehen Sie das Buch? Haben Sie je von dem Typen gehört? (Er zeigt mir „Hell’s Angel: The Life and Times of Sonny Barger and the Hells Angels Motorcycle Club“ von Sonny Barger.)

Ja, natürlich.

Er ist ein Hells Angel.

Er war der Hells Angel schlechthin.

Schauen Sie mal, wer das Buch geschrieben hat. (Er zeigt auf die Namen der beiden Co-Autoren: Keith Zimmerman und Kent Zimmerman.) Läutet bei diesen Namen nicht ein Glöckchen? Sind Sie Ihnen nicht vertraut? Nun? Sie fragen sich vielleicht, was das mit mir zu tun hat. Aber sie sind Ihnen doch vertraut, oder? Und es gibt den Namen gleich zweimal. Sind es nicht zwei? Ist einer nicht genug? Richtig? (Dylan hat sich wieder gesetzt und lächelt.)

Ich beziehe mich jetzt auf diese Passage hier. (Er schlägt eine Seite mit einem Eselsohr auf.) Lesen Sie das doch bitte mal laut. Lesen Sie’s laut in Ihr Aufnahmegerät.

„Einer der frühen Chefs der Berdoo Hells Angels war Bobby Zimmerman. Als wir 1964 von unserem Trip zum Bass Lake zurückkehrten, fuhr Bobby an seinem angestammten Platz – vorne links –, als sein Auspuff abfiel. Da er wohl glaubte, ihn noch retten zu können, machte er einen plötzlichen U-Turn. Im gleichen Moment schoss einer der Richmond Hells Angels, Jack Egan mit Namen, von hinten an die Spitze des Pulks. Egan fuhr auf der falschen Straßenseite und passierte gerade die Bikes vor sich, als Bobby seinen U-Turn machte. Jack knallte voll auf den armen Bobby, der augenblicklich tot war. Wir zogen Bobbys leblosen Körper zur Straßenseite und taten das Einzige, das wir noch tun konnten: Wir schickten einen Mann in die Stadt, um Hilfe zu holen.“ Armer Bobby.

Ja, armer Bobby. Wissen Sie, wie man das nennt? Eine Transfiguration, eine Verwandlung. Haben Sie je davon gehört?

Ja.

Nun, Sie sehen gerade jemanden vor sich.

Jemanden, der … transfiguriert wurde?

Ja, absolut. Ich bin nicht wie Sie, oder? Ich bin nicht wie die meisten Menschen. Ich bin nur Personen ähnlich, die ebenfalls transfiguriert wurden. Wie viele Leute wie mich oder ähnliche Beispiele kennen Sie?

Wenn Sie von Transfiguration sprechen: Meinen Sie dann den Vorgang einer tatsächlichen Verwandlung – oder das, was man Seelenwanderung nennt, also wenn eine Seele in einen anderen Körper übergeht?

Nein, wir reden hier nicht über Seelenwanderung, das ist etwas anderes. Ich hatte 1966 einen Motorradunfall – und wir hatten schon über den Übergang von Alt zu Neu gesprochen. Sie können sich nun diese beiden Dinge so zusammenreimen, wie Sie’s wollen. Sie können die Schlüsse ziehen, die Sie ziehen wollen. Sie können zu dem Thema etwas von der katholischen Kirche erfahren, Sie können darüber etwas bei den alten Mystikern lesen, aber es ist ein reales Konzept. Es ist im Lauf der Geschichte immer wieder passiert. Niemand weiß, wem es zugestoßen ist oder warum. Aber hier und da gibt es schlagkräftige Beweise. Es ist nicht etwas, das man sich einfach ausdenkt. Es ist keine fiktive Realität, auch keine Inkarnation – auch nicht das Phänomen, dass man jemand zu sein glaubt, der schon in der Vergangenheit gelebt hat, dafür aber keine Beweise hat. Es hat mit der Vergangenheit oder Zukunft überhaupt nichts zu tun.

Wenn Sie also Ihre Fragen stellen, dann fragen Sie eine Person, die schon lange tot ist. Sie fragen eine Person, die überhaupt nicht existiert. Aber die Leute machen immer wieder den gleichen Fehler mit mir. Ich habe zu meinen Lebzeiten sicher eine Menge erlebt. Kennen Sie das Buch „No Man Knows My History“? Es handelt von Joseph Smith, dem Vater der Mormonen. Und das Gleiche könnte man auch über mich sagen. Transfiguration ist das, was es dir erlaubt, unter dem Chaos hervorzukriechen und dann drüber hinwegzufliegen. Das ist der Grund, warum ich noch immer mache, was ich mache, warum ich Songs schreibe und singe und einfach weitermarschiere.

Wenn Sie sagen, ich spräche mit einer Person, die längst tot ist: Meinen Sie dann Bobby Zimmerman, den Motorradfahrer, oder meinen Sie Bob Dylan?

Den Bob Dylan, der hier sitzt. Sie sprechen mit ihm.

Dann ist Ihre Transfiguration …

Sie ist, was sie ist. Ich könnte mich nicht zurück in die Vergangenheit begeben, um Bobby zu finden. Niemand auf der ganzen Welt kann das. Er ist verschwunden. Wenn ich es könnte, würde ich liebend gern zurückgehen, ihm die Hand schütteln und ihm sagen, dass er einen Freund hat. Aber ich kann nicht. Er ist weg. Er existiert nicht mehr.

Okay, wenn Sie also von Transfiguration sprechen …

Ich weiß nur, was ich Ihnen erzählt habe. Sie müssen sich schon die Arbeit machen, mehr darüber herauszufinden. Ich versuche mir nur die Frage zu beantworten, von wem beziehungsweise zu wem Sie transformiert wurden. Ich habe es Ihnen gezeigt. Lesen Sie das Buch.

Dann haben Sie tatsächlich den Bobby Zimmerman aus dem Buch im Kopf? Aber welche Beziehung zu dieser Person gibt es denn – vom Namen einmal abgesehen?

Ich weiß von nichts. Ich habe das Buch nicht geschrieben. Ich hab es mir nicht ausgedacht. Ich habe nicht davon geträumt. Ich erzähle Ihnen nicht, dass ich letzte Nacht einen Traum hatte. Kennen Sie noch den Song „Last Night I Had The Strangest Dream“? Den hab ich auch nicht geschrieben. Ich zeige Ihnen ein Buch, das geschrieben und veröffentlicht wurde. Ich meine – schauen Sie sich doch nur die Gemeinsamkeiten an: die Motorräder, Bobby Zimmerman, Keith und Kent Zimmerman, 1964, 1966. Und es gibt noch mehr. Wenn Sie sich die Mühe machen würden, die Familie dieses Burschen aufzutreiben, würden Sie noch auf viel mehr Gemeinsamkeiten stoßen. Gehen Sie doch einmal zu seinem Grab.

