Boris Becker wird 50: Zehn Meilensteine seiner Tennis-Karriere

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Boris Becker wird 50: Zehn Meilensteine seiner Tennis-Karriere

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01. Juni 1995-Januar 1996

Boris Becker bei den Australian Open 1996

Die meisten Fans betrachten den Sieg des 17-jährigen in Wimbledon 1985, sowie die Titelverteidigung 1986 als größten Triumph Beckers. Vor allem, weil er im zweiten Finale die Nummer eins ausschaltete, Ivan Lendl.
Dabei ist sein Comeback von 1995 schöner. Becker war 28 und stand in Wimbledon erstmals seit vier Jahren überhaupt wieder in einem Grand-Slam-Endspiel. Er sah damals schon alt aus, Stoppel-Bart und Mütze, und galt nur noch als Nice-To-Have-Dino.
Der Befreiungsakt kam im Halbfinale. Becker besiegte gegen jede Wahrscheinlichkeit die Nummer eins, Andre Agassi. Barbara Becker sprang vom Sitz auf, Boris Becker zeigte den „Seht ihr!“-Zeigefinger, Agassi konnte es nicht fassen (in seiner Autobiografie „Open“ schildert er seine komplizierte Beziehung zum Deutschen: Beide waren unfassbar eitel).
Im Endspiel nahm Becker dem dominierenden Spieler der 1990er-Jahre, Pete Sampras, den ersten Satz ab – war also nur noch zwei Gewinnsätze vom vierten Wimbledon-Triumph entfernt.

Boris Becker schlägt Agassi in Wimbledon 1995

Am Ende siegte Sampras zwar in vier Sätzen, aber Beckers Karriereherbst hatte es in sich. Der Boost. So konstant spielte er zuletzt 1989. Jetzt also Finale (Wimbledon), Halbfinale (US Open – Agassi erhielt die Revanche), und im Januar 1996 das Endspiel-Duell der ehemaligen 17-jährigen Wunderkinder Becker vs. Michael Chang, dem Gewinner von Roland Garros 1989.
Allein die Körpersprache machte deutlich, wer hier als Sieger vom Platz gehen würde. Becker bewegte sich nur so viel, wie nötig. Chang ließ wie immer die Schultern hängen.
Becker schenkte ihm mittendrin, quasi als Verschnaufpause, einen Satz. Danach machte er mit dem US-Spieler kurzen Prozess. Vorbildlich, wie Becker, mit 29, endlich im Vollbesitz der Einschätzung seiner Kraftreserven war. Nach dem Matchpoint, wenig erschöpft, hob er pflichtgemäß die Sieger-Arme, als hätte er einen Erstrunden-Gegner besiegt.
„Ich werde nächstes Jahr meinen Titel verteidigen“, sagte er bei der Preisverleihung.
Aber von Januar bis Januar ist im Tennis eine elendig lange Zeit.
1997 flog Becker als einziger der ersten zehn gesetzten Spieler in der ersten Runde raus, wie so oft in einer ersten Runde.
In die Nähe eines Grand-Slam-Finales kam er bis Karriere-Ende nicht mehr.

02. November 1996: ATP World Tour Championships

Umarmung nach dem Match des Jahres: Sampras und Becker

 Die meisten Experten bezeichnen das Wimbledon-Finale zwischen Nadal und Federer von 2008 als Nonplusultra. Bis dahin aber wurde dieses Finale der ATP-Weltmeisterschaft von vielen als eines der Top-Spiele bezeichnet: Pete Sampras (Nr. 1, Gewinner US Open) besiegte Becker (Nr. 6, Gewinner Australian Open) in fünf Sätzen, die drei mittleren liefen über den Tie-Break.
Alle in der Hannoveraner Halle waren für Boris. Heimvorteil. Die Lautstärke war gigantisch.
Beide, Sampras und Becker, bezeichneten das Match als bestes, das sie je gespielt hätten.
Toll von Becker, der Niederlagen sonst eher schmallippig beurteilte.

