Bundesvision Song Contest 2011: Laichen und Sterben


von

Eben wollte ich „Der Mann mit dem Fagott“ einschalten und alles über Udo Jürgens‘ Familie erfahren, da warnte mich die „Hörzu“: Heute gibt es ja den „Bundesvision Song Contest“, die einst als Jokus von Stefan Raab etablierte Leistungsschau deutscher Unterhaltungsmusik! Mittlerweile hat Raab mit seinem Geschöpf Lena zwar den echten, den europäischen Song Contest gewonnen – aber die ursprünglich etwas schüttere Trotzveranstaltung (die im ersten Jahr, 2005, von Juli gewonnen wurde)  hat sich zum offiziösen Preisochsen-Wettbewerb gewandelt. Immer wieder verblüfft der schlechte Geschmack der jungen Zuschauer, den Jan Delay als beleidigte Leberwurst beklagte, nachdem er gegen Oomph! verloren hatte.

Stefan Raab selbst, der früher die Camp-Nähe des Festivals mit schnodderigen Einwürfen und bizarren Einspielfilmen betont hatte, gibt sich heute nahezu humorlos und staatstragend, in seinem Anzug steht er starr wie ein Konfirmand. Die lästerlichen Bemerkungen musste Johanna Klum vortragen, die immerzu Startplätze, Bands und Bundesländer verwechselte. Sämtliche Länder wurden ausschließlich mit Klischees vorgestellt und ohne den vulgären Witz, den man von Raab-Spektakeln kennt. Die Künstler selbst unternahmen es, ihre Ambitionen, ja ihre schiere Teilnahme zu veräppeln.

Juli war es nicht zu trivial, nach dem früheren Triumph abermals anzutreten und die einst symapthisch umstandlose Eva Briegel in einem ausladenden roten Königinnen-Kleid vorzustellen, in dem sie wie gelähmt herumzustehen hatte. Aus dem Geist des Trash traten Muttersöhnchen an, die den harschen Minimalismus der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft mit wüsten Injurien verbanden: Ihr Beitrag „Essen geh’n“, vorgetragen in Ganzkörperkondomen, wurde mit dem letzten Rang bestraft – ein Zeichen dafür, dass die Sause vom Publikum sehr ernst genommen wird. Der wackere Thees Uhlmann, einziger Vertreter der Gegenkultur, rettete sich mit seinem Lachs-Lied auf Rang acht – dafür rief ihn seine Mutter nicht extra an, aber der Song lässt einen nicht mehr los, er wird zum Lied der Stunde, man summt es mit, man raunt den Text. Zum Laichen und Sterben ist Uhl unser Mann!     

Kraftklub aus Sachsen, die mit einer treffenden Berlin-Satire antraten, mangelte es an hübscher Melodie und Gefühlsseligkeit – doch die musikalische Zumutung reichte für Platz 5. Anna Loos und Bosse, die bei britischen Buchmachern als Favoriten galten, belegten mit ihrem Hit „Frankfurt/Oder“ nur den dritten Rang. Die allgegenwärtigen Kuschelschluffis von Jupiter Jones aus der Eifel erreichten Rang 6, gleich dahinter rangierten die ähnlich nervenden Frida Gold. Flo Mega und Glasperlenspiel, Ausgeburten der Plattenfirmenhölle, überraschten mit den Rängen zwei und vier; der jodelnde Schmalzbubi Andreas Bourani schaffte für Bayern Platz zehn. Für das vergnügliche, üppig mit Bläsern arrangierte „Ganz Paris ist eine Disko“ von Pierre Ferdinand et le Charmeurs und den sensiblen Zehenspitzen-Pop der Alin Coen Band blieben die Plätze elf und zwölf. Den Sieg trug der schnuckelige Tim Bendzko davon, der mit bestechend gefühliger Logik „Wenn Worte meine Sprache wären“ sang. Wenn „Wörter“ seine Sprache (nicht) wären, wäre es richtiger.

Hinter der Bühne wurde Lena Meyer-Landrut abermals bei einem Out-of-area-Einsatz verheizt. Vor nicht einmal zwei Jahren entzückten der Liebreiz, die Spontaneität, die Kauzigkeit des Mädchens. Nun blödelte Lena wie besoffen unter den Musikern, kicherte und redete dummes Zeug, verschwisterte sich mit Sängerinnen und reagierte unsouverän, wenn jemand an ihren Ruhm erinnerte. Der bräsige Elton als Reporter aus den lärmenden Fankurven machte alles richtig, indem er gar nichts machte außer einem billigen Witz über den HSV. Es braucht die Kaltschnäuzigkeit einer Entertainment-Hure, um dieses Stahlbad der schon gar nicht mehr kaschierten Komplettbeliebigkeit zu überstehen.

Kein Problem für Tim Bendzko. Mit ihm gewann genau der gefühlsduselige, tranige Schlagerplunder, den abzuschaffen Stefan Raab einst angetreten war. Durch die Hintertür von Carmen Nebels Kitsch-Palais kommen die Zombies wieder herein – und sie haben jetzt junge Gesichter.