Wann sind Sie denn auf dieses Buch gestoßen?

Wann bin ich drauf gestoßen? Jemand hat es mir wohl vor langer Zeit in die Hand gedrückt. In den Sechzigern traf ich Sonny Barger einmal, lernte ihn aber nicht wirklich kennen. Er war wohl mit Jerry Garcia gut befreundet. Vielleicht sah ich es auch in einem Buchladen, oder der Buchhändler drückte es mir in die Hand. Jedenfalls fing ich an, es zu lesen, und ich dachte zunächst, ich würde etwas über Sonny lesen. Aber dann kam ich zu dieser Stelle und merkte, dass es überhaupt nicht um ihn ging. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch die Namen der Autoren gar nicht bewusst wahrgenommen – was dann ein weiterer Schock war. Ein Jahr später war ich in Rom und besuchte eine Bücherei, wo ich ein Buch über Transfiguration fand. Man liest über dieses Thema nun einmal nicht jeden Tag, weil es aus dieser mystischen Ecke kommt. Ich verstand nur genug, um zu wissen … okay, ich bin keine Autorität auf diesem Gebiet, aber ich verstand nun, was mich von anderen Leuten unterscheidet. Ich war immer anders als andere Leute, aber dieses Buch erklärte mir die Gründe. Dass bestimmte Leute einfach anders ticken.

Ähnlich ging es mir immer bei dem Ausdruck „peers“. Man sagt leichthin: „Das sind deinesgleichen, dies sind deine Kollegen und Konkurrenten.“ Ich habe mich immer gefragt, wer diese Leute in meinem Fall wohl sind. Als ich die Medal of Freedom erhielt, dachte ich länger darüber nach: Von welchen Leuten reden wir hier eigentlich? Aber dann wurde es mir klar: Meine peers sind Aretha Franklin, Duke Ellington, B.B. King, John Glenn, Madeleine Albright, Pat Summitt, Toni Morrison, Jasper Johns, Martha Graham, Sydney Poitier – alles Leute, die auf ihre Art auch irgendwie anders sind. Und ich bin stolz, in einem Atemzug mit diesen Leuten genannt zu werden.

Man schreibt nicht die Songs, die ich schreibe, wenn man ein normaler Songwriter ist. Und ich glaube auch nicht, dass jemand nach mir ähnliche Songs schreiben wird – genauso wenig, wie jemand einen Hank-Williams- oder Irving-Berlin-Song geschrieben hat. Davon kann man mit ziemlicher Sicherheit ausgehen. Ich glaube einfach, dass ich die Dinge auf ein neues Level brachte, weil ich musste, weil ich gezwungen war. Man muss Dinge ständig neu erfinden und neu formulieren, weil sich alles um einen herum verändert, seinen Druck auf dich verstärkt­. Das Leben hat nun mal die Eigenschaft, sich ständig breiter zu machen.

Warum verspüren Sie diese Notwendigkeit, Dinge ständig neu zu formulieren?

Weil das nun mal die Existenz unserer Natur ist. Nichts bleibt lange so, wie es einmal war. Bäume schießen in die Höhe, Blätter fallen ab, Flüsse trocknen aus, Blumen sterben ab. Jeden Tag werden neue Menschen geboren. Das Leben hört nicht auf.

Ist das auch ein Grund, warum Sie ununterbrochen auf Tour sind?

Tourneen können alles sein, was man hineininterpretieren möchte. Was ist denn so seltsam an Tourneen? Was ist so seltsam an dem Wunsch, live zu spielen? Wenn es etwas gibt, dann sagen Sie’s mir. Willie (Nelson) spielt auch schon seit Ewigkeiten, doch niemand fragt ihn, warum er immer noch tourt. Man fährt an verschiedene Orte und lernt verschiedene Dinge kennen, die man nicht kennengelernt hätte, wenn man zu Hause geblieben wäre. Und man hat die Möglichkeit, für die Leute Musik zu machen – Leute aller Nationalitäten, Leute aus den verschiedensten Ländern. Fragen Sie jeden Performer oder Entertainer, der etwas Ähnliches macht, und alle werden sie das Gleiche sagen: dass sie es einfach mögen und dass es den Leuten viel Freude bringt. Es ist letztlich wie jede Arbeit – nur anders.

Trotzdem haben Sie lange Zeit – zwischen 1966 und 1974 – mit den Tourneen ganz aufgehört. Wussten Sie immer, dass Sie eines Tages auf die Bühne zurückkehren würden – weil es nun mal Teil Ihrer Arbeit war?

Ich weiß, dass ich damals ausstieg, aber ich weiß auch, dass ich wieder damit anfing – die Dinge ändern sich nun mal. Davon abgesehen gibt es auch Performer, die nicht auf Tournee gehen. Sie gehen vielleicht nach Las Vegas und spielen nur dort. Wer weiß: Vielleicht mache ich das eines Tages ja auch. Es gibt jedenfalls schlimmere Orte, wo man enden kann.

Und so war es eigentlich schon seit frühesten Zeiten – für alle, die diesen Weg je beschritten. Der Jahrmarkt kommt in die Stadt, und wenn er weiterzieht, reißt du von zu Hause aus und fährst mit. Aber man fährt nicht bis zur Endstation mit, um dann einen freundlichen Klaps auf den Rücken zu bekommen und vielleicht eine goldene Uhr als Erinnerung. So funktioniert es nicht. Diese Leute gehen nicht in den Ruhestand. Sie verschwinden einfach aus deinem Blickfeld, weil sie keinen Dampf mehr haben. Die Leute interessieren sich nicht mehr für sie.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang von Bruce Springsteen? Oder U2?

Ich liebe Bruce wie einen Bruder. Er ist ein bärenstarker Performer – mit niemand anderem vergleichbar. Er liegt mir sehr am Herzen. Auch U2 sind eine Kraft, mit der immer zu rechnen ist. Bonos Energie produziert große Wellen – in gewisser Weise ist er sein eigener Sturm.

Miles Davis glaubte immer, dass man Musik idealerweise im Augenblick ihres Entstehens – also live – hören sollte.

Ja, ich sehe es genau wie Miles. Wir haben sogar darüber gesprochen. Im Studio werden Songs nicht zum Leben erweckt. Man versucht sein Bes­tes, aber immer gibt es dieses eine Element, das fehlt – das Publikum. Sinatra nahm deshalb auch Platten auf diese Weise auf: Er brachte Leute ins Studio, die dann sein Publikum waren. Es half ihm, besser in die Songs hineinzufinden.

Dann ist die Performance für Sie eine erfüllende Erfahrung?