03. Olympische Sommerspiele in Barcelona 1992: Gold im Herren-Doppel

Boris Becker und Michael Stich bei der Siegerehrung

Trainer Niki Pilic soll später zu Protokoll gegeben haben, Becker und Michael Stich hätten während des Trainings kaum miteinander geredet, er sei als Nachrichtenbote vom Hotelzimmer des einen zum Hotelzimmer des anderen gelaufen.
Während der Spiele jedenfalls war recht deutlich zu sehen, dass die zwei besten Tennisspieler der deutschen Geschichte sich nicht viel zu sagen hatten. Sie saßen in den Spielpausen halt nebeneinander.
Im Finale benötigten Becker/Stich gegen Wayne Ferreira und Piet Norval vier Sätze. Der als unterkühlt bezeichnete Stich, aber eigentlich nur im Vergleich mit Becker unterkühlte Stich, blieb für „Hitzkopf Boris“ immer nur „der Spieler Stich“.

04. Wimbledon 1999: Deutsche Machtverhältnisse geklärt

Boris Becker in seinem „Wohnzimmer“ 1999 in Wimbledon

Nicolas Kiefer galt – wie Tommy Haas – als Nachwuchshoffnung, auch Becker lobte den Holzmindener. Dann schlechte Stimmung zwischen den beiden. Für Becker, 31, wurde die Mission „Letztes Wimbledon“ auch zum Generationskampf gegen Kiefer, 21, auf den er in der zweiten Runde treffen sollte.
Vielleicht hatte Becker auch einfach nur die Nase voll von Kiefer, der ihn auf dem Platz meinte ständig kopieren zu müssen. Auch er war ein Gequälter; anders als sein Vorbild aber gelangen Kiefer – der zeit seiner Karriere keine spektakulären Einzeltitel holte – nach seinen Ausbrüchen selten gute Spiele. Für Becker war der Zorn oft reinigend.
Becker haute den Jungen, der auf insgesamt nur zehn gewonnene Spiele in jenem Match kommt, in drei Sätzen vom Platz. Es war brutal: Becker befand sich, das musste längst Kiefer wissen, auf Abschiedstour – er selbst würde keine Chance mehr auf ein Rückspiel bekommen.
„Der Centre Court“, sagte Becker nach der Machtdemonstration, „hat noch einmal den alten Becker geboren.“ Es wirkte, als wäre ihm der Sieg gegen den Landsmann wichtiger als ein Triumph im Endspiel.
Für Becker war im Achtelfinale gegen Pat Rafter Schluss.
Damit konnte er leben. Der Abschied: Als alter Mann einer der 16 besten.

05. Wimbledon 1988: Einen Tag Regenpause und der ewige Edberg

Stefan Edberg: Finalsieg in Wimbledon 1988

Gegen seinen größten Rivalen Stefan Edberg hat Becker eine positive Bilanz: 35 zu 10 Siege. Allerdings gewann der Schwede gegen den Deutschen zwei von drei Grand-Slam-Finalspiele – was natürlich jede Bilanz verhagelt –, und die alle drei ausgerechnet in Wimbledon stattfanden.
Edberg war längere Zeit Nummer eins der ATP-Rangliste als Becker, ist aber eigentlich egal. Für beide war 1985 das Durchbruchsjahr, Becker siegte in Wimbledon, der eineinhalb Jahre ältere Edberg bei den Australian Open.
Das Wimbledon-Match von 1990 war ausgewogen, etwas langweilig. Edbergs Sieg war nicht zwingend, aber okay. 1988 hingegen wirkte wie vom Wettergott entschieden. Becker holte sich den ersten Satz, aber dann kam eine Regenpause. Die zum Regenpausentag wurde. Erst am Montag ging es mit dem Endspiel weiter. Becker musste die Nacht überstehen.
Regenpausen dieser Länge waren für Becker nicht gut.
Am Folgetag
wurde die Regenplane wieder vom Rasen gerollt. Becker kam nicht mehr ins Spiel und in die folgenden drei Sätze und verlor damit das Match.

