Bruce Springsteen erklärt Trump den „Krieg“ – ein trotziger Tourauftakt in Minneapolis

„Das Amerika, das ich liebe, liegt in den Händen einer korrupten, inkompetenten, rassistischen und verräterischen Regierung“, sagte Springsteen beim Tourauftakt in Minneapolis.

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Noch bevor auch nur eine einzige Note erklang, war klar: Das hier würde kein gewöhnliches Bruce-Springsteen-&-the-E-Street-Band-Konzert werden. In einem Bruch mit jahrzehntelanger Tradition betrat die Band die Bühne in völliger Dunkelheit – für das Publikum nur als verschwommene Silhouetten erkennbar. Springsteen kam als Letzter und sprach die ausverkaufte Halle im Target Center in Minneapolis an, ähnlich wie er es wenige Tage zuvor bei der No-Kings-Kundgebung in der Stadt getan hatte.

„Ich möchte die Nacht mit einem Gebet für unsere Männer und Frauen im Ausland beginnen“, sagte er. „Wir beten für ihre sichere Heimkehr. Die mächtige E Street Band ist heute Nacht hier, um die gerechte Kraft der Kunst, der Musik, des Rock & Roll in gefährlichen Zeiten anzurufen. Wir sind hier zur Feier und Verteidigung unserer amerikanischen Ideale: Demokratie, unsere Verfassung und unser heiliges amerikanisches Versprechen. Das Amerika, das ich liebe, über das ich seit 50 Jahren schreibe, das ein Leuchtfeuer der Hoffnung und Freiheit für die ganze Welt war, liegt derzeit in den Händen einer korrupten, inkompetenten, rassistischen, rücksichtslosen und landesverräterischen Regierung.“

„Heute Nacht“, fuhr er fort, „bitten wir euch alle, mit uns gemeinsam Hoffnung statt Angst zu wählen, Demokratie statt Autoritarismus, die Herrschaft des Rechts statt Gesetzlosigkeit, Ethik statt zügellose Korruption, Widerstand statt Gleichgültigkeit, Einheit statt Spaltung und Frieden statt Krieg.“

Der Auftakt: „War“

Als das letzte Wort „war“ durch die Arena hallte, flammten die Bühnenlichter auf. Springsteen und die Band traten aus der Dunkelheit hervor und legten los mit Edwin Starrs Klassiker „War“ von 1970 – einem Song, den sie seit dem Beginn des letzten Nahostkriegs 2003 nicht mehr gespielt hatten. Es war eine feurige Version mit Sondergast Tom Morello an der Gitarre, was Springsteen erlaubte, ohne Instrument über die Bühne zu streifen. Nahtlos ging das Ganze über in ein leidenschaftliches „Born in the U.S.A.“ – ein Song, den Springsteen der ACLU kürzlich für ihren Kampf gegen Trumps Executive Order zur Abschaffung des Geburtsortsprinzips zur Verfügung gestellt hatte. (Und das Timing war bemerkenswert: Nur gut zwölf Stunden später sollte der Supreme Court mündliche Argumente in dem wegweisenden Fall anhören, ob in den USA geborene Menschen automatisch Staatsbürger sind.)

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Unter normalen Umständen würde diese Tour gar nicht stattfinden. Springsteen hat in den letzten Jahren intensiv getourt und wollte sich eigentlich einem neuen Soloalbum widmen. Aber von normalen Umständen kann keine Rede sein. Nach dem Tod von Renee Good und Alex Pretti durch ICE-Beamte im Januar spürte Springsteen, dass sein neuer Protestsong „Streets of Minneapolis“ und einige Auftritte bei No-Kings-Kundgebungen nicht ausreichten. Er berief die E Street Band mit kurzer Vorwarnung ein, buchte Arenen quer durchs Land – beginnend in der Stadt, die zum Epizentrum des Widerstands gegen die ICE-Razzien geworden war – und kanalisierte seine gerechte Wut in etwas Produktives und Verbindendes.

Das Ergebnis war eine Band mit neuem Sinn und Zweck – und eines der inspirierendsten Rockkonzerte, das ich je erlebt habe. Songs, die Springsteen über die Jahre beinahe bis zur Erschöpfung gespielt hat, klangen irgendwie so frisch wie am ersten Tag. Das wurde früh in der Nacht deutlich, als der Scheinwerfer ihn während der Bridge von „No Surrender“ traf – „There’s a war outside still raging / You say it ain’t ours anymore to win / I want to sleep beneath / Peaceful skies in my lover’s bed“ – und der Song plötzlich, ohne eine einzige Textänderung, vom Krieg im Iran handelte. Solche Momente wiederholten sich im Laufe des dreistündigen Sets immer wieder.

