Der Brite der Woche: Billy Bragg schlägt Damian Lewis


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Vielleicht ist das echte Leben doch besser als das Fernsehprogramm? Noch besser? Kommt natürlich auf den Abend an, aber momentan haben es selbst die besten Serien schwer. Michael Mittermeier ist auf Tournee und trat gestern in meiner Nachbarschaft auf. Wer noch ein Ticket bekommt, sollte nicht auf die DVD-Version seines „Blackout“-Programms warten – live ist es ein Riesenspaß, bei dem einem recht oft das Lachen im Hals stecken bleibt. Nur so viel: Sie werden danach Angela Merkel und ihre berühmte Raute nie mehr so sehen wie vorher.

Noch härter war die Frage „Bildschirm oder Bühne“ allerdings am Montag. Da wartete eine neue Folge von „Homeland“ auf mich, frisch aus den USA – am einzigen Tag der Woche, an dem sowieso schon fünf gute Serien laufen. Zumindest für diejenigen, die manchmal noch gute alte Sender wie RTL, Vox und Co. schätzen. „Binge-Watching“ ist zwar wunderbar, wenn man keine Arbeit hat, aber manchmal möchte ich auch einfach den Fernseher einschalten und mir etwas servieren lassen. Montags ist das Menü üppig: „Arrow“ und „Elementary“ laufen zeitgleich mit „Hart Of Dixie“, „Gossip Girl“ und „Scandal“. (Dachten die Verantwortlichen vielleicht, die Schnittmenge ist gering, weil Männer eher Action und Krimi gucken, während Frauen Drama lieben? Pah!)

Ich zog trotz allem den Berliner Heimathafen der Couch vor. Nur für Billy Bragg! Denn was sind schon der amerikanische Präsident, ein Superheld an Pfeil und Bogen oder Sherlock Holmes gegen Billy Bragg? Genau, gar nichts. Der eine ist ein unmoralischer Idiot, der zweite ein verzweifelter Einzelkämpfer, der dritte schlau, aber ein Soziopath. Während Bragg das Unmögliche gelingt: zwei Stunden mit ihm, und die Welt ist wieder in Ordnung. Das soll Claire Danes mal schaffen!

Billy Braggs Konzerte fangen immer lustig an. Man muss sich diesen Mann, der all die wunderbaren Lieder über Gerechtigkeit, Verantwortung und immer wieder über die Liebe geschrieben hat, auch als eine Art Stand-up-Comedian vorstellen, der genau weiß, wie man unterhält: Er sammelt auf der Straße die ulkigsten Geschichten ein, schont sich selbst nicht und hat das Publikum nach wenigen Minuten auf seiner Seite. Zwischen „To Have And To Have Not“ und „Sexuality“, zwischen „You Woke Up My Neighborhood“ und „Tank Park Salute“ merkt man kaum, wie die Themen langsam ernster werden, die Appelle dringlicher. Bis man plötzlich laut „There Is Power In A Union“ mitsingt und sich vornimmt, dass morgen alles besser wird, weil man selbst dafür sorgt.

Mit den letzten Takten von „Waiting For The Great Leap Forwards“ im Kopf nach Hause gelaufen, doch noch „Homeland“ geguckt. Leider fehlte wieder etwas: Damian Lewis! Die siebte Folge der dritten Staffel, und erst in einer war der vermeintliche Hauptdarsteller zu sehen. Da stimmt doch etwas nicht! Es ist immer noch sensationell, wie Mandy Patinkin als CIA-Chef Saul Berenson die Strippen zieht. Wie Claire Danes als Carrie Mathison kämpft, um nicht den Verstand zu verlieren. Wie man versucht, die falschen Fährten vorauszuahnen und sogar als ausgebuffter Serienprofi ständig scheitert. Und doch fehlt der gebrochene Charakter von Nicholas Brody, dem Damian Lewis so viel Tiefe gegeben hat. Zwar macht es sich „Homeland“ nicht leicht, es schlägt sich nicht einfach auf die Seite der CIA. Langsam müssen die Drehbuchschreiber trotzdem wieder einen Weg zurück zur Brody-Carrie-Connection finden, die schließlich die größte Spannung ausgemacht hat. Bedrohung, Anschläge, Paranoia – schön und gut, nur was ist mit der Liebe? Ich fordere Damian Lewis zurück!

Eins muss ich allerdings zugeben: Verglichen mit Obdachlosigkeit, Ausbeutung und Faschismus kam mir Brodys Abwesenheit ausnahmsweise eher unwichtig vor. Auch das macht Billy Bragg: Prioritäten gerade rücken, Perspektiven verschieben. Nach seinen Konzerten fühlt man sich immer besser, weil man so viel Hoffnung hat, Wut und Mut. Braggs Kommentar zu dieser Analyse: „Great. If it works with journalists, just imagine what it does to normal people!“