Das letzte ROLLING STONE-Interview mit R.E.M.


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Birgit Fuß sprach für die Märzausgabe des ROLLING STONE mit R.E.M. über ihr letztes Studioalbum „Collapse Into Now“. Schon im Januar war die Zukunft der Band um Frontmann Michael Stipe ungewiss, passenderweise sagten sie damals schon: „Wir können alles machen – oder nichts!“ Es würde keine Tournee zum neuen Album geben, dafür vielleicht das eine oder andere Solowerk. Alles war offen – ist es nun mehr denn je -, also sprach man über das, was jetzt zählte: die Musik. Hier unser – vorerst – letztes Interview mit R.E.M.:

Draußen tobt ein Schneesturm, und in der New Yorker Wohnung von Michael Stipe funktioniert die Heizung nicht richtig. Der Sänger kommt zu spät zu den Interviews. Viel Lust zu reden hat er auch nicht. Eigentlich tut er das zurzeit nur für Titelgeschichten, gesteht er gleich zu Beginn freimütig, aber für uns macht er eine Ausnahme. Dankbarkeit erwartet er allerdings nicht. R.E.M. sind nicht arrogant, sie wissen nur ganz genau, was sie wollen – und vor allem: was nicht. Das war schon 1980 so, als sie in Athens, Georgia ihre ersten Songs schrieben, und das ist immer so geblieben. Man kann diese störrische Haltung bewundern oder auch nicht, sie hebt sich auf jeden Fall ab von der heute gängigen Vorstellung, dass Stars jederzeit für alles zur Verfügung stehen müssen.

Nur ein kleines bisschen haben sich R.E.M. gerade an den Zeitgeist angepasst: Ihr neues, 15. Studioalbum „Collapse Into Now“ war zur Hälfte schon vor der Veröffentlichung am 4. März zu hören; etliche Stücke stellte die Band als Videoclip mit dem kompletten Songtext ins Netz. „Wir leaken lieber Einzelnes selbst, als plötzlich das gesamte Album im Internet zu finden“, sagt Bassist Mike Mills. Im besten Fall, denkt Stipe, wächst die Vorfreude bei den Hörern dadurch sogar noch: „Das war keine konzertierte Aktion, aber diese Lieder sind ja sehr unterschiedlich: ein langsamer, ein trauriger, ein atmosphärisch sehr dichter, ein Rock’n’Roll-Song. Eigentlich ist für jeden was dabei, so dass jeder sagen kann: Das sind die R.E.M., die ich mag! Und wenn sie dann das ganze Album hören, werden sie doch noch einige Überraschungen erleben.“

Aufgenommen wurde in New Orleans und Nashville, aber auch in Berlin (ROLLING STONE berichtete im Oktober 2010), wieder mit Jacknife Lee als Produzenten. Kurioserweise konnten sich die Label-Chefs in den USA, England und Deutschland nicht auf eine Vorab-Single einigen, es wurde überall eine andere veröffentlicht. Der Band ist das nicht so wichtig – „solange wir nicht glauben, dass sie einen Fehler machen“, so Mills. Selbst können sie potenzielle Hits kaum erkennen, das haben sie immer wieder feststellen müssen. „Wir sind halt eine Album-Band, die nur zufälligerweise einige Single-Hits hatte. Wir haben keine Ahnung, wie man Hits schreibt.“

Zur Zeit ihrer größten Hits, Anfang der 90er-Jahre, entschieden sich R.E.M., sehr viel Geld auszuschlagen und nicht auf Tournee zu gehen. Ihnen stand einfach nicht der Sinn danach. Und – Fans müssen jetzt stark sein! – diesmal bleiben sie auch lieber zu Hause. Mike Mills setzt ein betrübtes Gesicht auf. „Wir werden nicht touren. Mich macht das traurig, aber die letzte Tournee war anstrengend – 2008 war ein sehr langes Jahr. Momentan wollen wir das nicht. Ich liebe das Touren, und ich wüsste natürlich auch das Geld zu schätzen, aber zurzeit wäre es nicht das Richtige für uns.“ Solche Entscheidungen, ergänzt er, treffen R.E.M. immer zu dritt: Gitarrist Peter Buck, Mills, Stipe. Natürlich sprechen sie auch mit ihrem Manager darüber und mit anderen Vertrauten, aber am Ende kommt es auf die drei an. Und da war besonders einer diesmal nicht bereit. Stipe hat kein Problem damit, sich selbst als Schuldigen zu outen: „Wir haben doch gerade erst getourt. Ich mag einfach nicht. Natürlich haben wir es diskutiert, aber man muss auf seinen Instinkt hören. Wir hatten 2008 viel Spaß, aber zurzeit konzentriere ich mich auf andere Sachen.“