Wenn man nicht in anderer Weise erfüllt ist, werden auch Auftritte dich nicht glücklich machen. Das Performen ist etwas, das man lernen muss. Man lernt es, man wird besser – und hört dann nicht mehr auf. Wenn man nicht besser wird, sollte man es lieber gleich an den Nagel hängen. Ist es ein erfüllender Lebensentwurf? Nun, welcher Lebensentwurf ist schon erfüllend, wenn deine Seele nicht erlöst­ wurde?

Sie haben das, was Sie tun, nicht als eine Karriere, sondern als Berufung beschrieben.

Jeder hat seine Berufung, oder nicht? Einige haben eine Berufung zu Höherem, andere zu Niederem. Alle sind berufen, doch nur einige sind auserwählt. Es gibt viele Ablenkungen, die dazu führen, dass viele Leute nie ihre Bestimmung erreichen.

Einige von uns sehen Ihre Berufung darin, Zeugnis von dieser Welt abzulegen, Zeugnis von der Geschichte, die diese Welt prägt.

Wie würden Sie denn Ihre Berufung beschreiben?

Meine? Sie ist nicht anders als die anderer Leute auch. Der eine hat die Berufung, ein guter Seemann zu sein, andere sind dazu berufen, ihren Acker zu pflügen. Wieder andere sind dazu berufen, ein guter Freund zu sein. Man muss einfach versuchen, der Beste in dem Metier zu sein, zu dem man berufen ist. Man muss in seinem Metier die größtmögliche Fertigkeit entwickeln. Es geht um Zuversicht in seine Fähigkeiten, nicht Arroganz. Man muss wissen, dass man in seiner Berufung der Beste ist – unabhängig davon, ob Außenstehende dich darin bestätigen oder nicht. Und dass man länger überleben wird als alle anderen. Irgendwo in deinem Inneren musst du daran glauben können.

Einige von uns sehen Ihre Berufung darin, Zeugnis von dieser Welt abzulegen, Zeugnis von der Geschichte, die diese Welt prägt.

Geschichte ist schon eine seltsame Angelegenheit, oder nicht? Geschichte kann ständig verändert werden. Die Vergangenheit kann verfälscht und zurechtgebogen und zu Propaganda missbraucht werden. Dinge, von denen man uns sagte, dass sie passiert seien, sind tatsächlich nie passiert. Und Dinge, die angeblich stattgefunden haben, könnten sehr wohl reale Geschichte sein. Zeitungen betreiben dieses Spiel die ganze Zeit, Geschichtsbücher ebenso. Jeder dreht sich die Vergangenheit in seinem Sinne zurecht. Es ist wohl einfach eine alte Angewohnheit. Wir sehen die Dinge so, wie sie nicht waren oder wie wir sie sehen möchten. Die Gegenwart und Zukunft können wir nicht verändern, wohl aber die Vergangenheit. Und das tun wir ständig.

Es gibt das geflügelte Wort: Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben.

Absolut. Und dann gibt es da jemanden wie Henry Ford, der sich um Geschichte überhaupt nicht gekümmert hat.

Während Sie sehr wohl ein offenes Ohr dafür zu haben scheinen. In den „Chonicles“ schrieben Sie von Ihrem Interesse am amerikanischen Bürgerkrieg. Sie schrieben, dass der Geist der Spaltung Ihnen die Vorlage für viele Ihrer Texte geliefert habe. Sie schrieben auch, dass Sie die persönlichen Aufzeichnungen aus dieser Zeit gelesen hätten – und dass beispielsweise Ulysses S. Grants Aufzeichnungen mit Shelby Footes Geschichte des Bürgerkriegs wenig Gemeinsamkeiten haben.

Die Aufzeichnungen sind nur selten deckungsgleich. Shelby Foote sitzt hoch oben auf einem Berg und schaut hinab, während Grant sich dort in den Niederungen befindet. Shelby Foote hat es nie miterlebt, genauso wie die Leute, die heute Kämpfe aus dem Bürgerkrieg nachstellen. Grant war dabei, aber er war damit beschäftigt, seine Armee zu führen. Er hatte erst im Nachhinein die Gelegenheit, darüber zu schreiben. Wenn man sich wirklich informieren will, muss man die Zeitungen aus der damaligen Zeit lesen – aus dem Norden wie aus dem Süden. Man wird dort Dinge lesen, die man einfach nicht glauben mag. Es führt zu weit, an dieser Stelle in die Details zu gehen, aber es hatte mit dem, was heute in den Geschichtsbüchern steht, herzlich wenig zu tun. Das gegenseitige Abschlachten, der gegenseitige Hass waren viel extremer, als man heute behauptet.

Es gab nichts Heroisches, nichts Honoriges in diesem Kampf. Es war ein gemeinsamer Selbstmord. Vier Jahre Morden und Plündern im Zeichen des American Way. Es ist unglaublich, was man in diesen Zeitungen zu lesen bekommt – etwa in der „Pittsburgh Gazette“, die die Arbeiter davor warnt, dass sie bei einem Sieg der Südstaaten aus ihren Fabriken vertrieben würden, weil man sie durch Sklaven ersetzen würde. Es gibt alle möglichen Geschichten dieser Art – schon bevor überhaupt der erste Schuss fiel. Der Norden wollte vom Süden eigentlich nur, dass er die Sklaverei
nicht in den Norden exportierte. Es ging nicht um ein Ende der Sklaverei, sondern darum, dass die Sklaven nicht in den Norden kommen sollten, weil das die Löhne gedrückt hätte. Das musste verhindert werden – auch mit Waffengewalt. Es herrschte große Angst, was die Verbreitung der Sklaverei anging.

Sehen Sie Parallelen zwischen der Zeit um 1860 und dem heutigen Amerika?

Hm, ich weiß nicht, wie ich das formulieren soll … Die USA haben sich selbst in Schutt und Asche gelegt, um die Frage der Sklaverei zu lösen. Man konnte einfach nicht klein beigeben, man musste es bis zum bitteren Ende durchziehen. Das ganze Problem musste dem Patienten bei lebendigem Leibe herausgerissen werden. Mit unzähligen Toten. Wie viele waren es? 500 000 Menschen? Eine unglaubliche Zerstörung, um die Sklaverei zu beenden. Und nur darum ging es.

Dieses Land ist einfach zu fucked up, wenn es um die Hautfarbe geht. Die Leute gehen sich gegenseitig an die Gurgel, weil sie eine andere Hautfarbe haben. Es ist der Gipfel des Wahnsinns und würde jede Nation – sogar jede Nachbarschaft – von einer gesunden Entwicklung abhalten. Die Schwarzen wissen, dass es einige Weiße gibt, die die Sklaverei beibehalten wollten, dass sie noch immer unter dem Joch wären, wenn diese Leute die Oberhand behalten hätten. Und sie können nicht so tun, als wüssten sie es nicht. Sie riechen es, wenn du einen Sklaventreiber oder ein Klan-Mitglied in deinem Blut hast. Diese Sachen liegen bis zum heutigen Tag in der Luft – so wie die Juden Nazi-Blut riechen können oder Serben das Blut der Kroaten.

