Bushido live in Berlin: Zeiten ändern dich

Die letzte Bushido-Tour offenbart eine zerrissene Kunstfigur: Zwischen Gangsta-Klassikern und RTL-Publikum kämpft Anis Ferchichi um seine Identität. Der Konzertbericht.

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Schon bevor das eigentliche Konzert beginnt, wird die ganze Schizophrenie dieses Abends in einem DJ-Set auf den Punkt gebracht. Bushido hat für seine – dieses Mal wirklich – letzte Tour seinen alten Weggefährten DJ Gan-G im Gepäck, der kurz vor 20 Uhr die Bühne betritt, um dem Publikum in der Uber-Arena ein wenig einzuheizen. Gan-G wählt dafür ein kunstvoll inszeniertes Set, das permanent zwischen New Yorker Hip-Hop-Underground-Vibe und obszöner Großraumdisco-Ästhetik changiert. Es ist genau das Spannungsverhältnis, das auch für diesen ganzen kommenden Abend bezeichnend sein wird.

Denn es ist ja nun kein großes Geheimnis mehr: Anis Ferchichi hat keine Lust mehr auf Bushido und möchte am liebsten nur noch Anis Ferchichi sein. Und dennoch soll es für Bushido, die größte Figur, die der deutsche Gangsta-Rap je hervorgebracht hat, einen würdigen Abschied geben. Ein letztes Album ist angekündigt, eine letzte Tour hat hier, in der Berliner Uber Arena, am Montagabend ihren Ausgangspunkt genommen. Doch wie viel Bushido steckt da tatsächlich noch drin?

Die Frage stellt sich spätestens bei einem flüchtigen Blick in die gut gefüllte Halle. Das hier anwesende Publikum setzt sich zumindest in allergrößten Teilen nicht mehr aus dem klassischen Gangsta-Rap-Publikum zusammen, das Bushido in den vergangenen Jahrzehnten getragen hat. Es handelt sich hier vielmehr um das sogenannte „RTL-Publikum“, wie die abfällige Szene-Bezeichnung für die neu gewonnenen Mainstream-Bushido-Fans lautet, die er sich nicht so sehr mit seiner Musik, sondern vielmehr über zahlreiche Reality-TV-Dokumentationen aus dem Lebensalltag seiner Familie rekrutiert hat. Ältere Männer und Frauen, die selbst mit größter Vorstellungskraft auf keinem Schulhof dieser Republik zu den coolen Kids gehört haben können, die Bushido-Alben in ihren Discmans rotieren ließen.

Ferchichi räumt Bushido kaum noch Platz ein

Die Entfremdung beruht auf Gegenseitigkeit: Seitdem Bushido dem Deutschrap die kalte Schulter zeigt, hat sich auch die Szene von ihm abgewandt. Aber Bushido könnte das wahrscheinlich nicht egaler sein. Während sich seine abgebrannten Ex-Weggefährten in Twitch-Livestreams vor einer Handvoll Zuschauer das Maul über ihn zerreißen, gibt er bekannt, dass er mit seiner Familie eine Multi-Millionen-Euro-Villa in Grünwald bezogen hat. Und außerdem: Selbst als er noch maximale Kredibilität in der Szene genoss, füllte er lediglich große Hallen, aber keine Arenen. Neues Publikum, neue Stärke. Aber eben doch mehr Großraumdisco als harter Underground?

Zumindest teilweise. Die größtenteils ausgewechselte Zuschauerschaft wäre für sich genommen gar nicht einmal so schlimm, wäre denn die Show nicht so sehr auf genau dieses sogenannte RTL-Publikum normiert worden. Auf der Bühne räumt Ferchichi seiner Kunstfigur kaum noch Platz ein, gefühlt hat sein Redeanteil zwischen den Songs an diesem Abend eine höhere Gewichtung als die musikalische Darbietung. Das ist schade, denn wenn Ferchichi dann doch noch einmal den alten Bushido von der Leine lässt, ist der noch immer eine Macht. Die Songs sitzen. Die Setlist ist fantastisch rücksichtslos.

„Wenn wir kommen“, „Nie wieder“, „Tempelhofer Junge“, „Nie ein Rapper“, „Electrofaust/Bei Nacht“, „Alles verloren“ – das ist wirklich eine Hommage an die ganz großen, an die wirklich bösen Zeiten. Bei „Stress ohne Grund“ drückt einen der Bass förmlich nieder. Bei „Sterne“ dichtet er eine Textzeile um und widmet sie einem Rapkollegen, der sich derzeit mit Pädophilie-Vorwürfen herumschlagen muss: „Da steckt man ja nicht drin, wie Sinan G in einer Volljährigen.“ Ja, Ferchichi kann noch immer Bushido.

Niemand dominiert eine Bühne so wie er. Und in diesen Momenten hat er auch sichtlich noch Spaß an ihm. Aber das sind eben auch nur Momentaufnahmen. Denn im Großen und Ganzen merkt man Ferchichi ebenfalls an, dass er möglichst wenig mit Bushido zu tun haben will.

Mehr Bushido wagen!

Dass die Setlist nahezu identisch mit der aus der vergangenen Tour ist (nur „Schmetterling“ und „Du liebst mich nicht“ sind neu dazugekommen), wäre verzeihbar, hätte man doch bloß nicht das Gefühl, dass die Wiederholung nicht bloß Konzept, sondern Lustlosigkeit wäre. Statt die Show mit mehr Songs zu füllen, wird die Zeit mit Bühneninteraktion gefüllt. Ferchichi changiert zwischen Bühnen-Bushido und Live-Podcast-Host, der die Nähe zu seinem Publikum sucht.

Dabei werden die Interaktions-Bühnen-Klassiker nicht nur latent überstrapaziert: Wer kann lauter schreien, die Frauen oder die Männer? Aus welchem Bezirk von Berlin kommt ihr denn so? Na, was macht ihr so beruflich? Wer will wieder zu „Sonnenbank Flavour“ auf die Bühne? Dazu jede Menge Familienanekdoten. Die Song-Performance verkommt zum Beiwerk. Das sogenannte RTL-Publikum scheint es nicht zu stören, für die alten Bushido-Fans hingegen ist die Verwässerung kaum erträglich. Mehr Bushido wagen wäre der beste Ratgeber für diesen Abend gewesen, aber Ferchichi hält ihn an der Leine.

Es scheint, als würde er mit seinem Alter Ego so sehr fremdeln, dass er ihn nicht mehr ohne Einordnung auf die Bühne stellen will. Aber wie heißt es doch in einem seiner Songs? „Mir tut so vieles heute unfassbar leid / Ich musste mich verändern, um was zu sein.“ Keine Zeile rappt Bushido an diesem Abend glaubwürdiger. Der Song heißt übrigens: „Zeiten ändern Dich“.

Transparenzhinweis: Dennis Sand schrieb 2022 mit Bushido gemeinsam seine Autobiografie „Anis“ (Riva Verlag).