Crimson Peak: Interview mit mit Mia Wasikowska und Tom Hiddleston – „Jede romantische Beziehung ist auch eine Horrorgeschichte“

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Crimson Peak: Interview mit mit Mia Wasikowska und Tom Hiddleston – „Jede romantische Beziehung ist auch eine Horrorgeschichte“

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Was als Schmonzette mit übernatürlichen Elementen beginnt, mündet in geisterhaftem Horror. Guillermo del Toros neuer Film „Crimson ist manchmal etwas hanebüchen erzählt, dafür gibt es beeindruckende Schauspielleistungen.  Wir sprachen mit den Hauptdarstellern Mia Wasikowska und Tom Hiddleston über den Dreh – und übernatürliche Erfahrungen.

Glauben Sie an Geister?

MIA WASIKOWSKA: Ich hatte noch nie eine wirklich übernatürliche Erfahrung, nein. Dennoch glaube ich daran, dass Dinge, Ereignisse oder Personen aus der Vergangenheit Leute verfolgen können, fast wie „emotionale Geister“.
Aber, wie es in „Crimson Peak“ dargestellt wird, sind es eigentlich die Mitmenschen, vor denen wir uns am meisten fürchten sollten. Dort versuchen die Geister vielmehr, meine Figur der Edith zu warnen oder ihr Hinweise zu geben und stellen längst eine solch große Bedrohung für sie dar, wie die anderen Leute.

TOM HIDDLESTON: Zumindest fürchtete ich mich nie vor Geistern, sondern hatte stets eher konventionelle Ängste, wie etwa verloren zu gehen. Als Kind verlief ich mich einmal während eines Waldspaziergangs in England mit meiner Familie und fand nicht mehr zu ihnen zurück. Ich konnte sie nicht mehr sehen, hören oder finden. Da war ich vielleicht sechs oder sieben und fühlte mich ein wenig wie der Maulwurf aus „Der Wind In Den Weiden“.
Woran ich allerdings glaube, ist die endlose Vorstellungskraft von menschlichen Wesen, die Geister einfach brauchen. Wir leben in einer Welt, in der jeder ein Smartphone besitzt, anscheinend Wasser auf dem Mars gefunden wurde und die meisten Ereignisse wissenschaftlich erklärt werden können. Und dennoch brauchen wir das Unbekannte. Ich weiß nicht genau, wieso. Vielleicht nur, damit wir die Unendlichkeit des Universums begreifen können. Denn die bloße Idee von solch unerklärlichen Phänomenen ist so stark und kraftvoll.
Vielleicht weiß ich, dass Geister nicht echt sind, aber ich glaube dennoch an sie, weil sie unserer eigenen Vorstellungskraft entstammen. Und wir benutzen sie als Hilfsmittel, um damit klarzukommen, dass wir durchgehend mit unserer Vergangenheit und unserem Kummer konfrontiert werden. Unter diesem Gesichtspunkt stehen Geister wohl sinnbildlich für nicht verarbeiteten Schmerz.

Stimmt es, dass Sie persönlich von Guillermo del Toro wegen dieser Rolle angerufen wurden?

TH: Ja, es ging alles sehr schnell. Er schickte mir das Drehbuch an einem Mittwoch, am Donnerstag tauschten wir unsere Emailadressen aus und am Freitagmorgen frühstückte ich mit ihm in Toronto. Noch am selben Tag probierte ich bereits die Kostüme an, ließ mir von Guillermo die Produktionszeichnungen des Hauses zeigen. Als ich nach drei sehr aufregenden Tagen wieder nach London zurückflog, hatte ich bereits für den Film unterschrieben.
Guillermo wollte wohl den Charakter des Sir Thomas Sharpe in „Crimson Peak“ auf meine schauspielerische Stärken zurechtschneidern. Wo auch immer diese liegen, da müssten Sie ihn fragen. Deswegen passten wir seine Hintergrundgeschichte etwas an, sodass er anfangs sehr mysteriös auftritt, seinen Schmerz, seine Schuld und Scham verbirgt – und sich erst durch seine Verwundbarkeit im Verlauf des Films sein Mut und seine Tapferkeit offenbart.

Was hat Sie an dem Filmstoff fasziniert?

