Christopher Nolan: Der magische Traumwandler


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Hollywoods Hype-Maschinerie rotiert bekanntlich ganzjährig. Doch dass ein Film zum Beispiel von der „Los Angeles Times“ schon im Sommer zum Favoriten für die nächsten Oscars gekürt wird, ohne dass ihn jemand gesehen hätte, erstaunt dann doch. Und niemand erhob kopfschüttelnd Einspruch. Die Branche kann sich anscheindend sehr gut vorstellen, dass Christopher Nolans „Inception“ 2010 die Konkurrenz deklassiert. Nicht nur, weil der Regisseur zuvor mit „The Dark Knight“ an der Spitze der ewigen Kinocharts kratzte und Independent-Sensibilität mit mehrheitsfähigem Entertainment verband. Vielmehr wird Nolan zugetraut, mit seinen gerade mal 40 Jahren zu vergleichsweise alten Meistern wie James Cameron oder Peter Jackson aufzuschließen, als einer der ganz wenigen im Geschäft, die eigene Welten erfinden und über Schauwerte hinaus füllen können.

Beschäftigten sich Nolans vorangegangene Filme wie „Memento“ oder „Prestige – Meister der Magie“ vorwiegend mit Männern, die wie abgeschnitten wirkten von der Realität und durchaus lustvoll an ihren Obsessionen litten, so will „Inception“ Perspektiven öffnen und Eingang finden in eine der rätselhaftesten uns bekannten Parallelwelten: das Unterbewusstsein. „Was wäre“, so Nolan, „wenn wir in Träume eindringen und Gedanken, Ideen, Geheimnisse extrahieren könnten, bevor sie die Wahrnehmung ihres Trägers erreichen?“ Was bei jedem anderen klingen würde wie ein existenzielles Zweipersonenstück, wird hier zum 180 Millionen Dollar teuren Eventfilm mit ein bisschen James Bond, einer Prise „Matrix“ und sehr viel von Nolans kühlem Intellekt. Ein Räuberfilm, dessen Ganoven ihre Opfer in der REM-Phase überfallen – das allein klingt vielversprechend als Konzept und hebt sich wohltuend ab von den tausend nutzlosen Fortsetzungen und Comicfilmchen der Saison.

Mit Stanley Kubrick wurde Nolan schon verglichen, was bizarrerweise nicht immer als Kompliment gemeint war. Zu kalt seien seine Bilder kombiniert, bemängelte mancher Kritiker. Doch das kratzt nicht an seinem Ruf, der zurzeit wohl interessanteste Blockbuster-Regisseur zu sein.

„Wann immer Genres ein wenig am Boden liegen wie zuletzt das Thriller- oder das Sci-Fi-Kino“, so Nolan selbstbewusst, „ist der beste Zeitpunkt, einen Neuanfang zu wagen und eine Geschichte zu erzählen, die garantiert noch niemand gesehen hat.“ Könnte klappen. Nicht umsonst ist „Inception“ das englische Wort für: Beginn.

Roland Huschke

Trailergalerie Christopher Nolan Doodlebug – Kurzfilm (1997)

Following (1998)

Memento (2000)

Insomnia (2002)

Batman Begins (2005)

Prestige (2006)

The Dark Night (2008)