Es ist fraglich, ob Amerika dieses Stigma je abschütteln kann. Es ist nun mal ein Land, das auf dem Rücken der Sklaven aufgebaut wurde. Das ist das Grundübel. Wenn man die Sklaverei auf friedliche Art und Weise aufgegeben hätte, wäre Amerika heute bereits viel weiter.

Haben Sie geglaubt, dass die Wahl von Präsident Obama ein Zeichen des Wandels war – oder sogar schon der Durchbruch?

Ich habe keine Meinung dazu. Wer eine Veränderung will, muss vorher schon sein Herz verändern.

Seit seiner Wahl gibt es Kräfte, die ihn vehement bekämpfen.

Das gleiche Phänomen gab es aber auch bei Bush, oder nicht? Und bei Clinton auch, und davor bei Carter. Man erinnere sich daran, wie sie es mit Kennedy getrieben haben. Jeder, der diesen Job annimmt, muss sich auf stürmische See einstellen.

Glauben Sie nicht, dass diese Reaktionen teilweise auch durch die Rassenspannungen erklärt werden können, über die Sie gerade sprachen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht, aber ich habe das Gefühl, dass es nicht das gleiche Phänomen ist. Ich weiß wirklich nicht, was genau sie ihm vorwerfen. Ich weiß nicht, wie tief diese Argumente wirklich sind oder wie oberflächlich.

Aber Sie wissen doch, dass man ihn als un-amerikanisch oder als Sozialisten brandmarkt.

Man sollte diesen Worten überhaupt kein Gehör schenken – als würden sie gar nicht existieren. Eisenhower hat man auch als un-amerikanisch beschimpft, und war Nixon nicht ein Sozialist? Oder warum trieb er sich damals in China herum? Die gleichen üblen Sachen werden sie auch über den nächsten Kandidaten sagen.

Glauben Sie also nicht, dass die Reaktionen auf Obama auch Reaktionen auf die Tatsache waren, dass zum ersten Mal ein Schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten wurde?

Soll ich jetzt etwa Wort für Wort wiederholen, was ich gerade gesagt habe? Wovon reden Sie? Die Leute haben ihn geliebt, als er gewählt wurde. Wovon reden wir also? Dass Leute ihre Meinung ändern? Nun, wer sind diese Leute, die ihre Meinung geändert haben? Vielleicht sollten Sie besser mit denen reden. Warum haben sie ihre Meinung geändert? Warum haben sie beim ersten Mal für ihn gestimmt? Sie hätten jemand anderen wählen sollen, wenn sie das Gefühl hatten, nicht mit ihm glücklich zu werden.

Haben Sie gewählt?

Äh …

Sollten wir uns nicht alle an einer Wahl beteiligen?

Ja, warum nicht? Ich respektiere den Vorgang des Wählens. Jeder sollte das Recht dazu haben. Wir leben in einer Demokratie. Was wollen Sie von mir hören? Wählen ist eine gute Sache.

Ich war nur neugierig, ob Sie sich selbst an der Wahl beteiligen.

(Lächelt) Was?

Was war Ihr persönlicher Eindruck, als Sie Präsident Obama trafen?

Was ich von ihm denke? Ich mag ihn. Aber Sie fragen die falsche Person. Wissen Sie, wenn Sie fragen müssten? Sie sollten seine Frau fragen. Sie ist die Einzige, die zählt.

Schauen Sie, ich habe ihn nur ein paar Mal getroffen. Was soll ich da schon sagen? Er liebt Musik. Er ist sympathisch. Er ist gut gekleidet. Was zum Teufel erwarten Sie von mir?

Sind Sie zum Beispiel enttäuscht davon, dass dem Präsidenten so viele Knüppel zwischen die Beine geworfen wurden? Würden Sie es bevorzugen, wenn er wiedergewählt würde?

Ich habe eine Menge Präsidenten miterlebt. Einige werden wiedergewählt, andere nicht. Wiedergewählt zu werden macht noch keinen großen Präsidenten aus. Und oft genug wünscht man sich, dass der Typ, den man gerade gefeuert hat, wieder zurückkehren würde.

Ich habe den Eindruck, dass Sie sehr zurückhaltend sind, wenn wir über den Präsidenten und die Kritik an ihm sprechen.

Nun ja, ich habe alles gesagt, was ich zu dem Thema sagen kann.

Dann sollten wir unter diesen Umständen vielleicht noch einmal auf „Tempest“ zurückkommen. Können Sie uns erzählen, wie heute Ihre Vorgehensweise beim Songschreiben aussieht?

Ich kann einen Song überall schreiben, auch in einem überfüllten Raum. Die Inspiration kann dich jederzeit treffen. Es ist Magie, es ist etwas, über das ich keine Kontrolle habe.

Wie sieht es mit Ihrer Rolle als Produzent aus? Was für einen Sound haben Sie auf dem Album angestrebt?

Der Sound kommt mit dem Song. Neulich hörte ich was Lustiges: Jemand erzählte mir, dass Justin Bieber nicht in der Lage sei, einen dieser Songs zu singen. Worauf ich entgegnete, dass ich auch keinen Justin Bieber-Song singen könne. Und mein Gegenüber sagte: „Baby, dafür bin ich dir unendlich dankbar.“

Es dreht sich wieder einmal viel um die Sterblichkeit, vor allem in den letzten drei Songs – „Tin Angel“, „Tempest“ und „Roll On John“. Die Protagonisten finden ein tragisches Ende.

Das tun die Protagonisten in „Frankie And Johnny“, „Stagger Lee“ und „El Paso“ auch. Ebenso in einem meiner Lieblings-Songs, nämlich „Delia“. Ich kann Ihnen hundert Songs nennen, in denen es tragisch endet. Man nennt es Tradition, und das ist mein Thema. Vielleicht müssen die Leute simplifizieren, um etwas einzuordnen. Wenn sie etwas nicht richtig zu fassen kriegen, greifen sie nach einem Begriff, den sie zu verstehen glauben – wie etwa Sterblichkeit. „Diese Songs müssen sich wohl um Sterblichkeit drehen. Klar – Dylan. Ist der nicht schon ziemlich alt? Er muss wohl ständig an dieses Thema denken.“ Wissen Sie, was ich zu einem derartigen Haufen Scheiße sage? Ich sage, dass diese Idioten einfach nicht wissen, wovon sie reden. Sollen sie doch einen anderen zum Ärgern finden.