TH: Das Script war sehr straff geschrieben, mit einem hervorragendem Tempo und einer exzellenten Struktur. Bereits das Lesen machte sehr viel Spaß, was selten genug vorkommt, es las sich wirklich wie ein tolles Buch. Und als ich schließlich Guillermo traf, war das erste, was er zu mir sagte, dass er einen Film in englischer Sprache plane, im Stile seiner spanischen Arbeiten. Denn er trennte seine mexikanischen Filme, wie „Pan’s Labyrinth“ und „The Devil’s Backbone“, sehr streng von denen, die er auf Englisch gefilmt hatte – „Hellboy“ und „Pacific Rim“.
Er sprach also sehr früh von dieser vielschichtigen Gothic-Romance-Geschichte, von einer tiefen, erwachsenen, emotionalen Realität mit einem recht übernatürlichen Element. Und in diesem Zuge beschrieb er „Crimson Peak“ als eine Art Zwillingsschwester von „Pan’s Labyrinth“. Das verstand ich sofort, nachdem ich das Drehbuch gelesen hatte, sodass ich es für ein sehr lohnendes Unterfangen hielt, an diesem Film mitzuwirken.

Inwieweit glauben Sie ist Ihr Charakter, Sir Thomas Sharpe, ein Opfer seiner Schwester?

TH: Ich glaube, in seiner Kindheit litt er sehr unter ihr und war jemand, dem in seinem früheren Leben nicht immer die Wahrheit erzählt wurde. Einer der wichtigsten Momente in „Crimson Peak“ ist für mich die Stelle, an der er sich dazu entschließt, gegen den Willen von Lady Sharpe zu handeln und seine eigenen Entscheidungen zu treffen, sodass er endlich seine Selbstsicherheit als Mann findet.

Ist es als Schauspieler einfacher, wenn man am Set einen Kollegen zum Interagieren hat, der diese Geister darstellt?

MW: Ja, absolut. Wir arbeiteten viel mit Doug Jones und Javier Botet zusammen, die die Geister in diesem Film darstellten. Jeden Tag verbrachten sie bis zu sechs Stunden in der Maske, wo sie diese roten, Skelett-artigen Ornamente verpasst bekamen. So etwas hilft immer, wenn man beim Drehen mit etwas Realem interagieren kann und nicht bloß vor einem großen Nichts steht, ohne genau zu wissen, wie es später einmal aussehen wird. Am Schluss wurden dann lediglich die Handlungen von Doug und Javier computeranimiert.
Auch die Sets waren beeindruckend. Die Bibliothek, die Eingangshalle, der Aufzug und die unterschiedlichen Stockwerke von „Allerdale Hall“, all das war eine große Kulisse und es machte einfach so viel Spaß, alleine durch die Bibliothek zur Küche zu schlendern.

Sie spielen in „Crimson Peak“ eine Autorin. Gab es denn Geistergeschichten, die Sie während der Dreharbeiten gelesen haben?

MW: Ich habe „Frankenstein“ von Mary Shelley und „The Turn Of The Screw“ von Henry James gelesen, die mir beide von Guillermo empfohlen wurden, um in die richtige Stimmung des Films eintauchen zu können. Hinzu kommt, dass meine Figur Mary Shelley sehr verehrt, insofern war es toll, sich mit ihrem Werk zu beschäftigen. Vorher besaß ich keine große Kenntnis über dieses ganze literarische Genre, ausgenommen vielleicht von den Arbeiten der Brontë-Schwestern, die ja eher Gothic-Romance-Bücher verfasst haben. Der Film verschaffte mir nun einen ganz anderen Zugang zu dieser Welt, dem Schaffen und der Person Mary Shelley.

„Crimson Peak“: Kurz nach einer Familien-Tragödie, wird eine Nachwuchs-Autorin von ihrer Vergangenheit eingeholt.
„Crimson Peak“: Kurz nach einer Familien-Tragödie wird eine Nachwuchs-Autorin von ihrer Vergangenheit eingeholt.

TH: Das stimmt, Guillermo empfahl mehr als bloß Filme, an deren Stimmung er sich orientierte, er empfahl Romane. Schon recht früh sprachen wir über „Jane Eyre“, das Buch von Charlotte Brontë, Jane Austens „Die Abtei von Northanger“ sowie Poes „Der Fall Des Hauses Usher“, doch es gab zwei Bücher, die ich bis dato noch nicht gelesen hatte und mich sehr faszinierten.
Zum einen „The Mysteries Of Udolpho“ von Ann Radcliffe, die heute als erste schaurig-romantische Erzählung gilt. Das zweite Buch heißt „Das Schloss Von Otranto“ von Horace Walpole. Beide handeln von jungen Frauen, die auf einen mysteriösen, charismatischen Mann treffen.

