Neunte Kunst (19)

Die Welt von „Babylon Berlin“: Es wird Nacht im Berlin der wilden Zwanziger

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Die Welt von „Babylon Berlin“: Es wird Nacht im Berlin der wilden Zwanziger

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Die Goldenen 1920er: Eine Zeit, in der auf den ersten Blick alles möglich schien, sich ungeahnte Freiheiten gerade in den Großstädten entwickelten – und am Horizont schon die Wirtschaftskrise und der sich wie ein Schädling ausbreitende Faschismus lauerten. Zugleich ein Thema, das in Literatur, Comic und Film gerne auch provokativ zur Illustration für Krimis und Liebesgeschichten herhalten musste. Und Ausgangslage für die wohl aufwändigste deutsche Serie, die bisher in Deutschland produziert wurde: „Babylon Berlin“.

Während die Serie, die auf den Romanen um den Kriminalkommissar Gereon Rath des Autors Volker Kutscher basiert, zur Zeit noch bei Sky Ticket angeschaut werden kann (bevor sie im kommenden Jahr im Ersten läuft), wurde sicher bei vielen Zuschauern das Interesse an den kulturhistorischen Hintergründen des Settings (neu) geweckt.

Berlin als Nabel der Welt

Passend dazu erscheint nun mit „Es wird Nacht im Berlin der wilden Zwanziger“ (TASCHEN, 49.99 Euro) von Schriftsteller Boris Pofalla („Low“) und Illustrator Robert Nippoldt („Jazz: New York In The Roaring Twenties“) der perfekte Begleiter, um die Rasanz und das Chaos dieser Zeit am Beispiel Berlins in den 20er-Jahren noch einmal Revue passieren zu lassen. Die Lichter der Großstadt schimmern über den Hinterhöfen und Cabaret-Theatern, durch die Straßen jagen die Zeitungsverkäufer und bedienen die Bohemiens und Intellektuellen, die sich in scharen dort niederlassen. Und an jeder Ecke scheint sich jemand eine Zigarre anzuzünden. Natürlich, wie könnte das vergessen werden, auch ein Sündenbabel mit Prostituierten, Drogendealern und echten Politgangstern.

In fotorealistischen Zeichnungen holt Nippoldt die allseits bekannten visuellen Erregungspotentiale aufs Papier. Und Pofalla skizziert die Lebenslinien der wichtigsten Protagonisten dieser erstaunlichen Zeit, die es sich irgendwann selbst mit sich verscherzte. Diva Josephine Baker, Revuekönig James Klein, Boxlegende Max Schmeling, Impressario Max Reinhardt, Maschinenfrau Brigitte Helm und der Einstein des Sex, Dr. Magnus Hirschfeld: Sie alle erhalten auf das Wesentliche reduzierte Groß-Porträts, die wie Negative großer Ikonen-Fotografien daherkommen. Ein wenig fallen Pofallas Biographieskizzen dagegen ab, wirken sie doch zuweilen eher wie Archiv-Kleinarbeit ohne Blick auf das große Ganze. Jede beschriebene Gestalt wird zudem vermessen (Größe, Jahre in Berlin, Anzahl der Ehen und der Kinder) und in Verbindung gesetzt zu all den anderen Szenegrößen. Hübsch: Zu jedem erwähnten Namen gibt es das Miniatur-Ikonenbild dazu, was den graphischen Mehrwert des unterhaltsamen Coffee Table Book enorm erhöht. Aber eben auch sichtbar macht, dass all das eben längst zur Karikatur geworden ist. Vergangenheit, die von den Künsten wiederbelebt werden muss.

Wiederbelebung statt Rekonstruktion

Es geht hier eben weniger um historische Genauigkeit oder um eine Neubewertung der Goldenen Zwanziger mit all ihren kaum zu verbergenden Ambivalenzen, sondern um eine Beschwörung der auch 100 Jahre danach noch erheiterten und angetrunkenen Gespenster dieser Zeit. Dazu gehören auch Filmplakate, modische Accessoires, architektonische Großtaten, der neugierige Blick ins erotische Berliner Nachtleben und überhaupt die Suche nach jenen Pulszentren der sich gerade erst entwickelnden Metropole.

Natürlich ist all das auch ein gemischtes Vergnügen, weil die akribische Instandsetzung dieses Mythos‘ eben die Faszination für diese Epoche ungefiltert glühen lässt. Sie hat ja auch ein attraktives Antlitz und wirkt verdammt vergnügungssüchtig. Aber wie ist sie nun im Vergleich zum heutigen Berlin zu sehen, das ja längst wieder Anlaufpunkt für all die Klugen und Kreativen und Schönen dieser Welt geworden ist?

Darüber schweigt sich dieses allerdings sündhaft schön gestaltete Werk aus (wie ja auch „Babylon Berlin“ mit seinen kostspieligen Dekors und raffinierten Schauwerten wenig Interesse für politische Akzente und Gegenwartsspiegelei zeigt). Für den eleganten Zeitsprung in die roaring twenties ist dem Buch zusätzlich eine CD mit Gassenhauern dieser Jahre beigelegt.

Am 14. Dezember wird die Veröffentlichung von „Es wird Nacht im Berlin der wilden Zwanziger“ mit einer Vernissage im TASCHEN-Store in der Hauptstadt (Schlüterstr. 39, 10629 Berlin) gewürdigt (19-22 Uhr). ROLLING-STONE-Leser sind eingeladen und können sich von Zeichner Robert Nippoldt und Autor Boris Pofalla vor Ort die wichtigsten Schauplätze, die großen Berliner Bühnen und bekannte Figuren wie Lotte Reiniger, Christopher Isherwood, Albert Einstein, Kurt Weill, Marlene Dietrich und George Grosz vorstellen lassen.

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