„Streets of Minneapolis“

Vor der E-Street-Band-Premiere von „Streets of Minneapolis“ wandte sich Springsteen erneut an das Publikum. „Diesen vergangenen Winter haben Bundeskräfte Tod und Terror in die Straßen von Minneapolis gebracht“, sagte er. „Nun, sie haben sich die falsche Stadt ausgesucht. Die Solidarität, die Kraft der Menschen von Minneapolis, war eine Inspiration für das ganze Land. Eure Stärke und euer Engagement haben uns gezeigt: Das ist noch immer Amerika, und das werden wir nicht hinnehmen. Minnesota, ihr habt uns Hoffnung gegeben. Ihr habt uns Mut gegeben. Und für jene, die ihr Leben gegeben haben – Renee Good, Mutter von drei Kindern, brutal ermordet, und Alex Pretti, VA-Krankenpfleger, von ICE hingerichtet und auf der Straße zurückgelassen, ohne dass unsere gesetzlose Regierung ihren Tod auch nur untersucht hätte. Ihre Tapferkeit, ihr Opfer und ihre Namen werden nicht vergessen.“

Springsteen unterbrach den Song mittendrin, um einen „ICE out now!“-Sprechchor anzuführen, der mit jeder Wiederholung lauter wurde, bis die Wände der Halle förmlich zitterten. Erstaunlicherweise war kein einziges Buh oder irgendein Widerspruch zu vernehmen. Springsteens rechtsgerichtete Fans hatten die Botschaft offenbar verstanden, dass diese Show nicht für sie gedacht war. (Und subtil war die Botschaft wahrlich nicht – schließlich prangte das No-Kings-Logo auf einem Großteil der Tour-Poster.)

Die Politik gönnte sich kurz eine Auszeit für eine Doppeldosis aus dem Album „The River“: „Out in the Street“ und „Hungry Heart“. Bei Letzterem traf Springsteen die scheinbar spontane Entscheidung, das Mikrofon in Max Weinbergs Gesicht zu halten und ihn ein paar Zeilen des Refrains singen zu lassen – zur sichtlichen Belustigung der übrigen Bandmitglieder. (Weinberg ist ein Mann mit vielen Talenten, aber Singen gehört ganz eindeutig nicht dazu.)

Von 1980 in die Reunion-Ära

Der Kalender sprang von 1980 zur Reunion-Tour von 1999/2000: „Youngstown“, „Murder Incorporated“ und „American Skin (41 Shots)“. Tom Morello war seit dem Eröffnungstrio von der Bühne verschwunden, kehrte aber für „American Skin (41 Shots)“ zurück, um seinen Gitarrenpart aus der Studioversion auf dem 2014er Album „High Hopes“ beizusteuern.

Morello blieb für „Long Walk Home“ auf der Bühne, das Springsteen als „ein Gebet für unser Land“ ankündigte. Dieses Gebet hatte er 2007 als Antwort auf George W. Bushs Angriff auf die Verfassungsordnung geschrieben – und niemand hätte sich damals vorstellen können, dass wir fast 20 Jahre später noch weiter entfernt sein würden von dem amerikanischen Zuhause, das die Gründerväter einst vor Augen hatten. (Zufälligerweise hatte Neil Young seinen eigenen Song „Long Walk Home“ im vergangenen Sommer auf Tour wiederbelebt – ein anderer Song mit nahezu identischer Botschaft. Große Geister denken eben gleich.)

Die Bühne leerte sich für eine akustische Soloversion von „House of a Thousand Guitars“ aus dem 2020er Album „Letter to You“. Der Song überlebte die Letter-to-You-Tour 2023 gerade mal zwei Shows lang, bevor er gestrichen wurde – doch Zeilen wie „the criminal clown has stolen the throne / he steals what he can never own“ haben mit Trump zurück im Weißen Haus eine ganz andere Wucht.

