Drogenstaat Afghanistan – Wie Heroin ein Land regiert


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„Bevor die Amerikaner kamen, wurde die ganze Gegend von den Taliban kontrolliert“, berichtet Hekmat. Er lächelt wehmütig. „Es war wunderbar, als die Marines noch hier waren.“ Denn die Amerikaner hatten sich großzügig gezeigt: Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Bauaufträge für die Einheimischen – allerdings auch Aufrüstung einer lokalen Anti-Taliban-Miliz, die Kindersoldaten beschäftigt und von den Opiumbauern Abgaben verlangt. Wir passieren ein planiertes Stück Brachland, auf dem sich der Stützpunkt der Marines befand. „Aber jetzt sind sie alle weg.“ Dank eines gewaltigen Bewässerungsprojekts, das 1946 begann und von der amerikanischen Entwicklungshilfebehörde USAID unterstützt wurde, um dem Einfluss der Sowjetunion entgegenzuwirken, wurde der ursprünglich öde Wüstenstreifen westlich des Helmand in Ackerland umgewandelt. Von überall im Land wurden Nomadenstämme hierher umgesiedelt, und auf den fruchtbaren Feldern gediehen Getreide, Melonen, Granatäpfel und – mit Beginn des Krieges vor 40 Jahren – Schlafmohn. Wir biegen auf eine Schotterpiste ein, die sich zwischen hohen Lehmmauern hindurchschlängelt, die hier jedes Familienanwesen umgeben, und halten schließlich vor einem der Häuser. Hekmats Onkel väterlicherseits, Mirza Khan, der das typische lange Gewand und einen sauber gestutzten Bart trägt, heißt uns herzlich willkommen. Hinter ihm befindet sich ein Feld mit stumpfgrünen Mohnpflanzen, das Resultat aus den winzigen schwarzen Samen, die er und seine Familie im November gesät haben. „Ich baue schon seit der Zeit der kommunistischen Revolution Mohn an“, bekennt er. Mirza Khans Sohn steht inmitten der brusthohen Stängel, in der Hand ein Schneidwerkzeug zum Anritzen der unreifen Samenkapseln: ein sichelförmiges Stück Holz mit vier schmalen Klingen an der Spitze. Das Anritzen der Kapseln ist eine harte und schwierige Arbeit: Er geht von einer zur nächsten, umfasst sie mit der linken Hand und zieht mit der rechten die Klingen diagonal über die Schale. „Man darf nicht zu tief einschneiden, sonst trocknet die Pflanze aus“, erklärt er mir, während seine Hände geschickt die Opiumgehäuse ritzen. Sie werden nachmittags angeritzt, sodass über Nacht der milchige Saft austreten kann, der eindickt und durch Oxidation eine dunkelbraune Farbe annimmt. Am Morgen gehen die Nishtgar dann von Kapsel zu Kapsel, kratzen mit einer flachen Klinge das klebrige Harz weg und streifen es an der Öffnung einer Blechbüchse, die ihnen um den Hals hängt, ab. Fünfzehn Arbeiter können innerhalb einer Woche einen Hektar Schlafmohnpflanzen abernten. Wenn man bedenkt, dass allein in Helmand mindestens 1.000 Quadratkilometer Fläche bewirtschaftet werden, bekommt man eine Ahnung davon, wie gewaltig die Menge an Arbeitskräften ist, die zur Ernte mobilisiert werden muss. Auf einem 12.000 Quadratmeter großen Feld finden wir ein halbes Dutzend Männer bei der Arbeit, beaufsichtigt von einem gebeugten, weißbärtigen, alten Bauern namens Haji Abdullah Jan. Warum hat er keine Angst, verhaftet zu werden – in einem Gebiet wie Mardscha, das unter Kontrolle der Regierung steht? „Die hat momentan wirklich andere Sorgen“, erklärt er und meint damit die Präsidentschaftswahlen, die vergangenes Frühjahr stattfanden. „Und außerdem sind viele Regierungsvertreter korrupt.