Der „Tatort“ am Sonntag: Rundstück lauwarm


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Dass die junge Frau nicht von der Brücke gesprungen ist, ahnen die Zuschauer ebenso wie die Kommissare Odenthal (Ulrike Folkerts) und Kopper (Andreas Hoppe). Ihre Kleidung ist zerschnitten, die Schnalle an einem Schuh fehlt. Steffi Pietsch arbeitet in der Flieischverwertungsfabrik Metropol, sie stand dort an der Temperaturprüfung der Schnitzel und Buletten und war nicht recht glücklich mit dem Job. Ihr Weltverbesserungsfuror hatte ihren Ehemann aus dem Haus getrieben, nun kümmerte sie sich um ihre Tochter Lotte und musste Geld verdienen – und ihre alte Freundin Elke Schmitz (Bernadette Heerwagen) verschaffte ihr den Job in der Fleischfabrik. Dort war die nörgelnde Frau bald unbeliebt: Immerzu drohte sie mit Enthüllungen bei einem sozialen Netzwerk und schnüffelte den Abfällen hinterher. Nachdem das von der Großmetzgerei gelieferte Mittagessen für den lokalen Kindergarten womöglich Lebensmittelvergiftungen ausgelöst hatte, tobte Steffi Pietsch und kündigte auf ihrer Website einen großen Coup an.

Nun ist Metropol natürlich ein Musterbetrieb, zertifiziert von Veterinären und Lebensmittelkontrolleuren. Besitzer Holger Hermanns – von Johannes Zirner als aasiger, kaugummikauender Zyniker gespielt – hält sich für unangreifbar. Verdächtig ist die Belegschaft, die um ihre Arbeit bangte, aber auch der schwächliche Ex-Mann Richard Pietsch, der er sich mit eifersüchtiger Freundin Claudia (Kathrin Kühnel) kommod gemacht hat. Die wiederum unterrichtet in einer Tanzschule, weshalb Kopper auf einem Nebenschauplatz den Tango übt. Die Ermittlungen kommen nicht recht voran, denn Steffis Computer ist verschwunden, und Freundin Elke erweist sich als unzuverlässige Erzählerin. Ein blasierter Psychotherapeut (Felix Vörtler) hatte Steffi wegen Depressionen und Wahnvorstellungen angeblich Medikamente verschrieben – was nicht zu der kämpferischen, unbeugsamen Frau passte.

Lena Odenthal unternimmt einen nächtlichen Ausflug in die Fleischfabrik und wird – Klassiker des Thrillers – im Kühlraum eingeschlossen. Gefährte Kopper wartet draußen im Auto, schlief ein und wird unter Wurstabfällen in einem Wägelchen in die Kältekammer geschoben. Gleich nach den Dreharbeiten wurde Andreas Hoppe, der Kopper als halb italienischen Genießer spielt, zum Quasi-Vegetarier: „Diese Mengen, die haben was mit mir gemacht.“ Im Film wird schon mal Formfleisch am Schreibtisch verspeist – nur die Odenthal beschränkt sich auf Gemüse und Kartoffeln. Während sie der Aufklärung mit der Gar-Geschwindigkeit eines großen Schweinebratens näher rücken, werden allerlei Fallstricke ausgelegt, die vom Wahrscheinlichen ablenken.

Obwohl sich die Ludwigshafener Kommissare stets mit sogenannten heißen Eisen beschäftigen und den „Tatort“ als Stätte sozialer Verhandlung begreifen, wirken ihre Filme wie Anachronismen. Ihren Dialogen haftet immer das Papierene an, Hoppe spricht beinahe die Satzzeichen mit. „Tödliche Häppchen“, von Frauke Hunfeld und Josh Broecker als Rätselspiel geschrieben und von Broecker humorlos inszeniert, ist ein weiterer Sitz- und Steh-Krimi des anrührend unbeholfenen Duos: Ulrike Folkerts und Andreas Hoppe agieren mit der betulichen Ernsthaftigkeit von Sozialarbeitern und Gläubigen. So profilierte Virtuosen wie Bernadette Heerwagen und Johannes Zirner stehen auf verlorenem Posten: Sie ist bloß Opfer, er nur Schurke.

Und alle reden immerzu Sülze.

„Tatort: Tödliche Häppchen“. ARD, Sonntag, 20.15 Uhr