 06. Wimbledon 1989: Der letzte Wimbledon-Sieg

1989: Sein letzter Wimbledon-Sieg

Dreimal Wimbledon gewonnen, viermal verloren. Mindestens 1988 hätte an ihn gehen müssen – Becker erlebte viele ärgerliche Niederlagen, die von `88 war sicher seine bedauerlichste.
Insgesamt eine Rasen-Statistik, die schlechte Laune macht, da konnte Becker noch so oft von seinem „Wohnzimmer Wimbledon“ sprechen.
Gerade, weil Becker in jedem Match als Comebecker galt: Egal, ob er einen oder zwei Sätze verlieren würde,  0:1 oder 0:2 konnte er stets locker in Sätzen aufholen.
Natürlich könnte man Beckers Wimbledonstatistik zwischen 1988 und 1993 auch positiv interpretieren. Also, das Glas war halb voll: In den Jahren 1988 (Finale), 1990 (Finale), 1991 (Finale), 1992 (Viertelfinale) und 1993 (Halbfinale) verlor er jedes Mal gegen den jeweiligen (späteren) Turniersieger. Edberg, Edberg, Stich, Agassi, Sampras.
Überhaupt kann man in Beckers Grand-Slam-Bilanz ein schönes Muster erkennen: Falls er ein Grand-Slam-Finale verlor, dann nur in Wimbledon. Hatte er es überhaupt in ein anderes Finalmatch der großen vier Turniere geschafft, brachte er das Ding auch nach Hause.

Klare Kante

Im Endspiel 1989 schlug Becker Edberg glatt in drei Sätzen. Jeder war sprachlos: Der erste Satz war ein 6:0.
Keine Regenpause. Start-Ziel-Sieg. Oder, eher noch: eine Landschaftsreise. Rasante Abfahrt (6:0), steiler Aufstieg (7:6), gerade Ebene (6:4). Fünf Monate nach Wimbledon ’89 fiel die Mauer.
Aber keiner hätte ahnen können, dass der 21-jährige Becker danach nie wieder Wimbledon  gewinnen würde. Man sollte sich nicht die Haare deswegen raufen, aber das war eine tragische Verschwendung von Potential. Nach 21 nie mehr Wimbledon? Zehn Karrierejahre ohne Wimbledon-Titel? Das konnte doch auch Ulli Potofski keinen Spaß machen, RTL plante  ab 1989 mit Boris-Triumphen, die fortan ausblieben.
Die Hochleistungsphasen im Tennis haben sich bis heute verschoben: Undenkbar, dass pubertierende Körper wie die der 17-jährigen Becker oder Michael Chang heute noch einen Grand Slam gewinnen könnten. Athletische Voraussetzungen haben zugenommen, erst ab 20 ein Mega-Turnier zu gewinnen ist wahrscheinlicher geworden. Roger Federer hat unlängst mit 35 Jahren Wimbledon für sich entschieden.

07. Das deutsche Jahr 1990: Alle bis auf Boris

Edberg schlägt zum zweiten Mal Becker: Wimbledon 1990

1990 stand Deutschland im weltweiten Fokus: Wiedervereinigung, Gewinn der Fußball-WM, Steffi Graf sicherte sich die Australian Open – nur Boris blieb blass. Keine großen Siege.
Es war aber auch unerträglich: Die Fußballer befanden sich längst in einer Epoche, die mindestens Halbfinale garantierte. Bedeutete: Mindestens zwei Wochen lang waren die im Fernsehen, garantierter Spaß also.
Becker hingegen war in gewissen Turnieren stets Kandidat für frühes Ausscheiden. French Open 1990: erste Runde. Warum nach diesem Schock noch zwei Wochen lang Tennis einschalten? Wen sollte man sich ansehen? Vertanes Frühjahr, vertaner Mai.

08. Halbfinale Roland Garros 1989: Lag’s am Apfel?

Becker bei den French Open 1989

Das Kalenderjahr 1989 war das erfolgreichste für Becker. Zum einzigen Mal in seiner Karriere feierte er zwei Grand-Slam-Erfolge nacheinander. Damals hoffte man auf so etwas wie eine Becker-Ära, eine Periode wie bei Wilander oder Lendl. Becker gewann 1989 Wimbledon und die US Open.
Ein Sandplatz-Crack war er nicht, würde er auch nie werden. Aber der Fight gegen Edberg im Halbfinale von Roland Garros (Revanche für Becker dann einen Monat später in Wimbledon) markierte die größtmögliche Nähe zum wichtigsten Titel in Frankreich. Er wollte den Pokal, empfand Paris nicht als Qual.
Becker unterlag Edberg in fünf Sätzen; die beiden kannten sich längst in- und auswendig. Sie verlegten sich beide oft auf Serve-and-Volley, ein irre Idee auf langsamen Sand. Wie Wimbledon in Rot statt Grün.
Nach Beckers Niederlage rätselte die „Bild“: Sätze drei und vier gewonnen, dann ein 2:6. Das hätte doch nicht passieren dürfen. Warum aß Becker in der Spielpause Apfel statt Banane? Das hatte ihn verlangsamt, oder nicht?