“ Laut Abdullah Jan und den anderen Bauern zahlen sie an die örtliche Polizei rund zehn Dollar Schmiergeld je tausend Quadratmeter. „Nächstes Jahr pflanze ich doppelt so viel an“, sagt er mit zufriedenem Blick auf sein Feld. Dank des vielen Geldes, das die Amerikaner in die örtliche Wirtschaft pumpten, und dank ihrer Anstrengungen zur Vernichtung der Mohnfelder war Mardscha nach der Ankunft der US-Marines bald weitestgehend frei von Schlafmohn. Jetzt, wo die Unterstützung aus dem Ausland versiegt und das Interesse der Regierung an der Bestrafung entsprechend abgeflaut ist, folgen Bauern wie Mirza Khan und Abdullah Jan der Logik des Marktes: Die Getreidepreise sind zu niedrig, als dass der Anbau profitabel wäre, also wurde dieses Jahr überall in Mardscha Mohn angebaut. Zurück im Haus von Hekmats Familie. Ob sie uns die Ernte zeigen wollen, die er bisher eingefahren hat? Er kehrt mit einem Kunstlederbeutel von der Größe eines Fußballs zurück und hievt ihn auf den Teppich. Er löst ein dickes Gummiband, und ein saurer, pflanzlicher Geruch erfüllt das Zimmer. In der Tasche befindet sich ein Klumpen Rohopium, das die kräftige braune Farbe und die feuchte Textur zerstampfter Feigen hat. Es sind etwa fünf Kilo, die Ernte von rund 4.000 Quadratmetern. „Ich hatte Glück“, sagt er. „Ich könnte 60.000 Kaldar dafür bekommen.“ Das sind rund 600 Dollar. „Wissen Sie, wie viel das auf den Straßen von London und Berlin wert ist?“ Er zuckt mit den Schultern. Aus fünf Kilo Opium kann etwa ein halbes Kilo Heroin gewonnen werden. Verschneidet man es zu einem Reinheitsgrad von 30 Prozent und verkauft es grammweise, dann macht das 1,4 Kilo zu 100 Dollar das Gramm. „Was Sie hier haben, ist über 150.000 Dollar wert.“ Das ist ein Gewinn von 25.000 Prozent. Wir starren einander einen Augenblick lang an, und Mirza Khan lacht in sich hinein. Fassungslos schüttelt er den Kopf. Ein Vermögen von mehr als 150.000 Dollar auf dem Fußboden eines Mannes, der weder fließend Wasser noch Strom noch Möbel hat. Vom Feld der Bauern reist das afghanische Opium durch die weltumspannenden Netzwerke von Drogenhändlern, korrupten Beamten und mächtigen militanten Gruppierungen. Auf dem Weg der Droge von Abdullah Jan zum Junkie macht zweifellos irgendjemand ein Mordsgeschäft. Zurück in der Provinzhauptstadt Lashkar Gah, treffen wir einen Drogenschmuggler zum Interview. Er besteht auf einem Treffen an einem neutralen Ort; in der Stadt scheint zwar alles friedlich, aber die Gefahren lauern hinter der Fassade – sowohl in Form von internen Auseinandersetzungen der Drogenmafia als auch durch die Taliban. In einem kleinen Teehaus in einer ruhigen Seitenstraße werden wir in ein enges Hinterzimmer geführt, Wände und Teppiche wetteifern darum, wer schmutziger ist. Hier treffen wir Sami (Name geändert), einen gedrungenen Mann mittleren Alters mit Baseballkappe und Bart. Er erzählt, dass er aus dem Distrikt Garmsir an der Grenze zu Pakis-tan stammt. Bei Ausbruch des Krieges mit der Sowjetunion floh er, wie Millionen anderer afghanischer Flüchtlinge auch, aus dem Land. Er wuchs in einem Lager in der Nähe der pakistanischen Grenzstadt Chagai auf. Nach der elften Klasse begann er als Fahrer zu arbeiten und schmuggelte auf der Route von Garmsir nach Chagai Opium durch die menschenleere Einöde. „Es gibt mehr als hundert Strecken durch die Wüste“, erklärt er. „Die Polizei hat nur an einer einzigen Straße Checkpoints.