Stipe hat eine originelle Foto-Website – confessionsofamichaelstipe.tumblr.com – ins Leben gerufen, außerdem plant er, zu jedem neuen Song einen kleinen Kunstfilm drehen zu lassen. Damit ist er erst mal gut beschäftigt, findet er. „Wohlgemerkt Filme, nicht Videos! Der erste, für ‚Mine Smell Like Honey‘, wurde in Berlin aufgenommen, im Treppenhaus des Hansa-Studios. Es sind herrliche Fotografien von Dominic DeJoseph, die dann zusammengeschnitten und so zum Leben erweckt wurden, mit einem wunderbaren Sinn für Humor. Ich habe etliche Künstler kontaktiert. Leute, denen ich vertraue, die den richtigen Instinkt, das richtige Auge, das richtige Herz haben. Ich lasse sie machen und werde dann sehen, was herauskommt. Hoffentlich etwas Wildes und komplett Anderes. Aufregend!“ Wie das Gesamtkunstwerk veröffentlicht wird, muss er noch mit seinen beiden Kollegen besprechen.

Man muss sich keine Sorgen um R.E.M. machen, höchstwahrscheinlich. Es gab bei ihnen schon immer Phasen, in denen sie eine Weile Abstand voneinander nahmen, Mills findet das nur natürlich: „Bei uns ist das wie bei jeder Familie oder bei jeder Beziehung oder bei jedem Unternehmen: Man muss sich immer wieder überlegen, wo man steht. Denn egal wie lange man sich kennt: Chaos passiert, und Entropie gehört dazu, und die Dinge bewegen sich voneinander weg. Also muss man immer wieder zurückfinden und den Fokus suchen. Wir sind drei sehr unterschiedliche Menschen, und wir sind nicht ständig zusammen. Wenn wir nicht arbeiten, leben wir sehr getrennte Leben.“

So sitzt Buck, während Mills und Stipe in New York Interviews geben, schon wieder zu Hause in Seattle. Der Gitarrist arbeitet immer an verschiedenen Projekten (The Minus 5, Tired Pony), gerade hat er außerdem beim neuen Album der Decemberists mitgespielt. Und demnächst wird wohl auch von Mills außerhalb von R.E.M. etwas mehr zu hören sein, wie er ganz nebenbei erzählt. „Mir persönlich macht es immer am meisten Spaß, den Background einzusingen und mit Michael daran zu arbeiten. Ich weiß, dass ich eine tolle Harmonie-Stimme habe, doch ich weiß auch, dass sie für ein ganzes Album vielleicht nicht interessant genug wäre. Aber eines Tages werden wir das herausfinden!“ Werden wir? Auf einem eigenen Album also? „Oh ja, da bin ich ganz sicher. Bisher habe ich nur an R.E.M.-Songs gearbeitet, aber irgendwann werde ich ein Soloalbum machen.“

Und wie sieht die Zukunft für R.E.M. aus? Mills tut gleich gar nicht so, als ob er das wüsste. Es beunruhigt ihn aber auch nicht sehr – die Band hat viele Möglichkeiten. „Wir machen keine Pläne. Jetzt ist erst mal dieses Album fertig. Außerdem läuft unser Plattenvertrag aus. Wir wissen also nicht, wie es weitergeht. Eine seltsame Situation. Das Musikgeschäft, wie wir es kannten, ist gestorben. Wir können alles machen – oder nichts! Eine eigene Plattenfirma gründen? Das ist eine Option. Eine arbeitsintensive freilich. Wir werden sehen.“

Was vorerst bleibt, ist das Jetzt. Und deshalb passt der Albumtitel so perfekt zu R.E.M., dass sogar Stipe davon begeistert ist: „Patti Smith hat die Zeile aus ‚Blue‘ als Titel vorgeschlagen. Sie hat ihre Arme verschränkt und darauf bestanden. Und weil Albumtitel sowieso immer das Schwerste für R.E.M. sind, haben wir sehr gern auf sie gehört.“ Dass die wichtigste Zeit im Leben immer die Gegenwart ist, gehört seit jeher zu den Grundsätzen der Band – „Collapse Into Now“ darf also durchaus als Statement verstanden werden. R.E.M. haben ihre Songs stets aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, sich nie selbst in den Mittelpunkt gerückt. Und doch erzählen all ihre Alben viel über die Arbeitsweise und Dynamik der Band.

Und, wie es Birgit Fuß auch so schön in ihrem Nachruf schreibt, ein musikalischer Fehlgriff war bei den fünfzehn Alben der Band nicht dabei. Dafür aber viel Hoffnung – auf Soloalben der Band und eventuell auch eine Reunion.