ROLLING STONE-Ausgabe 07/2019 MIT EXKLUSIVER PHIL COLLINS 7-INCH SINGLE

Die meistüberschätzten Filme aller Zeiten: Unheimliche Begegnung der Dritten Art

ROLLING STONE präsentiert: Die meistenüberschätzten Filme aller Zeiten. In unserer Serie stellen wir Werke vor, die gut sind, aber nicht so gut, wie die meisten Kritiker finden („Fitzcarraldo“); Werke, die weniger klug sind als gedacht („Blade Runner“); sowie Werke, die einfach nur weh tun („True Romance“).

Unheimliche Begegnung der Dritten Art (Steven Spielberg, 1977)

In seinem bis heute vielleicht persönlichsten, aber auch unsympathischsten Film erzählt Steven Spielberg die Geschichte eines Süchtigen. Elektriker Neary (Richard Dreyfuss) hat eine Begegnung mit einem Ufo und ist seitdem angefixt. Er muss die fliegende Untertasse wiedersehen, er vernachlässigt die Familie und fertigt nach einer Vision einen riesigen Pappmache-Phallus im Hobbykeller an, eine Miniatur-Version des Devils Towers, ein von Indianern als Monument verehrter Berg. Der wiederum wurde, wie sich herausstellen wird, von den Außerirdischen zur Landeplattform auserkoren.

Neary macht sich auf den Weg, es gibt ein Empfangskomitee auf dem Plateau, und am Ende des Film steigt er in das Raumschiff zu den womöglich freundlichen Außerirdischen. Zuversichtlich lächelt Neary die schockierten Hinterbliebenen an, der Mann wird vielleicht nicht zurückkehren von seinem Raumtrip.

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Genauso wie er würden sich Menschen verhalten, die blind einer Religion verfallen. Der Film belohnt diese Blindheit. Neary bleibt eindimensional, weil er im Laufe seiner Reise keinen Zweifel erleben musste und die „Unheimliche Begegnung der Dritten Art“ von ihm nie hinterfragt wird.

Das egozentrische und unkritische Verhalten des abhängigen Neary hat dem jungen Steven Spielberg damals erstaunlich wenig Kritik eingebracht, auch wenn der Regisseur in Interviews um Tiefe bemüht gewesen ist, indem er von der Hauptfigur Parallelen zu sich selbst zog. Aber es ist nicht nur diese Sucht selbst, die dem Zuschauer bis zum Ende des Films unerklärlich bleibt. Zum ersten und vielleicht einzigen Mal erleidet Spielberg Schiffbruch im wichtigsten, letzten Akt. Das riesige Mutterschiff der kleinen UFOs sowie die erstmals zu sehenden Aliens lösen das Versprechen nicht ein, das der voran gegangene Spannungsaufbau vielleicht geleistet hat.

Das UFO ist keine Reise wert

1977 war ja nicht nur das Jahr von „Close Encounters“, es war auch das Jahr von „Star Wars“, und selbst in den B-Filmen des Sci-Fi-Genres der 1950er Jahre ist mehr passiert als hier. Aliens und Menschen boten im Kino damals schon erstaunliche Arten an Interaktionen, kriegerisch oder friedlich, hier bleibt es bei gegenseitiger Faszination in Starre, eine Faszination, die sich auf den Zuschauer nicht überträgt. Die Untertasse taucht über den Köpfen der Menschen auf, es blinkt und dreht sich wie ein Kettenkarussell. Die Außerirdischen steigen aus, holen Neary, und zu John Williams‘ Raumwalzer entschwebt das Ufo bis in den Abspann hinein durchs All. Ist das ein romantisches Ende? Möglicherweise. Hat das Ende den nötigen Punch? Wohl kaum. Von Jahr zu Jahr wirkt der Streifen sogar immer altmodischer.

Die Sache wurde auch nicht besser, als Steven Spielberg, der an verschiedenen Schnittfassungen gearbeitet hatte, die 1980 erschienene „Special Edition“ mit den Worten bewerben ließ: „Sehen Sie erstmals, was im Raumschiff passiert“. Wir sehen darin: ein blinkendes Straßensystem voller Mini-Raumschiffe, denen Roy Neary staunend gegenüber steht – zumindest solange bis er sich von einer Art Ufo-Staub berieseln lässt. Das Highlight einer interstellaren Reise? Dafür würde ich in kein Ufo des Universums steigen.

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