„My City of Ruins“

Als die Band zurückkehrte, spielte Keyboarder Roy Bittan sanft die Eröffnungstakte von „My City of Ruins“, während Springsteen eine weitere Ansprache hielt. „Hier in den Staaten durchleben wir sehr dunkle Zeiten“, sagte er. „Unsere amerikanischen Werte, die uns 250 Jahre lang getragen haben, werden wie nie zuvor herausgefordert … Unser Justizministerium hat seine Unabhängigkeit vollständig aufgegeben, und unsere Generalstaatsanwältin Pam Bondi empfängt ihre Befehle direkt aus einem korrupten Weißen Haus. Sie verfolgt die vermeintlichen Feinde unseres Präsidenten, vertuscht seine Vergehen und schützt seine mächtigen Freunde. Und das geschieht jetzt … So viele unserer gewählten Volksvertreter haben uns im Stich gelassen, dass diese amerikanische Tragödie nur noch vom amerikanischen Volk aufgehalten werden kann. Also macht mit und lasst uns für das Amerika kämpfen, das wir lieben. Seid ihr dabei?“

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Als die Menge zustimmend aufbrüllte, begann Springsteen ein gospeldurchtränktes „My City of Ruins“. Das ist ein äußerst wandelbarer Song, der ursprünglich im Jahr 2000 als Hommage an Springsteens verfallende Heimatstadt Asbury Park, New Jersey, geschrieben wurde. Ein Jahr später widmete er ihn New York City nach dem 11. September. Und nach Clarence Clemons‘ Tod im Jahr 2011 wurde er erneut geboren – diesmal zu Ehren des verstorbenen Saxofonisten. Doch die Stadt in Trümmern ist jetzt ganz Amerika, und das „Rise up“ am Ende ist zum Aufruf geworden, auf die Straße zu gehen und Gerechtigkeit einzufordern.

Morello tauchte erneut für „The Ghost of Tom Joad“ auf, und das Hauptset endete mit „Badlands“ und „Land of Hope and Dreams“, bevor die Saalhelligkeit für die Zugaben hochgedreht wurde: „Born to Run“, „Bobby Jean“, „Dancing in the Dark“ und „Tenth Avenue Freeze-Out“.

Überraschung: „Purple Rain“

Obwohl „Rosalita“ seit einiger Zeit zur Standardzugabe gehört, blieb der Song diesmal aus. Stattdessen gab es eine Überraschungs-Coverversion von Princes „Purple Rain“, dem „Maestro“ gewidmet, mit Morello und Nils Lofgren im gemeinsamen Gitarrenfinale.

„Das sind harte Zeiten, aber wir werden sie überstehen“, sagte Springsteen und schloss auf einer helleren Note. „Das ist eine Tour, die nicht geplant war. Wir sind heute Nacht hier, weil wir eure Hoffnung und eure Stärke spüren müssen. Wir wollen euch ein bisschen Hoffnung und Stärke mitgeben. Ich hoffe, das ist uns gelungen. Alles, was ich sagen kann: Gott schütze Alex Pretti, Gott schütze Renee Good, Gott schütze euch und Gott schütze Amerika.“

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Springsteen verabschiedete sich vom Publikum mit „Chimes of Freedom“ – zum ersten Mal in Amerika seit 1988. Bob Dylan schrieb diesen Song in einer dunklen Epoche der amerikanischen Geschichte, als Bürgerrechtsmärsche brutal niedergeknüppelt wurden und der Civil Rights Act von 1964 am vereinten Widerstand der Südstaaten im Repräsentantenhaus zu scheitern drohte. Doch Dylans Worte strahlen noch immer Hoffnung aus, dass eine bessere Zukunft gleich um die Ecke wartet – trotz des „mad mystic hammering of the wild ripping hail“.

Dieser Hagel fällt gerade jetzt. Wann er aufhören wird, ist unmöglich zu sagen. Aber für die nächsten acht Wochen ziehen Springsteen und die E Street Band mit dieser außergewöhnlichen Show quer durch Amerika und schaffen an jedem Halt einen Zufluchtsort inmitten des Chaos.

Bruce Springsteen and the E Street Band – Setlist vom 31.3.26 im Target Center, Minneapolis

  • War
  • Born in the U.S.A.
  • Death to My Hometown
  • No Surrender
  • Darkness on the Edge of Town
  • Streets of Minneapolis
  • The Promised Land
  • Out in the Street
  • Hungry Heart
  • Youngstown
  • Murder Incorporated
  • American Skin (41 Shots)
  • Long Walk Home
  • House of a Thousand Guitars
  • My City of Ruins
  • Because the Night
  • Wrecking Ball
  • The Rising
  • The Ghost of Tom Joad
  • Badlands
  • Land of Hope and Dreams
  • Born to Run
  • Bobby Jean
  • Dancing in the Dark
  • Tenth Avenue Freeze-Out
  • Purple Rain
  • Chimes of Freedom

Andy Greene schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil