Die künstliche Erregung

März 2004 Die schottische Band Franz Ferdinand war der letzte Pop-Hype, der ohne Blogs und Facebook stattfand – und trotzdem klappte. Denn ihr Debütalbum war einfach großartig.

Franz Ferdinand ****¿

Franz Ferdinand

Domino

Ganz ehrlich, diese Platte wäre auch dann mindestens sehr gut, wenn kein einziger Ton darauf wäre. Und wenn Franz Ferdinand – um das andere Klischee mit abzudecken – das Telefonbuch von Glasgow nachgesungen hätten, wäre sie vielleicht noch besser geworden.

Die Idee, die pure Idee. „Ich bin Künstler, kein Musiker“, soll Bassist Bob Hardy gesagt haben, als Sänger Alex Kapranos ihm den Bass gab. Der Gründungsmythos, in dem die vier so tun, als ob ihnen Popmusik pipifax wäre, als ob es nur jemanden gebraucht hätte, der bei den Ausstellungen im Glasgower Kunstraum ein wenig die Leute zum Tanzen bringt. Genau, wie sich Klein Lieschen Akademiepartys in New York vorstellt: Musiker, die vor dem Auftritt als lebendige Museumsstücke in Pappkartons sitzen. Heute beklagen sich die Leute, dass das Wort Pop nur noch für nichtssagende Musik von im umgekehrten Verhältnis dazu überambitionierten Musikern stehe, und dann kommen Franz Ferdinand, und bei ihnen ist es anscheinend genau umgekehrt.

Ob die Videoinstallationen in ihrem „Chateau“ was getaugt haben, wissen wir nicht, aber es kann ja auch jeder Gitarre lernen – im Zweifel ist das sogar einfacher, als einen Bilderrahmen in die Wand zu dübeln. Und unglaublicherweise spielt diese All-Attitude-Band wirklich so erfrischende, verwegene, eingängige und präzise Musik, wie neulich der „Spiegel“ geschrieben hat, der ab jetzt in Deutschland für die Hypes zuständig ist. Kalt und klar, eine Coolness, aus der heraus verschiedene Erregungszustände ausprobiert werden, im Outfit einer New-Wave-Gitarrenband: „Tell Her Tonight“ ist in der Strophe erotisierte Talking Heads („She only shook her hips, but I saw it!“) und im Chorus polyphoner Harmony-Pop, „Take Me Out“ bremst nach einer geschrubbten Einleitung freiwillig das Tempo, täuscht an, fällt dann in ein haifischscharfes Disco-Riff. Sänger Kapranos wird hier böse, hat Blut am Tüchlein, aber natürlich ist er in Wirklichkeit Bryan Ferry, wer sonst?

„Taking a turn off mainstreet, away from cacophony and reallife relics, & into the outer space myriad faces & sweet deafening sounds of rock’n’roll“ – das stand bei Roxy Music auf dem Plattencover, es könnten Ferdinands Worte sein. Ein Kunstwerk aus dem alten Art-Punk-Material, das sich selbst schon als Kunstwerk verstand, mit Rasierklingen tranchiert. Aus dem salon-bolschewistischen Marsch-Soul der großen (schottischen!) Bands Orange Juice und Josef K werden hier endlich richtige Hits gemacht, zusätzlich singen sie ein Lied halb auf Deutsch, zitieren in „The Dark Of The Matinée“, dem absoluten Glanzpunkt, das jüdische „Hava Nagila“ und statuieren in „Jacqueline“ das Ideal, nur dann zu arbeiten, wenn sie mal Geld brauchen, denn: „It’s always better on holiday.“

Ist das gut, weil es nach Oscar Wilde klingt? Ja, auch deshalb. Wer dazu mit asymmetrisch frisierten Mädchen lustig tanzen, sich Cranberry-Wodka über den Kopf kippen und Dias aufs Hemd projizieren lassen will, sollte hier bitte nicht fehlen.

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