Es gibt viele Songs über den Tod. Wie Sie sicher wissen, dreht sich in der Folkmusik so ziemlich jeder zweite Song um den Tod. Alle singen über ihn. Der Tod ist Teil des Lebens. Je früher du das kapierst, desto besser für dich. Das ist der einzige Weg, wie man sich diesem Thema nähern kann. Ob es nun in der Öffentlichkeit einen Konsens darüber gibt, was meine Songs bedeuten, oder nicht – und ob ich mit diesem Konsens übereinstimme: Das ist doch schlichter Blödsinn. Ich kann nicht kommentieren, was andere Leute aus meinen Songs herauslesen.

Es ist interessant, dass nach dem Untergang der Titanic so viele Folk- und Blues- und Country-Songs zu diesem Thema entstanden. Wie würden Sie dieses Phänomen erklären?

Richtig, viele Folk- und Blues-Musiker schrieben darüber – und im Folk und Blues fühle ich mich nun mal zu Hause. Also kann ich mir auch so ein Thema vornehmen. Es ist so etwas wie die Messlatte.

Heute werden wir von Medien überschwemmt. Sie berichten schon darüber, bevor überhaupt was passiert ist. Man weiß schon von allem oder glaubt es zu wissen. Man braucht also keinen Song über das Feuer zu schreiben, das gestern Abend in Chinatown ausbrach – man sah es ja schon in den Nachrichten. In Songs sollte man den Leuten etwas über Dinge erzählen, die sie noch nicht kennen oder die sie nicht miterlebt haben – und als Songschreiber natürlich so tun, als sei man vor Ort gewesen. Niemand kann dir widersprechen, wenn du einen Song über die Titanic schreibst – genauso wenig wie bei einem Song über Billy the Kid.

Die Folk-Musiker wären allerdings nie an Bord der Titanic gelassen worden – oder allenfalls in den Maschinenraum.

Nein, aber sie hatten alle eine lebhafte Vorstellungskraft. Und die habe ich auch. Es gibt keinen Grund, warum Leadbelly einen Song über die Titanic schreiben sollte, ich aber nicht. Es ist vielleicht ungewöhnlich, eine derart lange Ballade zu schreiben, aber das Thema ist es nicht.

In einigen der frühen Songs wurde das Unglück gerne als Omen und göttlicher Fingerzeig interpretiert – dass die Menschen so vermessen gewesen seien, das Schiff als unsinkbar zu bezeichnen. Gibt es diesen Unterton auch bei Ihnen?

Nein, nein, von solchen Sachen halte ich mich fern. Ich bin nur daran interessiert zu erzählen, was passierte.

Sie haben auch einen Song über John Lennon auf dem Album, „Roll On John“. Was war der Grund, dass Sie ihn jetzt eingespielt haben?

Ich erinnere mich nicht mehr, es war einfach ein Impuls. Ich war mir nicht mal sicher, ob der Song auf dem Album Sinn ergeben würde. Ich versuchte es einfach mal und blieb bei der Entscheidung. Es ist auch nicht so, als hätte ich ihn eigens dafür geschrieben. Im letzten Jahr haben wir begonnen, ihn auf der Bühne bei Soundchecks auszuprobieren.

Lennon sagte, dass er von Ihnen inspiriert gewesen sei, gleichzeitig aber auch immer eine Konkurrenzsituation empfunden habe. War Ihr persönlicher Umgang  dadurch gehemmt?

Das Thema „peers“ hatten wir ja schon eingangs abgehakt, oder nicht? John kam aus dem Norden Englands, dem Hinterland – genau wie ich in Amerika. Insofern hatten wir einen ähnlichen Hintergrund. Beide Orte waren isoliert, wenn auch in meinem Fall sicher noch extremer. Aber die Welt scheint nur aus Widerständen zu bestehen, wenn du aus einem solchen Ort kommst. Du musst das Talent haben, diese Barrieren zu überwinden. Das war unsere Gemeinsamkeit. Wir waren etwa gleich alt und hörten in unserer Jugend die gleiche Musik. Und wir wurden beide heftig angefeindet – auch das vereint. Ich wünschte mir, dass er noch am Leben wäre. Wir könnten heute über viele Sachen reden.

Sie fuhren sogar eigens nach Liverpool, wo Lennon ja aufwuchs. Wann war das?

Vor ein paar Jahren? Strawberry Field ist direkt hinter seinem Haus, das wusste ich vorher nicht. Er wuchs ja bei seiner Tante auf und konnte von da direkt in den umzäunten Park laufen. Wenn man in England aufwuchs, wurde man auch mit dieser ganzen Tradition des Hängens, des Kopfabschlagens konfrontiert. Ich hatte die Zeile über das „getting hung“ – „Nothing to get hung about“ – nie so recht verstanden. Nun, inzwischen war die Zeit schon fortgeschritten, und man meinte mit „hung“ eigentlich „hung up“ – „Nothing to be hung up about“. Aber John verwendete diesen Ausdruck noch im herkömmlichen Sinne. „What are you doing out there, John?“ „Don’t worry, Mum, nothing they’re going to hang me about, nothing to get hung about“. Ich fand das sehr interessant.

In „Roll On John“ scheinen Sie zu suggerieren, dass er in Amerika in eine Sackgasse geraten ist – weit weg von seiner Heimat. Können Sie das nachvollziehen?

Wie könnte man nicht? Es gibt so viel, was man über das Leben eines Menschen sagen kann. Es ist ein endloses Thema, wirklich. Ich habe mir nur die Sachen rausgepickt, mit denen ich vertraut war, bei denen ich einen Einblick zu haben glaubte.

In höre auf „Tempest“ und den vorangegangenen Alben verschiedene Quellen und Referenzen – etwa an den Sound von Muddy Waters und Howlin‘ Wolf oder den Genius von Charley Patton. Verstehen Sie sich heute als Blues-Musiker?

Es war kein Zuckerschlecken, Bluesmusiker zu sein. Und ich habe auch zu viel Rock’n’Roll in meinem Blut, um mich wirklich als Blues-Sänger zu verstehen. Country-Blues, Folk und Rock’n’Roll sind die Quellen, aus denen sich meine Musik speist.

Gleichzeitig höre ich auch Echos von Bing Crosby, eigentlich schon seit „Nashville Skyline“.

Viele Leute möchten so wie Bing Crosby singen, aber nur die wenigsten können seine Phrasierungen treffen oder die Eindringlichkeit seines Tons. Er beeinflusste alle wirklichen Sänger – ob sie es nun wussten oder nicht. Ich hörte Bing Crosby als Kind, schenkte ihm aber damals nicht allzu viel Aufmerksamkeit. Aber er hat natürlich trotzdem seine Spuren hinterlassen. Er und Nat King Cole waren die Lieblingssänger meines Vaters; ihre Platten liefen ständig in unserem Haus.

