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Comeback der Hoffnung

Im März 2004 erschien ein Album, das klang, als sei es Ende der 60er-Jahre in Van Morrisons Keller entstanden. Das Werk trug den monströsen Titel „Here’s My Song, You Can Have lt, I Don’t Want I tAnymore, Yours Forever, Nicolai Dunger“. Das klang irgendwie nach Abschied, und in der Tat war das für viele erstmal das letzte Lebenszeichen des schwedischen Freigeistes und Songwriter-Geheimtipps Nicolai Dunger.

Dabei nahm Dunger in den letzten fünf Jahren mehr Musik auf als jemals zuvor. „Das waren sehr introvertierte Platten“, erklärt der 41-Jährige, „die meisten waren gar nicht dazu gedacht, von anderen Menschen gehört zu werden.“ Für die Karriereplanung war das ein Selbstmord, denn Dunger war durch Kollaborationen mit Will Oldham, Calexico und Mercury Rev gerade erst einigermaßen bekannt geworden war. Statt also mit dem nächsten Album einen großen Schritt in die Indie-Popwelt zu tun, schloss sich Dunger in einer Hütte auf einer Ostsee-Insel ein und nahm unter dem Pseudonym A Taste Of Ra drei Alben mit autistischen Soundexperimenten auf. Eine weitere, mit The-Band-Keyboarder Garth Hudson und Dirty-Three-Schlagzeuger Jim White in Woodstock entstandene Platte blieb unveröffentlicht. Auch „Nicollide And The Carmic Retribution“. ein Soundtrack zu einem nie realisierten Film, verschwand 2004 erstmal im Archiv und erschien schließlich 2008 fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

„Das war eine schwierige Zeit“, erklärt Dünger. „Meine Mutter starb, und ich stellte alles in Frage. Ich habe ja nie viele Platten verkauft. Geld ließ sich mit meiner Musik also nicht verdienen. Warum sollte ich also weiter machen?“ Die Antwort auf diese Frage fand er schließlich – wenn das kein Fall für Freud ist – in seiner Muttersprache. Nachdem er zunächst für ein Album die Lyrik der finno-schwedischen Dichterin Edith Sjödergran vertont hatte, schrieb er selbst Texte auf Schwedisch. „Ich wäre beinahe verrückt geworden dabei, mein Leben und meine Kunst zusammen zu bringen“, erklärt Dunger und schüttelt den Kopf.

Das Ergebnis dieser Wahnsinnsarbeit heißt „Rösten Och Herren“. Oft hatte man Dunger zuvor mit Van Morrison oder Tim Buckley verglichen, aber auf diesem Album war er ganz bei sich. „Es war eine großartige Erfahrung, diese Lieder im Konzert zu spielen“, erinnert sich Dunger. „Das war viel direkter, als die englischen Songs zu singen. Ich fühlte mich fast nackt. Und ich hatte wirklich das Gefühl, mit den Texten etwas zu sagen. Zum ersten Mal überhaupt hatte ich das Gefühl, mit meinen Songs zu kommunizieren.“

Diese Erfahrung wirkte sich auch auf die nächsten Lieder aus, die Dunger schrieb – nun wieder in englischer Sprache. „Ich wollte wieder aus mir heraus gehen, mit meinem Publikum in Kontakt treten“, sagt er. So entstand „Play“, ein sehr eingängiges, rundes Album. Wenn er den neuen Song „Crazy Train“ bei Konzerten spiele, werde er regelmäßig rot, so poppig sei der, lacht Dunger. „Der Albumtitel ist ein bisschen schlicht, aber ich wollte alles einfach halten. Musik ist ja nichts weiter als ein paar Schwingungen in der Luft. Man sollte spielerisch damit umgehen. So wie ich als Kind Fußball gespielt habe – immer im Moment, ohne Blick auf den Erfolg. Dann macht es am meisten Spaß.“

Nach den Aufnahmen von „Play“ in in einem Ferienhaus in Nordschweden verbrachte Dunger den Rest des letzten Sommers in der Nähe von Dublin. Dort wohnte er einige Wochen in der Wohnung des Songwriters Glenn Hansard (The Swell Season) und verbrachte viel Zeit in der Küche einer Nachbarin, der Brauerei-Dynastie-Erbin und Kunstkuratorin Marina Guinness. „In ihrem Haus war immer was los. Lauter Musiker. Der Sänger Tommy Darron und Shane MacGowan kamen fast jeden Tag vorbei. Wir saßen in der Küche und irgendwer – meistens war es Marina – rief: Spiel einen Song, Nicolai! Es war eine sehr inspirierende Zeit.“ Das nächste Album ist dort auch schon entstanden. Nicolai Dunger hat wieder Spaß am Spiel.


Die besten Konzeptalben aller Zeiten: The Who - „Quadrophenia“

Der alles überwältigende Song kommt am Schluss. Regen prasselt, als die ersten Klavierakkorde zu „Love, Reign O’er Me“ einsetzen, dieser Sehnsuchtshymne adoleszenter Jugendlicher, zu der im Jahre später gedrehten Kinofilm (mit Sting!) der Held, ein Mod namens Jimmy, von der Klippe ins Open End springt und sein Scooter zerschellt, während er auf dem Doppelalbum mit einem Bötchen aufs Meer hinausrudert, was natürlich ein bisschen weniger offensichtlich ist. Für „Quadrophenia“ sprechen vor allem drei Argumente: Die Mod-Kultur, die schönste Jugendkultur aller Zeiten; ihre Musik (Northern Soul) war so hitzig wie ihre Tänze elegant und ihr Styling (Parkas, Ponys, enge Anzüge, Mädchen…
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