Der schwarze Gigant: Wie das Wacken Open Air in 25 Jahren zum Weltstar wurde

Wenn der eigene Zahnarzt unter dem Kittel ein Wacken-Shirt trägt, die Hipster-Freunde im nächsten Jahr auch mal ‚vorbeischauen‘ wollen, auf der Hochzeit des alten Mathematik-Lehrers Schlager und Metal gemischt gespielt wird und die eigene Oma einen Zeitungsartikel über das W:O:A ausschneidet, um während eines Telefonats mit den Enkeln mehr darüber zu erfahren, dann ist das nicht nur kurios, sondern eindeutig: Heavy Metal bedeutet nicht länger Angst, Schrecken, Gehämmere oder ungekämmtes Primatentum, sondern steckt inmitten eines Wandels zum Elitären. Das Wacken wird zunehmend zur interkulturellen Motto-Party, heißer als „Spring Break“, wilder als Bullriding, schauriger als Halloween – etwa eine Art Geisterbahn für Erwachsene? Die Gründe dafür sind mannigfaltig, schließlich tritt ein Lemmy Kilmister (Motörhead) nicht umsonst mit einem Herzschrittmacher auf dem 25. Jubiläum auf.

Die 25 Jahre sollten ans Licht bringen, was der musikalische Volksmund längst proklamiert hatte: Die Metaller sind eigentlich die Bärchen unter den Musikern, ganz getreu dem Sprichwort „Bellende Hunde beißen nicht“. Die Bewohner des schleswig-holsteinischen Dorfes Wacken haben das schon früh begriffen, schmücken sich mit dem jährlichen Ereignis, feiern gar selbst mit oder verkaufen in ihrem Vorgarten Festival-Equipment, eigenes Obst und Gemüse oder selbstgebrannten Schnaps, zum Beispiel.

Es ist ein Kuriosum par excellence: 75.000 Metalheads, schwarz und düster dreinschauend, überschwemmen ein Provinz-Dorf mit gerade einmal 1800 Einwohnern und es herrscht Friede, Freude, Eierkuchen. Man grüßt sich am Gartenzaun, bedankt sich, plaudert miteinander und zeigt gegenseitigen Respekt. Engstirnigkeit adé! Ist das schon das Geheimrezept des international größten Metal-Spektakels? Wie konnte ein kleines, subkulturelles Konzert-Event sonst zum internationalen Kulturgut avancieren, während Festivals wie das Berlin Festival, Rock am Ring oder zuletzt das Greenville um ihre Existenz kämpfen müssen?

Die Geschichte des Wacken ist eine Cinderella-Story, ein Märchen, vielleicht irgendwann Legende. Von Metal-Fans für Metal-Fans entstand das spätere schwarze Geschoss in der Wackener Senke als ein Akt der Freundschaft: Thomas Jensen und Holger Hübner richten mit ein paar Freunden 1990 für 800 Dorfjugendliche ein kleines Metal-Open- Air aus. Gerade einmal sechs Bands spielen auf der provisorischen Bühne, zwei Jahre später sind es 26. Saxon waren 1992 der erste Headliner, 1996 sorgten die Böhsen Onkelz für die erste Dorfverstopfung und 1998 wurde schließlich expandiert: 20.000 Besucher sprengten die kleine Wacken-Kuhle und so wuchs das W:O:A stetig, entwickelte sich Jahr zu Jahr zum heutigen Giganten, der nicht nur zum 25. Jubiläum die Titelseiten der Presse sprengt, sondern jedes Jahr mit diversen Beiträgen medial begleitet und glorifiziert wird. Dieses Jahr kürte die Berichterstattung zudem ein 3D-Kinofilm. Die Betreiber hatten sich offenkundig Freunde gemacht, denn wem ein Festival einmal ans Herz gewachsen ist, schwört zumeist ewige Treue. Den Veranstaltern Jensen und Hübner ist es somit gelungen, an Sprinter Marek Lieberberg (Rock am Ring, Rock im Park) headbangend vorbeizuziehen. Ganz davon abgesehen, dass der so Überholte Negativ-Schlagzeilen wegen des Ortswechsels von Rock am Ring schrieb, leiden die einst größten deutschen Rockfestivals immer mehr unter ihrer Kommerzialisierung. Große Bands, große Bühnen, großer Menschenpulk: ja, aber Herzblut? Fehlanzeige!

Läuft das Wacken Open Air mit seinem mittlerweile internationalen Exzellenzstempel Gefahr, sich im Mainstream-Kurs zu verheddern? Böse Zungen prophezeien diese Tendenz schon lange, aber auch erste treue Fans monierten die Bier- und Tabakpromotion, den Zuwachs an Merchandise-Ständen auf dem Gelände und sogar den neuentwickelten Geschäftsinn der Anwohner. Doch ähnlich ihren größten Helden, wie Slayer, Megadeth, Amon Amarth und Motörhead, kehren sie alle freudig wieder, sie fühlen sich zu Hause.

Auf sieben Bühnen spielen mittlerweile 120 Bands, 75.000 Karten werden innerhalb von zwölf Stunden verkauft, um im nächsten Jahr auf 220 Hektar zu bangen, zu grölen und zu saufen. Doch auch wenn eine Kräuterschnapsmarke ein Podest mit freier Sicht für auserwählte Gäste anbietet, Star-Koch Tim Mälzer sogar Bratwurst, Pizza und Burger bringen lässt, steuern Jensen und Hübner mit familiären Attraktionen gegen eine zunehmende Kommerzialisierung und kreieren dadurch den einzigartigen Charme des Metal-Happenings. So ist es mittlerweile zur Tradition geworden, dass die ortseigene Kapelle der Feuerwehr auftritt, ungewöhnliche Star-Gäste, wie Helge Schneider oder Heino vorbeischauen und während des Wochenendes zudem die Nachwuchsförderung nicht zu kurz kommt: Eine eigens ins Leben gerufene Wacken Foundation kümmert sich intensiv um aufstrebende Bands und das Festival-integrierte Metal-Battle bietet jenen seit Jahren die große Bühne, die mitunter den Ritterschlag bedeuten kann: In mehr als 30 Ländern wird vorab je eine Siegerband gekürt, die sich damit für einen 20-minütigen Gig auf dem Wacken qualifiziert, um so wiederum die Chance zu bekommen, unter die Top 5 gewählt zu werden und eventuell gar einen Plattenvertrag zu gewinnen.

Der wichtigste Punkt aber bleibt seit Jahren der gleiche: Nach Wacken darf jeder kommen, ob Sprechstundenhilfe, Astrophysiker, Zahnarzt oder Bauarbeiter. Und auch wenn Geschrei hier zum guten Ton gehört, haben sich doch alle lieb und schaffen sich inmitten des epidemischen, schwarzen Charakters eine unverwechselbare Gemütlichkeit. Eine schweißtreibende, feurige Horrorshow, einen düsteren Kulturkosmos, an dessen Gartenzaun die Sensationstouristen schon Schlange stehen. Für Peace und lange Haare.

Sehen Sie die Highlights des Wacken Open Air 2014 in unserer obenstehenden Galerie.


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