Das Klima des Verrats

Vize-Hörfunkdirektor, Wellenchef, Keyboarder, Plattenproduzent. Familienvater und nun auch noch Schriftsteller. Der in Wuppertal geborene Jochen Rausch scheint mehrere Leben gleichzeitig zu leben; einer, der sich im Gespräch als sympathischer Tausendsassa erweist, der über seine diversen Aktivitäten redet wie einer, der nichts anderes zu kennen scheint, als immer weiter um sein Leben zu schuften, Hürden zu nehmen, Herausforderungen zu bestehen. „Keine Ahnung, wie ich das alles schaffe“, bekennt Rausch in einer Kölner Espresso-Bar. Und man glaubt es ihm aufs Wort, während er an seinem Orangensaft nippt und die Gluthitze draußen den Asphalt weichkocht. „Doch ich hatte schon lange die Idee, was zu schreiben.“

Die Rede ist von seinem Debütroman „Restlicht“, den er in ungezählten nächtlichen Seancen hervorgestoßen hat; einem packenden 286-Seiten-Wurf, in welchen sich Rausch ganz nebenbei als Chronist einer ganzen Generation erweist; der Shine-On-You-Crazy-Diamond-Generation, die sich bei Pink Floyd und Genesis-Songs in Trance redete — und im Kollektiv und mit wehenden Haaren über die Festivals zog.

Dabei rollt Rauschs Roman so langsam und souverän an, dass man meint, einem alten Erzählerfuchs zu lauschen: Die Wendungen sitzen, die Geschichte zieht einen rein, und seine Bilder leuchten. Und vieles deutet daraufhin, dass sich hier einer auf Anhieb ins Zentrum der sogenannten jüngeren deutschen Literatur hineingeschrieben hat. Dass er im Gespräch trotzdem den Ball flach hält, nimmt einen spontan für ihn ein. „Denn es ist ja nicht so“, sagt Rausch, „dass ich mir einbildete, das gehe jetzt einfach so weiter.“ Und weil er weiß, dass die Hervorbringung eines neuen Romans ihn noch mehr Zeit und noch mehr Nerven kosten wird, atmet der Mann mit der hohen Stirn erst mal durch. „Ich frage mich manchmal selbst, wie ich es neben all dem, was ich sonst am Hut habe, überhaupt geschafft habe, dieses Buch zu schreiben.“

So erleben wir in „Restlicht“ die leinwandtaugliche Schilderung eines Abschied, der in Wirklichkeit keiner ist. Denn als der Chronist der Ereignisse, der Fotograf Peter Bloom, nach 30 Jahren aus den USA in die deutsche Kleinstadt zurückkehrt, in der seine Jugend als wechselvoller Schwarz-Weiß-Film ablief, holen ihn die alten Geschichten wieder ein. Allem voran das einstige Verschwinden seiner großen Liebe Astrid, dessen Umstände ihn nie losgelassen haben. Nach monatelanger erfolgloser Suche hatte Bloom seinerzeit abrupt alle Brücken zu seiner Vergangenheit hinter sich abgebrochen – und war in die USA geflohen, weg aus Deutschland, weg vor dem Schmerz um Astrid. Doch nun, drei Jahrzehnte später, ist Bloom, der Wegläufer, wieder da. Ganz zum Unwillen der Daheimgebliebenen — einstige Weggefährten durch die 7oer-Jahre-Jugend mit Filmen wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ und Bands wie Sweet oder Slade -, die sein Auftauchen argwöhnisch beobachten. Bloom bewegt sich in einem Klima des Verrats und der Hintertreibung. ,Hat nicht jeder so eine ähnliche Geschichte erlebt, die noch viele Jahre später an einem nagt?“, wirft Rausch ein. „Ich jedenfalls bin als Erzähler an einer solchen hängengeblieben.“ Als aber plötzlich das Skelett einer jungen Toten gefunden wird, die — das ergeben die polizeilichen Untersuchungen — im Sommer 1975 ums Leben kam, glaubt auch Bloom, sich endgültig von seiner einstigen großen Liebe verabschieden zu können. Doch genau hier – und das macht Rauschs Roman zu einem vibrierenden Vergnügen – zweigt seine atmosphärisch dichte Geschichte kurzerhand in ein Dickicht aus Mutmaßungen, Irreführungen und wilden Spekulationen ab, und der eigentliche, darunterliegende Sub-Plot hat endgültig seine Betriebstemperatur erreicht. Denn als man die Identität der jungen Toten entschlüsselt, und klar ist, dass es nicht Astrid war, die seinerzeit gewaltsam verstarb, beginnt Bloom, gegen alle Widerstände seiner einstigen Mitstreiter tiefer zu graben. Und was er dabei zutage fördert, ist hochbrisant. „Ich habe geschafft, was ich mir vorgenommen hatte“, sagt Rausch abschließend mit einem zufriedenen Leuchten in den Augen. „Denn das war es, was ich wollte; meine Geschichte so erzählen, dass sie etwas Stellvertretendes bekommt.“ Das ist ihm gelungen. Und so kann er den Reaktionen aufsein Buch ziemlich gelassen entgegen sehen. Denn lange nicht mehr hat man ein solch fesselndes, bis in seine feinsten psychologischen Verästelungen hinein stimmiges Debüt gelesen. Noch dazu hängt an Rauschs Sprache nicht ein Gramm Fett; schnell und griffig zünden seine Sätze und Bilder immer neue kleine Erleuchtungen im Hirn. Darin erinnert der Wahl-Kölner, der zuletzt mit seiner Band „LEBENdIGITAL“ Gedichte von Jörg Fauser zu dem Album „Fausertracks“ vertonte, an amerikanische Erzählergrößen wie Stewart O’Nan, Rick Moody oder Pinckney Benedict. „Gute Romane werden von Leuten geschrieben, die keine Angst haben“, schrieb dereinst George Orwell in seinem großen Miller-Essay „Im Innern des Wals“; Jochen Rausch scheint einer dieser Furchtlosen zu sein. Einer, der begriffen hat, dass die Beschreibung der Wirklichkeit immer noch eine lohnende Sache ist, auch wenn sie erstunken und erlogen ist. Das hebt ihn angenehm heraus aus der hierzulande schreibenden Meute verängstigter Gesellen.

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