Sie erwähnten, dass das Album ursprünglich eine religiöse Platte werden sollte. Können Sie das noch erläutern?

An den Songs von „Tempest“ arbeiteten wir bei den Soundchecks vor unseren Auftritten. Bei den religiösen Songs hatte ich den Eindruck, dass sie ein­ander zu ähnlich waren, um sie zu einem Album zusammenzustellen. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich mich entscheiden musste – und ich entschied mich für „Tempest“. Wobei ich immer noch nicht weiß, ob ich die richtige Wahl getroffen habe.

Wenn Sie von religiösen Songs reden …

Es sind neue Songs, die aber durchaus in der Tradition stehen.

Also eher in der Tradition von „Slow Train Coming“?

Nein, nein, eher so etwas wie „Just A Closer Walk With Thee“ (eine traditionelle Gospelnummer, die gerne bei den Beerdigungsmärschen in New Orleans gespielt wird).

Seit den Achtzigern beschäftigen sich Ihre Songs oft mit dunklen, übernatürlichen Mächten. Können wir daraus ablesen, dass es immer auch ein religiöses Ringen gab, das sich in diesen Songs niederschlug?

Nein, von einem religiösen Ringen weiß ich nichts. Ich habe Ihnen vorhin das Buch gezeigt: Die Transfiguration macht all diese Fragen obsolet. Man hat keine inneren religiösen Kämpfe, man hatte sie nicht und wird sie auch nie haben. Man muss seinem Glauben einfach eine andere Dimension geben. Dieses Ringen mag anderen Menschen vertraut sein – Leute, die man nicht kennt und nie kennenlernen wird. Wobei sicher jedermann mit irgendeiner Form des Ringens vertraut ist.

Hat sich Ihr Glaube im Lauf der Jahre verändert?

Sicher hat er das, o ye of little faith. Wer sagt überhaupt, dass ich irgendeine Form von Glauben habe? Und wenn ja – welchen? Ich sehe die Hand Gottes in allen Dingen – in jeder Person, jedem Ort, jeder Situation. Ich meine, wir können an so ziemlich alles glauben, oder nicht? Sie können an Ihren Bloody Mary glauben, den Sie gerade trinken. Beruhigt vielleicht die Nerven.

Es ist nur Wasser, kein Bloody Mary.

Nun (lacht), von hier aus sah es wie ein Bloody Mary aus. Ich behaupte einfach, dass es einer ist. Ich schreibe die Geschichte für Sie um.

Aber Sie haben früher doch über dieses Thema gesprochen.

Ja, aber das war früher, und jetzt ist heute. Ich habe genug Glauben, um mir selbst treu zu bleiben. Gläubigkeit ist immer eine gute Sache – sie kann Berge versetzen. Nicht der Bloody Mary-
Glaube, den Sie vielleicht meinen, sondern der Glaube, den Leute wie ich haben. Man merkt sofort, ob Menschen gläubig sind oder nicht – an der Art und Weise, wie sie sich verhalten oder welchen Blödsinn sie ablassen. Ein bisschen Glaube kann einen großen Unterschied ausmachen. Es ist etwas, das alle Menschen ihr eigen nennen sollten. Selbst wenn wir nichts anderes mehr haben, bleibt uns  zumindest der Glaube. Aber man braucht eine Weile, um ihn zu finden.

Manchmal finden ihn Menschen ja – nur um ihn dann wieder zu verlieren.

Absolut. Man wird im Leben oft hart getroffen, aus allen nur erdenklichen Richtungen. Und einige trifft’s härter als andere. Einige von uns bekommen überhaupt keine Chance, während andere gleich mehrere bekommen. Und jede sieht anders aus. Man muss einfach am Ball bleiben. Das Beste draus machen. Wie in dem Woody Guthrie-Song „Hard Travelin'“.

Die Bibel ist noch immer für viele Metaphern in Ihren Songs verantwortlich.

Natürlich, was sonst sollte man dort finden? Ich glaube an die Offenbarung des Johannes, ich glaube überhaupt an Offenbarungen. Es gibt Wahrheiten in allen Büchern, bei Konfuzius, bei Sunzi, Marc Aurel, dem Koran, der Tora, dem Neuen Testament, den buddhistischen Sutras, dem Bhagavad Gita, dem ägyptischen Buch der Toten und tausend anderen. Man kann nicht durchs Leben gehen, ohne ein Buch gelesen zu haben.

Lassen Sie uns noch einmal auf das Thema der Transfiguration zurückkommen. Gab es einen konkreten Moment, in dem Sie damit konfrontiert wurden?

Ich kann nur noch mal auf das Buch verweisen (die Sonny Barger-Biografie). Ich glaube, dass dieser Motorradunfall um das Jahr 1964 passierte. (Bobby Zimmerman, der Hells Angel, kam tatsächlich bereits 1961 ums Leben.) Wie bekannt, hatte ich 1966 selbst einen Motorradunfall. Wir reden also von etwa zwei Jahren – einem allmählichen Verschwinden und dem plötzlichen Auftauchen von etwas Neuem. Und das ergibt Sinn, weil es in der Welt der Wahrheit nun mal keinen Anfang und kein Ende gibt. Dinge tauchen auf, während andere im Verschwinden begriffen sind. Es gibt keine scharfe Trennlinie. Wir haben darüber ja bereits gesprochen. Zwischen Ländern gibt es exakt festgelegte Grenzen, aber in der kosmologischen Welt existieren sie nicht – genauso wenig, wie es zwischen Tag und Nacht eine scharf definierte Grenze gibt.

Nach Ihrem Motorradunfall hatten Sie also das Gefühl, eine andere Person zu sein?

Ich versuche etwas zu erklären, das nicht erklärbar ist. Helfen Sie mir auf die Sprünge. Lesen Sie das Buch. Eini­ge Leute entwickeln sich nie zu dem, was sie eigentlich sein sollten. Der Weg ist ihnen versperrt, also schlagen sie einen anderen Weg ein. Das passiert oft. Wir begegnen ständig Leuten, denen das zugestoßen ist. Wir sehen sie auf der Straße. Es ist, als ob sie ein Schild um ihren Hals trügen.

Aber hatten Sie schon eine Ahnung, bevor Sie das Barger-Buch lasen?

Ich wusste nicht, wer ich war, bevor ich das Buch las.

Lassen Sie es mich so versuchen: In den Sechzigern galten Sie als eine revolutionäre Naturgewalt – bis es 1966 zu diesem Unfall kam. Als Sie danach zurückkamen, sahen Sie anders aus und klangen plötzlich auch anders – ob es nun Ihre Stimme war, die Musik oder die Texte.

