DER VOLKSKÖRPER WILL FICKEN

Wo geht die Musik hin, wenn sie tot ist? In den Bundestag? Wenn Sie diese Zeilen lesen, haben wir vielleicht bereits einen neuen König. Entweder diesen Dicken mit dem vollen Mund, der mit seinem Hamstervolk vier weitere Jahre wider besseres Wissen „Schön ist es, auf der Welt zu sein“ singt, oder dieses gruselige Etappenschwein, dessen staubige Utopie den alten Hit „Autobahn“ Wiederaufleben läßt: stumpfes Vorwärtskommen ohne Sinn und Ziel. Das ist Politik und sehr wichtig, denn hier geht es um Schlager contra Pop, Akkordeon contra Synthesizer, Unterhaltung contra Kunst. Oder so.

Doch die Demokratie geht weiter, auch nach der Wahl, und zwar da, wo sie im Kapitalismus hingehört: an der Kasse. In meinem Alptraum steht Schröder, Quatsch, Westernhagen, und beschwört: „Ich bin der einzige hier, der Rammstein verhindern kann!“ Das klingt, als wären Rammstein die PDS, und genauso ist es, denn der kritische Deutsche hält die Düster-Ossis für Nazis, und Faschismus und Kommunismus sind ihm neuerdings eins – Stalin hat die Juden irgendwie auch ermordet, klar. Die Rammstein-Juden oder Nazis oder was auch immer machen jedenfalls Lärm und sind auch sonst fragwürdig, weil unkritisch, die stampfen nur so nun. Westernhagen dagegen kritisiert – gewagt, gewagt die Kirche. Das macht Sinn.

Und das freut den kritischen Deutschen, er liebt Sinn. Traditionell. Papa und Opa sind schließlich nicht in Polen, Russland, Frankreich etc. einmarschiert wegen Langeweile, Dummheit oder Gier, sondern fürs Vaterland, die Ehre und die arische Rasse. Wenn das keinen Blitzkrieg rechtfertigt. Doch Rammstein? Will einfach nur Spaß! Enthemmung! Ficken! Muß das wirklich sein?

Dabei hätten es Rammstein so einfach haben können. Hätten nur sagen müssen: „Wir sind nicht die fünfte Kolonne der DVU, sondern von Chance 2000.“ Denn natürlich stehen die Jungs Otto Mühl näher als Ernst Jünger. Ihr Stahlgewitter ist Inszenierung, das keine Realisierung braucht, ihre Enthemmung ein Spiel für verbockte Psychopanzerkrüppel, ihr Ziel Spaß. Die Amerikaner haben das kapiert: Nach Blitzkrieg und Führerbunker kennen sie nun sogar ein drittes deutsches Wort: Rammstein. Die Parodie des deutschen Wesens. Ger-Mania!

Doch der kritische Deutsche lacht nicht. Er blickt auf vom Kulturteil der „Zeit“, wo jeder alte Brief eines toten Dichters ein so großes Thema ist, daß man darin bequem einen verhungerten Sudanesen einwickeln kann, und sagt: „Das ist keine Entschuldigung.“ Er meint das wörtlich. Der kritische Deutsche geht nämlich in ein Geschäft und sagt: „Entschuldigung, haben sie…“, er fragt nach der Zeit: „Entschuldigung, wie spät?“, er rechtfertigt Freizeit („Ich muß mal ausspannen“) und Weibchen („Meine Beziehung“). Er entschuldigt sich für seine Existenz (was man, wenn man ihn sieht, fast versteht) und will, daß alle anderen das auch tun.

Allerdings stirbt der kritische Deutsche aus. Und darüber ist er besorgt, er nennt es „Werteverfall“. Er meint jedoch: Sittenverfall. Zum Beispiel rechtsradikale Jugendliche: Die lungern nun, trinken Bier am hellen Tag, pöbeln. Ekelhaft! Neger klatschen sie auch, aber: naja, die Schwarzen müßen auch nicht über den Marktplatz in Weimar laufen, gibt doch Nebenstraßen. Oder Techno: Die Kids, wie süß (halbnackt & unschuldig), aber zu laut und ohne Melodie (also ohne Sinn). Oder eben Rammstein: Leni-Riefenstahl-Ästhetik und schlimme Worte, wo soll das hinfuhren? Zur „Nationalzeitung“ mit der Headline „Der Volkskörper will ficken“?

Blöd ist, daß der kritische Deutsche eigentlich zu tun hätte. Der Planet verreckt, die Umweltberichte lesen sich wie ökokatastrophen-Science-fiction der 70er Jahre, die Gesellschaft zerreißt zwischen neuen Medien und neuer Armut, die Welt versinkt im neoliberalen, neoimperialistischen, neofundamentalistischen Chaos – man könnte sagen, es steht was an. Doch die Parole heißt Besinnung statt Begreifung: mit sauberen Händen und leisen Worten im großen Egal kämpfen. Für Schröderkohl. Gegen Rammstein. Nebenkriegsschauplätze stiften Sinn.

Nur ändern tun sie nichts. Kohl oder Schröder? Ach was! Die Frage hätte heißen müssen: Gysi oder Schlingensief? 0,8 Promille, 0,5 Promille, 0,0 Promille? Nein: Heroinfreigabe, Haschlegalisierung, die neue Drogenpolitik! Ausgleich des Bundehaushalts? Rührend – verstaatlicht die Banken! Rammstein oder Westernhagen? Wie wäre es mit ein wenig Musik!

Helmut Schmidt ist nicht mein Freund. Er ist der Herausgeber der „Zeit“, einem Blatt, das vehement den geistigen Stillstand verteidigt. Kürzlich fand ich ihn aber gut: Da hat er bedauert, daß die Menschen heute keine Kriegserfährung mehr haben. Worte eines Machtmenschen, der für den nächsten Krieg einen sicheren Platz im Führer-, Pardon, Führungsbunker hat. Oder vorher schon einen Ehrenplatz im Grab. Aber nehmen wir mal das Wort „Krieg“ aus seinem Befund weg: Schade, daß niemand mehr Erfahrungen hat. Sondern Meinungen, Befindlichkeiten, Behauptungen, Titel, Thesen, Temperamente.

Ein Bekannter von mir war kürzlich zwei Wochen im Sudan. Die Leute sind vor seinen Füßen gestorben. Im Wortsinn! Er erzählte es, das hat mir schon gereicht, ein Grauen. Ich denke, er könnte den Unterschied erklären: zwischen Rammstein und etwas Ernstem. Das wäre ein Anfang.

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