Bruce Springsteen erklärt uns sein neues Album „Wrecking Ball“


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Vor zwei Jahren erzählte Bruce Springsteen dem ROLLING STONE, das er gerade seinen ersten Song über einen Krawattenträger geschrieben hätte. Als Songwriter hat Springsteen einen Großteil seiner Karriere damit verbracht, über Charaktere zu schreiben, die sich durch schwere finanzielle Zeiten zu kämpfen hatten, aber die Finanzkrise hatte ihn überzeugt, dass es nun an der Zeit sei, über die Menschen und Kräfte zu schreiben, die Amerika an diesen kritischen Punkt gebracht hatten.

Das Ergebnis hieß „Wrecking Ball“, eine beißende Anklageschrift gegen Korruption und die Gier der Wall Street Banker und ein Blick auf das Unheil, das sie gebracht haben. „Das ist vielleicht das direkteste Album, das ich je gemacht habe“, sagte Springsteen nun dem US-ROLLING STONE, „‚Nebraska‘ vielleicht ausgenommen, das viel gemeinsam hat mit ‚Wrecking Ball'“.

Das starke Thema des Albums geht Hand in Hand mit einem recht experimentellen Klang, den Springsteen mit Produzent Ron Aniello geschaffen hat. „Es begann als Folk Album – nur mein Gesang und meine Gitarre“, erzählt Springsteen. „Dann kam Ron dazu und zeigte mir sein riesiges Spektrum an Sounds und Klängen, das es mir erlaubte herumzuexperimentieren – zum Beispiel mit einem HipHop Drum Loop oder einem Country-Blues Stomp Loop. Die eigentlichen Drums kamen dann später. Es gab kein vorgegebenes Set-up an Instrumenten, die bespielt werden mussten. Ich konnte gehen, wohin ich wollte, machen, was immer ich wollte. Es war sehr offen.“

Gleich der Album Opener „We Take Care Of Our Own“ wirft eine Frage auf: Kümmern sich die Amerikaner um sich selbst? Die Songs, die folgen, machen die Antwort klar: Der Erzähler des langsamen Walzerstücks „Jack Of All Trades“ kämpft damit einen Job zu finden, während sich der Anti-Held des Country-Folk-Stampfers „Easy Money“ dazu entscheidet, es „all them fat cats“ auf der Wall Street gleichzutun, und kriminell zu werden. Das ähnlich treibende Uptempo-Stück „Shackled And Drawn“ wiederum bietet eine politische Analyse, die eines Woody Guthrie würdig wäre: „Gambling man rolls the dice, workingman pays the bill/ It’s still fat and easy up on banker’s hill/ Up on banker’s hill, the party’s going strong/ Down here below we’re shackled and drawn.“

Das Kernthema des Albums wechselt ungefähr auf halber Länge, wenn die wirtschaftliche Verzweiflung dem Streben nach einer Art spirituellen Erlösung weicht. Es endet schließlich mit einer optimistischen Note und dem ambitionierten „We Are Alive“. Der Song wirkt wie eine feierliche Totenwache, in der Springsteen Amerikanern (und welchen, die es werden wollen) gedenkt, die im Kampf um den Fortschritt gestorben sind: „I was killed in Maryland in 1877/ When the railroad workers made their stand/ I was killed in 1963 one Sunday morning in Birmingham/ I died last year crossing the Southern desert my children left behind in San Pablo… We are alive/ And though we lie alone here in the dark/ Our souls will rise/ To carry the fire and light the spark/ To fight shoulder to shoulder and heart to heart.“

Immer wieder bietet „Wrecking Ball“ dabei musikalische Überraschungen. Das filmische „Rocky Ground“ entwickelt den gleich HipHop-inspirierten Vibe wie „Streets Of Philadelphia“ und featured die Gospel-Sängerin Michelle Moore, die sogar einen kurzen, offensichtlich von Springsteen verfassten Rap abliefert. „Death To My Hometown“ ist ein Irish Folk-inspirierter Song, der sich auch gut auf einem Dropkick Murphys-Album gemacht hätte. „We Are Alive“ borgt sich den Bläser-Part von Johnny Cashs „Ring Of Fire“, während „Land Of Hope And Dreams“ (das bereits 1999 mit der E Street Band gespielt und geschrieben wurde) mit elektronischen Drums und einem Gospel-Chor neu arrangiert wurde.

„Hope And Dreams“ beinhaltet zudem ein Saxophonsolo von Clarence Clemons. Der Big Man ist auch in „Wrecking Ball“ zu hören, an der Seite von Trompeter Curt Ramm – der in der fünfköpfigen Bläser-Sektion sein wird, die mit Springsteen auf der kommenden Tour spielen wird.