Warum müssen die Leute immer gleich durchdrehen, wenn sie über mich sprechen? Was zum Teufel ist bloß los mit ihnen? Natürlich hatte ich einen Unfall, natürlich spielte ich mit The Band, natürlich machte ich ein Album, das „John Wesley Harding“ hieß. Und natürlich klang ich anders. Und was soll das bedeuten? Sie wollen etwas wissen, was man mit Wissen nicht erfahren kann. Sie sind am Suchen, sie sind Suchende – wie in dem Townshend-Song, wo er nach dem Weg zu „50 million
fables“ sucht. Aber warum? Warum tun sie das? Sie wissen es einfach nicht. Es ist nur traurig. Möge der Herr ihnen vergeben. Sie sind verlorene Seelen. Es ist wirklich traurig – traurig für mich, aber auch traurig für sie.

Warum glauben Sie, dass das der Fall ist?

Ich habe keine Ahnung. Wenn Sie es je rausfinden sollten, kommen Sie vorbei und erzählen es mir.

Sie behaupten also, dass man Sie gar nicht kennen könne?

Niemand weiß nichts. Wer weiß schon, wer transfiguriert wurde und wer nicht? Aristoteles vielleicht? Wurde er transfiguriert? Ich weiß es nicht. Julius Caesar? Vielleicht Shakespeare? Dante? Napoleon? Churchill? Man weiß es einfach nicht, weil es nicht in Geschichtsbüchern steht. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Wenn Sie behaupten, dass diejenigen, die über Ihr Leben spekulieren, überhaupt keine Ahnung haben – heißt das im Umkehrschluss, dass Sie sich als Künstler missverstanden fühlen?

Überhaupt nicht! (lacht) Ich meine – was gibt es da zu verstehen? Wer sollte mich verstehen wollen? Meine Verwandtschaft? Soll ich vielleicht ein missverstandener Künstler sein, der in seinem Dachkämmerlein haust? Sagen Sie’s mir. Was gibt es da zu verstehen?
Bitte – können wir aufhören?

Mit dieser Frage sollen wir aufhören? Lassen Sie mich noch eine stellen: In den letzten zehn Jahren haben Sie eine Autobiografie geschrieben, es gab mit „I’m Not There“ eine fiktive Film-Biografie und Martin Scorseses Dokumentation „No Direction Home“ – drei groß angelegte Versuche, Licht in Ihre Vergangenheit zu bringen. Waren nicht gerade die „Chronicles“ der Versuch, einige Aspekte Ihres Lebens gerade zu rücken?

Wenn Sie „Chronicles“ gelesen haben, werden Sie wissen, dass es nicht mehr sein will als das, was es ist. Sie werden dort nichts über den Sinn des Lebens finden – weder das von mir noch von irgendeinem Anderen. Und wenn Sie „No Direction Home“ sehen, werden Sie feststellen, dass die Dokumentation mit dem Jahre 1966 endet. Und was „I’m Not There“ angeht: Ich weiß nichts über den Film. Ich weiß nur, dass sie 30 meiner Songs lizenziert haben.

Hat Ihnen der Film denn nicht gefallen?

Er war schon ganz okay. Glauben Sie, dass sich der Regisseur gefragt hat, ob die Zuschauer den Film nun verstehen oder nicht?  Ich glaube, es war ihm völlig egal. Er wollte einfach nur einen guten Film machen. Und er sah auch gut aus – und die Schauspieler waren unglaublich.

Ich denke, dass der Film auf der landläufigen Meinung basierte, dass Sie zahllose Phasen und Identitäten durchlaufen haben.

Ich sehe mich jedenfalls nicht so. Aber was soll’s? Es ist nur ein Film.

Wird es ein „Chronicles 2“ geben?

Hoffen wir‘s. Ich arbeite schon geraume Zeit an einigen Kapiteln. Beim ersten Buch war ich auf mich allein gestellt; ich bin mir nicht mal sicher, ob ich einen richtigen Lektor hatte. Es ist eine Menge Arbeit. Es macht mir nichts aus, es zu schreiben, aber fürs Gegenlesen braucht man viel Zeit – und das fällt mir schwer.

Sie sagten vorhin, dass es Ihnen schwer falle, sich an Details zu erinnern. Ich hatte nach der Lektüre der „Chronicles“ eigentlich eher den Eindruck, dass Sie sich an fast alles erinnern.

Es ist nicht gerade so, als hätte ich ein brillantes Gedächtnis. Ich erinnere mich an Sachen, an die ich mich erinnern will. Was ich lieber vergessen will, vergesse ich halt. Und wenn man so schreibt, dann führt eine Episode zu der anderen. Es sind Glieder einer Kette, die man bei der Arbeit zusammenfügt.

In den letzten Jahren haben Sie diverse Auszeichnungen bekommen, zuletzt die „Medal of Freedom“. Sie waren nicht immer aufgeschlossen, bei derartigen Veranstaltungen zu erscheinen. Warum nehmen Sie die Ehrungen in jüngster Zeit häufiger an?

Ich lehne weit mehr ab als ich annehme. Die Angebote kommen aus allen Ecken der Welt. Und die meisten muss ich schon deswegen ablehnen, weil ich nicht physisch überall auftauchen kann. Aber gelegentlich gibt es eine wichtige Auszeichnung, von der ich nie geträumt hätte, dass sie mir eines Tages zuteil würde – wie jetzt die Medal of Freedom“. Um nichts in der Welt würde ich daran vorbeigehen.

Natürlich ist so was ein Hochgefühl. Wir möchte nicht gerne eine Einladung aus dem Weißen Haus bekommen? Und dann die Leute, mit denen ich mir die Auszeichnung teile: John Glenn und Madeleine Albright, Toni Morrison und Pat Summitt, John Doer, William Foege und so weiter. Diese Leute haben unglaubliche Leistungen vollbracht. Ich war begeistert, Zeit mit ihnen verbringen zu können. Was wäre denn die Alternative? Soll ich vielleicht mit irgendwelchen Hedgefond-Ganoven oder Hollywood-Gigolos abhängen?

Im Juli 2009 wurden Sie einmal von der Polizei in Long Branch/New Jersey aufgegriffen, weil sie angeblich Bruce Springsteens altes Haus besuchen wollten. Was war da los?

