„Ich bin so kurz davor, den Verstand zu verlieren“: Drangsal spricht zum ersten Mal über sein literarisches Debüt


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„Ich weiß doch gar nicht, wer ich bin“, singt Drangsal auf „Exit Strategy“, seinem aktuellen Album. Als wollte er diesem Sentiment noch Gewicht verleihen, hat er ein Buch geschrieben, eine fragmentierte Textsammlung namens „Doch“, in der er seine wackelige Identifikation mit sich selbst in schöne, unheimliche, abseitige Poesie verwandelt, in Erzählungen und autobiografische Stücke. Hier spricht er zum ersten Mal über das gerade angekündigte Buch, das am 10. März im Ullstein Verlag erscheinen wird.

 

Auf dem Cover deines Buches ist die Zeichnung eines Hundes, dessen Schnauze mit Blumenranken zugeschnürt ist. Speichel läuft ihm aus dem Maul. In Großbuchstaben steht darüber: „DRANGSAL DOCH“.

Ich hab das Gefühl, meine Plattencover sind immer so überkandidelt, dass es schlau ist, bei einem Buch das genaue Gegenteil zu machen. Sich nicht als Teufel verkleiden. Sondern alles ernst und reduziert zu halten. Das Werk für sich sprechen lassen. Um eine gewisse Ernsthaftigkeit zu verlangen, mit der man meiner Musik nicht immer begegnet. Ich werde ja immer gefragt, ob ich das ernst meine. Ob das irgendein kruder Scherz sei, oder ganz schlimmes Augenzwinkern. Aber nee.  

 

Du veröffentlichst das Buch als Drangsal, nicht als Max Gruber.

Es verkauft einfach mehr Bücher, wenn da Drangsal steht. Das ist der Grund. Frag mich mal, warum ich angefangen hab, das Buch zu schreiben.  

 

Ja?

Weil ich gefragt wurde von einem Verlag, und der mir Geld geboten hat. There‘s no magic to it. Es ist nicht der erste Verlag, der auf mich zugekommen ist. Aber das erste Mal, dass man mir Freiraum gegeben hat, rauszufinden, was ich schreiben will, und mir nicht gesagt hat, was ich schreiben soll. Ich bin so kurz davor, den Verstand zu verlieren. Und das einzufangen, macht Spaß. Aber ich kann nicht einschätzen, ob das gut oder schlecht ist. 

 

Deine Texte haben häufig surreale Elemente, beginnen in der Realität und kippen dann ins Unheimliche. 

Mich interessieren die Punkte, an denen man sich unbeobachtet fühlt. Die nur einem selber gehören. Zum Beispiel: Ich find Spucke aus irgendeinem Grund super eklig. Spucke seh ich überall, in Berlin spucken alle auf die Straße, überall sind so kleine Spuckepfützen. Und da hab ich mir vorgestellt  Ich dusch so gern. Ich liebe heiß duschen. Dann hab ich mir vorgestellt, wie es wäre, wenn mir selbst diese Freude genommen werden würde. Ich hab mir vorgestellt, dass irgendwann die Kids so viel auf die Straße spucken, dass es ins Grundwasser sickert und es allmählich ersetzt. Dass alles nur noch Spucke ist und auch aus dem Duschkopf nur noch sähmige Spucke rausflatscht und diese Rotze über meinen Körper läuft. Das hab ich aufgeschrieben. Ich schreib oft Sachen, bei denen ich erst danach verstehe, warum ich sie geschrieben habe. 

 

Verstehst du etwas über dich selbst, wenn du deine Texte mit etwas Abstand noch einmal liest?

Ich bin extrem nervös und paranoid geworden, das merke ich in diesen Texten. Das war bei meinem letzten Album auch so: Flucht, Unzufriedenheit mit dem Ich, der Wunsch, aus mir selbst ausziehen zu können. Es reicht. Ich war immer so forsch und laut und extrovertiert und aufmerksamkeitsgeil, und jetzt bin ich ganz gefangen in diesem Dasein. Ich kann ja nicht einfach aufhören.  