“ Durch Afghanistans Grenzen sickert der Rohstoff für das Heroin wie durch ein Sieb in die fünf Nachbarstaaten. In den vergangenen Jahren hat die nördliche Route über Tadschikistan nach Russland und Europa an Bedeutung gewonnen, aber über die Südroute durch Belutschistan verlässt immer noch die größte Menge der Droge das Land. Von dort wird sie in den Iran geschmuggelt, dann weiter über den Balkan, den Persischen Golf und Afrika. Das Gros geht nach Westeuropa. Das Grenzgebiet von Belutschistan zwischen Afghanistan, Pakistan und dem Iran ist eine der am schwersten zugänglichen Regionen der Welt. Ein 500.000 Quadratkilometer großer rechtsfreier Raum. Wüste und Dünen, unterbrochen nur von spitzen Granitklippen. Die Stämme der Belutschen und Paschtunen, die hier leben und das Gebiet kontrollieren, sind schwerbewaffnet und seit Jahrhunderten im Schmuggelgeschäft. Einige kooperieren zumindest nominell mit der Regierung, während andere enge Verbindungen  zu einem unübersichtlichen Wirrwarr von Aufständischen pflegen: säkularen Gruppen, die für die Unabhängigkeit Belutschistans von Pakistan kämpfen, antiiranischen Sunniten und einer breit gefächerten Palette militanter Islamisten inklusive der Taliban. Ein Ort wie geschaffen für illegale Geschäfte. Der Mittelpunkt dieser Gegend ist Baramcha, ein Schmuggeldrehkreuz auf der afghanischen Seite der Grenze in den Chagai-Bergen, 240 Kilometer südlich der Provinzhauptstadt und seit 2001 nicht mehr unter der Kontrolle der Regierung. Es ist eine Art Verschiebebahnhof für einen großen Teil des Opiumhandels. Die Ernte von Bauern wie Mirza Khan wird erst von örtlichen Händlern zu größeren Lieferungen – zwischen ein paar Hundert Kilo und mehreren Tonnen – zusammengefasst und nach Baramcha verfrachtet, wo sie dann von pakistanischen und iranischen Schmugglern aufgekauft werden, die sie über die Grenze bringen. Die großen Deals werden zwischen Vertrauenspersonen abgeschlossen, wobei das Geld mittels eines informellen Überweisungssystems namens Hawala transferiert wird, das weltweit auch eine entscheidende Rolle bei der Geldwäsche spielt. Wer den Hawaladar bezahlt, bekommt im Gegenzug eine Telefonnummer und einen Code, mit denen man sich bei einem korrespondierenden Hawaladar in einem anderen Land oder auf einem anderen Kontinent authentifiziert, wo einer anderen Person das Geld ausgezahlt wird. Die Verpflichtungen werden im Nachhinein beglichen. Baramcha wird von den Taliban und einigen mächtigen Schmugglerclans kontrolliert. Haji Juma Khan, ein Drogenbaron, der 2008 von Agenten der US-Drogenfahndung, DEA, in Jakarta festgenommen wurde, spielt dabei eine herausragende Rolle. Heute führt sein Verwandter Haji Sharafuddin den Vorsitz über die Schmuggler der Stadt, während die Taliban für ihre Sicherheit sorgen. „Die Taliban unterhalten dort ein Gericht, um die Probleme der Bevölkerung zu regeln“, erklärt Sami. „Die Sicherheitssituation ist gut.“ Früher war Baramcha nur eine Ansammlung von mit Lehmmauern umgebenen Kleinbauernhöfen, aber inzwischen sieht man dort nagelneue Land Cruiser vor Betonvillen – und das trotz sporadischer Angriffe und Luftschläge von amerikanischen und afghanischen Truppen. Diese Gegend ist so abgelegen, dass die Amerikaner ihre Hubschrauber auf dem Weg dorthin mittels Treibstoffcontainern, die sie mit Fallschirmen aus Frachtmaschinen über der Wüste abwerfen, neu betanken müssen. „Es gibt dort ein Stadtviertel, das wir ‚Haji JMK Village‘ nannten“, erzählt ein Soldat der afghanischen Eliteeinheiten, der dort mehrmals gemeinsam mit Marines und britischen Special Forces an Angriffen teilgenommen hat. „Es sieht aus, als hätte man Sherpur in die Wüste verlegt“, vergleicht er den Stadtteil mit jener Wohngegend in Kabul, die für die „Mohn-Paläste“ berüchtigt ist, die sich die Warlords des Landes dort errichtet haben. „Es gab da alles, was das Herz begehrt: Generatoren, Elektrogeräte, schicke Autos … Wir haben uns immer Eis aus den Kühlschränken geklaut.“