Wir kamen zu unserem Hotel. Der Bus fuhr ab, und ich dachte mir, ich könnte noch einen kleinen Spaziergang machen. Es war am Regnen, und ich vermute mal, dass sie in dieser Gegend nicht damit vertraut sind, im Regen spazieren zu gehen. Jedenfalls war ich der Einzige auf der Straße. Jemand hinter einem Fenster sah mich wohl und rief die Polizei. Kurz darauf hält ein Streifenwagen neben mir – man sagt mir, ich möge mich ausweisen. Nun, natürlich hatte ich keinen Ausweis (lacht). Ich wechsle ständig meine Klamotten. Die Polizistin kennt mich nicht. Die meisten Leute kennen mich nicht. Sie kennen nur meinen Namen. Ich halte mich irgendwo auf, wo niemand mich kennt – und dann kommt jemand rein, der mich zufällig kennt, und ich muss dann allen sagen, wer ich bin … und dann wird’s irgendwann unangenehm.

Das ist eine menschliche Eigenart, die ich oft kennenlerne. Menschen mögen gerne andere Menschen ans Messer liefern, sie sagen gerne: „Der da drüben ist es.“ Sie wollen dich abliefern, so wie sie Jesus abgeliefert haben. Sie drängeln sich geradezu, das zu tun. Es ist einfach eine menschliche Eigenart, die mir oft begegnet ist.

Vor dem Ende unserer Unterhaltung würde ich Sie gerne noch auf ein Thema ansprechen, das seinerzeit für einigen Wirbel sorgte: die Zitate, die Sie sich bei anderen Künstlern ausleihen. Da waren einmal die „Confessions of a Yakuza“ des japanischen Autors Junichi Saga, zum anderen die Bürgerkriegs-Gedichte von Henry Timrod. Einige Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie Ihre Quellen nicht kennzeichnen. Andererseits hat das Zitat im Folk wie auch im Jazz eine lange, reiche Tradition. Wie reagieren Sie auf diese Vorwürfe?

Klar, im Folk und Jazz hat das Zitat eine lange, reiche Tradition. Das trifft sicher zu, aber nur für die Anderen, nicht für mich. Für mich gelten andere Regeln. Und was Henry Timrod betrifft: Hatten Sie vorher je von ihm gehört? Wer liest denn inzwischen seine Bücher? Wer hat ihn überhaupt ins Rampenlicht gebracht? Wer ist dafür verantwortlich, dass er heute gelesen wird? Fragen Sie doch mal seine Nachfahren, was sie von dem ganzen Trara halten. Und wenn Sie meinen, es wäre so einfach, etwas aus seinen Werken zu klauen, um damit die eigene Arbeit anzureichern, dann versuchen Sie’s mal und schauen zu, wie weit Sie damit kommen. Alles Weicheier und Waschlappen.

Diese Sachen haben schon Tradition. Das sind die gleichen Leute, die mir damals schon den Namen Judas ans Revers heften wollten – Judas, den verhasstesten Namen der ganzen Menschheit! Wenn Sie mal glauben, Sie seien beleidigt worden, dann stellen Sie sich vor, wie Sie mit diesem Namen klarkommen. Und weshalb wurde ich so genannt? Weil ich eine elektrische Gitarre spielte! Als ob es das Gleiche wäre, wie wenn man den Herrgott verrät und ans Kreuz nageln lässt. All diese Motherfucker sollen doch in der Hölle verschmoren.

Ernsthaft?

Ich arbeite innerhalb meiner Kunstform, ich arbeite innerhalb ihrer Regeln und Beschränkungen. Es gibt sicher kompetentere Menschen als mich, die Ihnen das erklären könnten. Man nennt es Songwriting. Es hat etwas mit Melodie und Rhythmus zu tun – und danach gibt es keine verschlossene Türen. Man macht alles zu dem Seinen. Wir alle arbeiten so.

Wenn sich solche Zeilen in Ihren Song verirren – sind Sie sich in diesem Moment der Tatsache bewusst?

Nun, nicht wirklich. Aber selbst wenn es der Fall wäre: Man lässt es dann einfach laufen. Ich habe nicht vor, mir einen Maulkorb zu verpassen. Ich mache das, was der Song verlangt. Es ist eben eine andere Kunstform, die ihre eigenen Regeln hat. All meine Sachen kommen aus der Folk-Welt – das lässt sich mit der Pop-Welt nicht unbedingt vergleichen.

Halten Sie derartige Kritik für irrelevant oder einfach nur für dumm?

Ich versuche, sie weiträumig zu umgehen. Ich muss es einfach. Wenn Sie mich fragen, ob ich jegliche Kritik für irrelevant oder dumm halte: Nein, wenn es konstruktive Kritik ist, wenn mich jemand auf etwas hinweist, das sich verbessern lässt, dann wäre ich wohl auch bereit zuzuhören. Aber diese Leute, die besessen vom Kritisieren sind … es ist nicht einmal ehrliche Kritik. Aber das eh nicht die Leute, für die ich spiele.

Aber Sie werden doch von diesen beiden konkreten Vorwürfen zumindest gehört haben?

Leute haben mich auf jedem Zentimeter meines Weges aufzuhalten versucht. „Newsweek“ warf damals die erste Bombe. Sie schrieben, irgendein Bursche aus New Jersey habe „Blowin‘ In The Wind“ geschrieben – es stamme überhaupt nicht von mir. Und als sie damit nicht weiterkamen, hieß es, ich habe die Melodie aus einem protestantischen Choral des 16. Jahrhunderts gestohlen. Und als sie damit nicht weiterkamen, hieß es: Nein, das war leider ein Fehler – die Melodie stammt tatsächlich von einem alten Negro-Spiritual. Was ist heute also anders? Das Spiel geht schon so lange, dass ich wahrscheinlich gar nicht mehr ohne es leben könnte. Sie sollen sich ficken. Ich werde sie alle im Grab sehen.

Alles, was die Leute über mich oder jemand anderen sagen, sagen sie letztlich über sich selbst. Ist Ihnen das schon mal aufgefallen? In meinem Fall gibt es ein ganzes Universum mit Gelehrten, Professoren und Dylanologen – und alles, was ich tue, hat in irgendeiner Form Auswirkungen auf sie. Ohne mich wüssten sie gar nicht weiter. In gewisser Weise habe ich ihnen das Leben geschenkt.

Und die Inspiration.

Nein, damit haben sie nichts am Hut.

Aber die Kehrseite der Medaille, dass Leute übermäßig kritisch sind …

… heißt, jemanden uneingeschränkt zu bewundern (lacht).

Nein, die Kehrseite ist, dass Sie ein Publikum haben, das Sie uneingeschränkt liebt.

Natürlich. Sie glauben jedenfalls, dass sie mich lieben. Die Leute behaupten von vielen Dingen, dass sie sie lieben, tun’s aber nicht. Es ist nur ein Wort, das inflationär benutzt wird. Wenn man sein Leben für jemand riskiert – das ist Liebe. Aber man weiß es nicht, bis man an diesen Punkt kommt. Wenn jemand bereit ist, für dich zu sterben – ja, das ist auch Liebe.