 

Warum nicht?

Ich muss ja weiter Geld verdienen. Ich kann ja nicht sagen, morgen kündige ich bei Drangsal, und fang woanders an. Ich bin das jetzt für immer. 

 

Du schreibst sehr genau über deine Familie, und besonders schön über deinen Vater. Einen sehr speziellen Charakter, einen hypermaskulinen Trucker, der alle möglichen Dinge sammelt und anzündet, einen Typen, der eine Männlichkeit verkörpert, die dich zugleich abzustoßen und anzuziehen scheint.

Mein Vater hat körperlich so viel Kraft, er ist so ein Ex-Schlägertyp, die haben bis zum Ende ihres Lebens diese Grundpower. Er ist riesengroß, hat dicke Arme. Er kommt mir vor wie mein Bodyguard. Er macht sich immer Sorgen. Er denkt immer, ich kann mich nicht beschützen. 

 

Wie fühlt es sich an, über ihn zu schreiben? 

Ich find es sau painful. Ich frage mich immer: Ist das okay, das alles aufzuschreiben? Meine Mutter hat den Text über ihn gelesen. Sie sagt, dass es ja stimmt, und dass es deswegen okay ist. Je älter ich werde, desto weniger will ich mit meiner Familie zu tun haben. Es klingt voll schlimm, aber ich halte es immer weniger aus. Alles über vier Tage zuhause macht mich fertig. 

 

Du hast sehr verschiedene Texte geschrieben: Erzählungen, Gedichte, autobiografische Stücke.

Es ist natürlich auch aus Selbstschutz so fragmentiert. Man macht es sich einfacher damit. Aber das steht mir auch zu beim ersten Buch. Stell dir vor, ich hätte so einen Shitroman abgeliefert. Das wär ja die Hölle. Welche Musiker:innen haben einen geilen Roman geschrieben? Thees Uhlmann! Sein Buch ist gut. Vielleicht brauche ich einfach eine Idee.  

 

Für einen Roman?

Es wird wohl immer um Flucht gehen. Verkleidung ist ja auch nur Flucht. Betrug. Everybody‘s anxious all the time. Liegt‘s an der Welt, in der wir leben? 

 

Sie hilft jedenfalls nicht.

Karg. Guck dir die Scheißstadt an, wie soll man da etwas Heiteres schreiben? Oder fühlen? Weißt du noch früher, in der Schule, da gab es eine Zeit lang diese Radiergummis, die auch Knetmasse waren, und die waren immer grau, dunkelgrau, so Anthrazit, und nach einer Weile hatte sich der ganze Dreck darin verfangen, und dann war es ein Stück Knete, das so ganz behäbig war, und sich überhaupt nicht mehr hat umformen lassen, wie sanftes Gummi, mit ganz viel Dreck, und so ist Berlin. Da fällt mir nichts Lustiges ein. 

 

Wem hast du deine Texte gezeigt?

Ich hab sie nur ein paar wenigen Leuten geschickt. Dem Sascha Ehlert von Das Wetter, weil er selber Verleger ist. Ich hab sie auch dem Max Rieger geschickt, weil ich weiß, dass er sehr belesen ist. Er hat sie aber nicht gelesen. 

 

Liest du viel?

Kürzlich hab ich angefangen, Christian Kracht zu lesen. Weil „Eurotrash“ rauskam, und man es nicht versteht, wenn man „Faserland“ nicht gelesen hat. Und dann hab ich die beiden und „1979“ in einem Zug gelesen, und ich fand vor allem „1979“ saukrass. Wie kurz es ist, wie viel passiert, und wie krass die Welt ist. Ich hab halt super viele Musikerautobiografien gelesen. Alle Bücher, die Morrissey immer so zitiert hat, „A Taste of Honey“ von Shelagh Delaney, „The Importance of Being Earnest“ von Oscar Wilde. Und jetzt bin ich 28 und hab immer noch dieses dumme „Viva Hate“-Tattoo auf der Brust. Pech. 

„Doch“ erscheint am 10. März im Ullstein Verlag