Die Libertines sind Geschichte. So war ihr letzter Auftritt…


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Der NME titelt auf seiner aktuellen Ausgabe gewohnt reißerisch: „The Libertines – It’s over!“ Und dazu gibt es natürlich das „exclusive final interview!“ Die definitive Absage erfolgte von Carl Barat. Er sähe „keine Zukunft“. Die Schatten und Zerwürfnisse der letzten Jahre lassen sich wohl nicht so einfach abschütteln. „Ich dachte wir hätten die Schatten der Vergangenheit hinter uns gelassen, aber dem ist vielleicht doch nicht so. Immer, wenn wir miteinander reden, kriechen sie uns wieder ins Bewusstsein.“ Barat sprach in erster Linie mit dem NME, um die neue Libertines-Dokumentation „There Are No Innocent Bystanders“ von Roger Sargent zu bewerben. Hier noch eben der Trailer und dann der Nachbericht zum letzten Gig der Libertines am 28. August 2010.

Die wenigen Glücklichen, die den Warm-up Gig der Libertines im HMV Forum in London gesehen haben, werden natürlich sagen, DAS sei der wahre Reunion-Gig gewesen. Die Libertines in einer Umgebung, in der sie groß geworden sind – in einer Club-Location, größer zwar als die Camdener Pubs, die sie mit ihren frühen Shows zerlegt haben, aber dennoch mit einer Bühne in greifbarer Nähe und in Gesellschaft von ein paar hundert Fans im Hedonismus-Rausch, die sich mit Freude und Fahne und (damals noch) Kippe im Maul ineinander warfen. „The Good Old Days“ eben.

Mag sein, dass die Nostalgiker mit dieser Einschätzung Recht haben – wenn man jedoch begreifen will, was aus den Libertines geworden ist, wie sie durch die schon zur Lebzeiten begonnene Selbstmythisierung in Songs wie „Time For Heroes“, die musikalisch dokumentierten Bandkonflikte („Can’t Stand Me Now“), das endgültig erscheinende Ende sowie die Doherty-Abstürze davor und danach zu den Übergrößen der jüngeren, britischen Popkultur geworden sind, der musste sich vergangenen Samstag vor die geschichtsträchtige Bühne des Reading-Festivals stellen – gemeinsam mit rund 60.000 Engländern. Genau DA gehörten die Libertines hin. Genau DA wollten sie vermutlich auch hin, als Pete Doherty, Carl Barât, John Hassall, Gary Powell ihre ersten Gigs gemeinsam spielten.

Die Libertines waren an diesem sonnigen Samstagabend in Reading zwar nicht als Headliner gesetzt – das waren Arcade Fire, die ebenso, wenn auch auf andere Weise, großartig waren – aber definitiv der Act, über den England sprach. Das ahnte man bereits am Anreisetag, als man in den Straßen Readings immer wieder mal hysterisch gekreischte, mal betrunken gegröhlte Libertines-Lyrics hörte. Natürlich hing vor allem die bange Frage in der Luft, ob sie wirklich kommen. Zu oft hatte Doherty einen schließlich in den letzten Jahren mit seinen Babyshambles versetzt, als dass man auf seine Pünktlichkeit setzen konnte.

„He won’t show up“, grummelte Jemand in sein Cider-Pint, als um 20 Uhr 22 (zwei Minuten nach regulärer Stage Time) noch nichts auf der Bühne passierte. Der Nebenmann zeigte sich überzeugter: „Nah, he won’t fuck THIS one up.“ Ein Großteil der Menge war dabei ähnlich optimistisch, was allerdings auch an der hörbar bierseeligen Stimmung lag, die sich mit den großen Erwartungen mischte.

Noch bevor bevor die Libertines dann tatsächlich in Originalbesetzung auf die Bühne traten, kam einem zum ersten Mal das hochkomplizierte Wort Selbstmythisierung in den Sinn. Aber wie soll man es anders nennen, wenn man eine wunderbar kompilierte Fotogalerie, voller wilder, melancholischer, zärtlicher Fotografien der Bandgeschichte über die Seitenleinwände flimmern lässt und dabei in voller Länge Vera Lynns „We’ll Meet Again“ abspielen lässt, während sich im Hintergrund das Cover des eigenen Debüts in bühnenfüllender Größe langsam empor gezogen wird? So wichtig muss man sich erst einmal nehmen. Und dennoch: Genauso wollte man es. Wollte die Menge es, die schob und schrie und sang und – schließlich -, als die Band die Bühne betrat und mit „Horrorshow“ lospreschte, schlichtweg explodierte.

Was dann folgte war ein rauschhaftes Abfeiern, bei der ein Großteil der gedrängten Menge auf einer konstant hohen Erregungskurve surfte, so dass die Libertines eigentlich wenig falsch machen konnten. Man war gekommen, um sich einen Abend historisch zu fühlen, mit der Musik, die anscheinend die Jugend Englands beschallte – oder zumindest den hier versammelten Teil. Da machte es auch gar nichts, dass man drei Lieder brauchte, um den richtigen Sound zu finden. Die Songzeilen, die zu leise von der Bühne wehten, wurden eh vom Publikum mitgesungen, selbst bei solch schnell gespuckten Nummern wie „Horrorshow“.