Bei welchen Filmen haben Sie sich denn so richtig gegruselt?

MW: „The Shining“ von Stanley Kubrick hat mich ziemlich mitgenommen, obwohl ich ihn wirklich mag, das ist so ein toller Film. Mich packt der psychische Horror wohl am meisten. So sah ich vor kurzem erst „Eyes Wide Shut“, ebenfalls von Kubrick, und selbst danach war ich ziemlich verstört.

TH: Das letzte Mal habe ich mich so richtig gegruselt, als ich „Das Waisenhaus“ von Juan Antonio Bayona gesehen habe, bei dem Guillermo als Produzent mitgewirkt hat. Den fand ich wirklich furchteinflößend. Vielleicht liegt es daran, dass Kinder so eine große Rolle in ihm spielen. Und sie haben so eine Unschuld an sich, die ganz viel Ehrlichkeit beinhaltet. In den Dingen, die man lernt, wenn man erwachsen wird, steckt sehr viel Verlogenes, insofern ist es immer über alle Maßen beängstigend, wenn Kinder Geister sehen. Genau aus diesem Grund ist wohl auch ein Film wie „The Shining“ so packend, weil dort das Kind die Angst und die Bedrohung vor den Erwachsenen spürt.

Und wie ging es Ihnen, als Sie „Crimson Peak“ angesehen haben?

MW: Ich war überrascht, denn wenn man selbst an einem Film mitwirkt, weiß man nie so recht, was einen erwartet. Ich hätte etwa nicht geglaubt, dass ich mich gruseln und mitfiebern würde, weil ich die Story ja bereits kannte. Doch mit der Musik und dem Sounddesign wirkte alles so kraftvoll und packend auf mich.

TH: Das stimmt, es ist immer überaus interessant, sich etwas anzusehen, an dem man selbst gearbeitet hat, denn es wirkt wie ein übergroßes Puzzle seiner eigenen Erinnerungen. Während die Dreharbeiten vier Monate andauerten, vergeht der Film in zwei Stunden. Als Schauspieler fokussiert man sich vor allem auf Szenen, bei denen man viel Spaß hatte oder die besonders schwierig waren.
Insgesamt jedoch riss er mich vollkommen mit und seine filmische Ehrlichkeit bewegte mich tief. Guillermos Leidenschaft spürt man auch bei „Crimson Peak“, was den Film so fesselnd macht.

Was für eine Stimmung herrschte am Set?

MW: Wir Schauspieler dachten alle, dass es ein sehr ausgelassener Dreh werden würde, um den gruseligen und ernsten Themen des Films etwas entgegenzuwirken, doch jeder arbeitete sehr konzentriert. Bis auf Guillermo, der so liebenswert war, die Stimmung hin und wieder zu heben, sobald er merkte, dass wir schlechte Laune bekamen. So fing er zum Beispiel spontan am Set zu singen an und brachte die ganze Crew dazu, ihn als riesiger Chor zu begleiten. Das sorgte für einen frischen Wind und verhalf uns zu neuer Energie. In dieser Hinsicht war er wirklich unheimlich süß.

Wie arbeitet del Toro als Regisseur?

MW: Er verfasste ausführliche Steckbriefe und Lebensläufe der einzelnen Figuren, auf denen wir Schauspieler unsere Darstellung aufzubauen vermochten. Das half mir persönlich sehr, um besser zu begreifen, wie Guillermo sich die Rollen vorstellte.
Am Set war es unterschiedlich. Anfangs probten wir noch viele Szenen vor Drehbeginn, oft morgens, bis nachmittags der Dreh begann, im weiteren Verlauf ließ er uns allerdings mehr Freiheiten und setzte seine Vorstellung dann nach und nach bei jedem einzelnen Take um.

„Crimson Peak“ handelt von Liebe und ihren eher unangenehmen Folgen. Ist denn Liebe für Sie auch ein Monster, wie es im Film beschrieben wird?

MW: Vor kurzem sagte jemand zu mir, dass jede romantische Beziehung auch eine Horrorgeschichte darstellt. Da dachte ich wirklich, dass sei sehr clever und fasst die ganze Thematik wirklich hervorragend zusammen.

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