09. „Schlacht von Hartford“ 1987

John McEnroe freut sich – verloren hat er die Schlacht dennoch

Wer heute über Nachrichten zum Davis Cup strauchelt, schnappt vielleicht ein „Deutschland kämpft in der Relegation“ im Videotext auf. Vor 30 Jahren aber nahm man diese Team-WM sehr ernst. Es war die Zeit von Becker, Patrick Kühnen, Eric Jelen und Charly „Milchschnitte“ Steeb.
In der Relegation traf Deutschland auf die USA. McEnroe, 28, war zwar noch immer gefürchtet, aber längst keine Gefahr mehr. Doch der Veteran machte es sich zur Herzensangelegenheit, den drohenden Abstieg der USA ins Davis-Cup-Nirvana zu verhindern.
Am 24. Juli kam es zum Einzel. Rasenspezialist McEnroe fehlte zwei Monate zuvor in Wimbledon. Rasenspezialist Becker stand auch nicht besser da: Er war völlig überraschend in der zweiten Wimbledon-Runde ausgeschieden und begründete damit sein Flop-Jahr 1987.
Beide Spieler also waren heiß in Hartford und hatten Boden gut zu machen.
Sechs Stunden und 21 Minuten. Becker siegte 4:6, 15:13, 8:10, 6:2, 6:2. Becker holte also 39, McEnroe 33 Spiele. Was sind das für unglaubliche Zahlen. Damit ließen sich gleich zwei Matches austragen.
Nach dem Triumph rannte Becker mit einer Deutschlandflagge durch die Halle. Er hatte es McEnroe gezeigt. Nun wollte er es auch dem amerikanischen Publikum zeigen.
Die zwei vielleicht lautesten Spieler ihrer Generation (70er und 80er-Jahre) trafen im Laufe ihrer Karrieren leider nur zehnmal aufeinander. Achtmal siegte Becker gegen den Älteren.

10. Botschafter sein

Boris Becker 1985: Wimbledon-Sieger

Oft ist vom „westdeutschen Mief“ die Rede, von der „Kohl-Ära“ usw., wenn es um die 1980er-Jahre geht. Aber Boris Becker war gut für das Image der BRD. Nur hierzulande tat man sich –  von Anfang an – schwer ihn zu lieben. Seine „Sympathien für die Hafenstraße“ fanden viele zu jugendlich, aber diese Beurteilung bewies auch nur, dass den jungen Mann keiner fassen konnte: Der interessiert sich für Politik?
Man hängte sich stattdessen an seiner Schnappatmung als Gast bei „Wetten, dass ..?“ auf (später weltmännisch gedeutet als: Druckausgleichsprobleme eines Vielreisenden), und im Allgemeinen an seiner Zunge, wenn er sich beim Aufschlag konzentrierte. Es war wieder mal und ist bis heute das deutsche Phänomen, die eigenen Helden kleinzumachen.
Im Ausland freute man sich über ihn. Keine Frage, die Engländer, unsere leidenschaftlichsten Sportrivalen, schlossen den 17-Jährigen Wimbledonsieger in ihre Herzen. Er war der beliebteste Deutsche. Natürlich wegen seiner Spielweise: Die Deutschen galten als Verteidigungs- und Kontrollsportler, als auf-Schwächen-des Gegners-Lauernde. Ein Offensiv-Spieler wie Becker, einer, der Entscheidungen sucht, war neu. Das war so, als würden die Deutschen in der Musik plötzlich nicht mehr auf 1 und 3 klatschen, sondern, cool wie die Angelsachsen, auf 2 und 4.
Dazu der Hecht, dazu die Faust, der Zeigefinger, der den nahenden flachen Ball anvisiert.

Heute wohnt Boris Becker in Wimbledon, nur wenige Gehminuten von der Anlage entfernt. Er sagt, er will später in Wimbledon begraben werden.

Außer Konkurrenz: Becker liegt 0:40 zurück – und schlägt fünf Asse in Folge gegen Medwedew

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