Wer sich zwischen dem Geschiebe, den von Schultern fallenden Menschen, den Anfragen junger Damen, doch bitte auf die Schultern genommen zu werden und den fliegenden Bierbechern noch auf die Bühne konzentrieren konnte, der sah dort eine Band, die sich der historischen Last ihres Schaffens da oben bewusst zu sein schien – und das eben nicht so locker wegsteckte. Zumindest die Hauptprotagonisten Doherty und Barât wirkten angespannt, was sich bei Doherty in einem fahrig bis grimmigen Gesichtsausdruck und ungewohnter Schmallippigkeit zwischen den Songs zeigte und bei Barât in hektischen Seitenblicken gen Doherty, als sorge er sich, dass sein geliebter und gehasster Bandkollege einen Einsatz verhunzte. John Hassall hingegen bearbeitete seinen Bass mit der Miene eines Finanzbeamten, ein Eindruck, den er erst mit dem breiten Grinsen nach dem letzten Song „I Get Along“ noch relativieren konnte. Gary Powell hingegen trommelte sich die Seele aus dem Leib und schien von Anfang an zu wissen, dass er sich den Spaß am größten Abend seines Lebens nicht von hohen Erwartungen versauen lassen wollte.

„Boys In The Band“, Song sechs der Setlist (siehe unten), beschallte dann die Phase, in der alles passte: Der leidenschaftliche und nur noch manchmal verschlürte Barât/Doherty Wechselgesang, der Sturm und Drang der zackig geschrammten Gitarren, die Hassall/ Powell Rhytmusfraktion, die das (richtige) Tempo in Auge und Ohr behielt und der gewaltige Chor des Publikums:

„And they all get them out for
(they all get them out)
The boys in the band
(only for the boys in the band)
They twist and they shout for
(twist and scream and shout)
For the boys in the band
(only for the boys in the band)“

Kaum war der Jubel verebbt, folgte „Music When The Lights Go Out“, bei dem einem die Schlagzeilen der Libertines-Endzeit fast vor Augen flimmerten, dieses Hin-und-Her, das ihre letzten Wochen begleitete und das so gut zu diesem Song passte.

„Well is it cruel or kind
Not to speak my mind
And to lie to you
Rather than hurt you

Well, I’ll confess all of my sins
After several large gins
But still I’ll hide from you
And hide what’s inside from you
And alarm bells ring

When you say your heart still sings
When you’re with me
Oh wont you please forgive me
But I no longer hear the music
Oh no no no no no“

Doherty und Barât teilten sich bei diesem und anderen Songs ein Mikro und lieferten dank der Übertragungskameras eine interessante Mimikstudie auf den Leinwänden neben der Bühne. Mal sah es aus, als wolle sich Barât ranwanzen, weil er versuchte Doherty in die Augen zu schauen, dieser aber fast gleichgültig vorbeischaute. Dann wieder sah man Doherty, wie er Barât anlächelte und anstarrte, während dieser verbissen-konzentriert ins Mikro sang. Dann wieder trafen sich die Blicke und man dachte wie einst: „Zwischen denen geht doch was.“ Tatsächlich küsste Barât Doherty auch später einmal (auf die Wange) – allerdings anscheinend in einem unpassenden Moment, weil Doherty ihn wegstieß, sich aber beim Finale mit einem eigenen Schmatzer und einer besprungenen Umarmung revanchierte. Man wusste bei all dem nicht: War das nun echt oder Show? Das Schubsen eine Aufforderung, es nicht zu übertreiben mit der zur Schau gestellten Harmonie? Oder doch nur eine gestresste Kurzschlussreaktion?

Keine Frage: Mit Jeanswestentaschenpsychologie („Betrachten wir die Frage, ‚What Became Of The Likely Lads‘ und ‚Can’t Stand Me Now‘ doch mal unter Freud’schen und konfliktpsychologischen Gesichtspunkten.“) beim Anblick der Band hätte man sich den Abend versauen lassen können. Dann doch lieber vom Publikum anstecken lassen und die ganze Rutsche mitnehmen. Biere schmeißen und abbekommen, junge Damen auf die Schultern nehmen, hemmungslos mitgrölen, sich von betrunkenen Engländern umarmen lassen und den Moshpit nicht meiden sondern mitnehmen. Dann ahnte man auch ein wenig, wie sich „Up The Bracket“ und „What A Waster“ im Club angfühlt haben müssen. Einen Dämpfer gab es noch, als die „Time For Heroes“ jäh unterbrochen wurde, weil in den ersten Reihen ein paar Fans zu Boden gegangen waren und man aus Angst vor einer Panik den PA-Stecker zog. Doherty stapfte daraufhin wütend von der Bühne, Barât folgte, und Powell hielt mit „We Will Rock You“-Drumrhythmen die Crowd bei Laune. Als die Band erfuhr, warum man das Set unterbrochen hatte, spielte sie jedoch kommentarlos weiter.

„What A Waster“ und „I Get Along“ beschlossen die große, die vielleicht größte Stunde der Libertines, die sie mit vielen Umarmungen, Küssen und Verneigungen sichtlich bewegt beendeten, während die Fotografen auf der Bühne eifrig knippsten um weitere wilde, melancholische, zärtliche Bilder für die Fotogalerie zu schießen – für ein Album, das vielleicht – oder eben vielleicht noch nicht – geschlossen ist.

Hier die Tracklist des Libertines-Gigs auf dem Reading 2010:

„Horrorshow“
„The Delaney“
„Vertigo“
„Last Post On The Bugle“
„Tell The King“
„Boys In The Band“
„Music When The Lights Go Out“
„What Katie Did“
„What Became Of The Likely Lads“
„Can’t Stand Me Now“
„Death On The Stairs“
„The Ha Ha Wall“
„Don’t Look Back Into The Sun“
„Time For Heroes“
„The Good Old Days“
„Radio America“/“Up The Bracket“
„What A Waster“
„I Get Along“

Daniel Koch