Drogenstaat Afghanistan – Wie Heroin ein Land regiert


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Lal wurde zurück nach Kabul geflogen. „Es kostete einiges an Überzeugungsarbeit, Präsident Karzai dazu zu bewegen, Lal Jan vor Gericht zu bringen“, sagt der hochrangige westliche Mitarbeiter der Drogenbekämpfung. „Weesa und eine Reihe Stammes-ältester setzten sich für Lal Jan ein.“ (Weesa beharrt darauf, dass Lal Jans Fall ausschließlich vor Gericht verhandelt wurde, und verweigert im Übrigen jeden Kommentar.) Lal Jan wurde an die Criminal Jus-tice Task Force überstellt, eine von den USA und der Koalition finanzierte Abteilung mit einem Team von Strafverfolgungsspezialisten, Anklägern, Richtern sowie eigenem Gericht und Gefängnis. Innerhalb eines gesicherten Geländes unweit des Flughafens von Kabul stationiert, gilt sie als vor politischem Druck und Sicherheitsrisiken gefeit, aber Lal Jans Einfluss bekam sie dennoch zu spüren. Laut offiziellen Quellen gelang es einer Gruppe von Männern, in die gesicherte Anlage einzudringen und einem der Ankläger einen Deal anzubieten: Würde er Lal Jan freilassen, würden sie sein Körpergewicht mit Hundert-Dollar-Bündeln aufwiegen. Der Ankläger ließ die Männer vom Gelände entfernen. Die Ermittler waren von dem Vorfall geschockt, obwohl sie, wenn sie mächtige Männer festnehmen, von diesen immer wieder direkt oder indirekt bedroht werden. „Ich frage mich jeden Tag, ob ich lebend nach Hause zurückkehren und meine Familie wiedersehen werde“, sagt einer von ihnen. In der Verhandlung wurde Jan Lal des Drogenhandels für schuldig befunden und zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt. Seine Inhaftierung wurde als Beispiel für den Erfolg des amerikanischen Programms zur Drogenbekämpfung und als Beweis dafür hingestellt, dass die afghanische Regierung gewillt ist, Schritte zu unternehmen, um dem Drogenhandel Einhalt zu gebieten. „Als Karzai 2013 in den USA zu Besuch war, wurde der Fall vom Weißen Haus als eine der größten Errungenschaften im Kampf gegen den Opiumhandel präsentiert“, sagt der ehemalige Mitarbeiter des Justizministeriums. Als er darauf zu sprechen kommt, wie verfrüht ihr Optimismus war, muss er lachen. Was laut offiziellen afghanischen und amerikanischen Quellen als Nächstes geschah, verdeutlicht, wie sehr das Drogengeld die höchsten Ebenen des afghanischen Justiz- und Strafverfolgungswesens durchdrungen hat. Nachdem er vor dem Obersten Gerichtshof Berufung eingelegt hatte, wurde Jan Lals Strafe auf fünfzehn Jahre herabgesetzt. Auf Anweisung aus dem Präsidentenpalast verlegte man ihn nach Kandahar, wo ein örtliches Gericht am 4. Juni verfügte, Lal Jan freizulassen – dabei berief es sich auf eine Verordnung im veralteten afghanischen Strafgesetz, nach der ein verurteilter Täter mit einer Strafe unter fünfzehn Jahren wegen „guter Führung“ entlassen werden kann. Jan Lal setzte sich umgehend nach Pakistan ab. „Daraufhin erließ der Präsident den Befehl, ihn erneut festzunehmen“, erzählt der ehemalige Mitarbeiter des Justizministeriums kopfschüttelnd. Wenn man das afghanische Regime als Drogenstaat begreift, dann ergibt es Sinn, dass die Opiumproduktion sogar noch gestiegen ist, obwohl die USA Milliarden Dollar für die Drogenbekämpfung ausgegeben und das Truppenkontingent deutlich aufgestockt haben. Ein vollständig gescheiterter Staat – und das war Afghanistan im Jahr 2001 – kann aus dem Drogenhandel keine nennenswerten Gewinne erzielen. Schmuggler haben keinen Grund, eine zahnlose Regierung oder eine kaum existente Polizei zu schmieren. In so einem anarchistischen Paradies sind unabhängige „Unternehmer“ wie der Heroinkoch Saleem diejenigen, deren Geschäft floriert. Wenn die Regierung allerdings eigene Kapazitäten aufbaut, können ihre Vertreter einen Anteil fordern. Es ist nicht so, als gäbe es im Herzen der Regierung und der Verwaltung ein großes Komplott. Aber wenn ihre Vertreter nicht zur Rechenschaft gezogen werden können und das Gesetz nicht greift, werden sie sich eben an einer einflussreichen politischen Ökonomie orientieren: Mächtige Drogenbarone mit Regierungskontakten übernehmen den Drogenhandel. Wer nicht zahlt oder sich mit Regierungsvertretern überwirft, läuft Gefahr, getötet oder inhaftiert zu werden. In diesem Licht betrachtet tragen perverserweise ausgerechnet das amerikanische Programm zur Drogenbekämpfung – das bis dato fast acht Milliarden Dollar gekostet hat – und das afghanische Projekt zum Staatsaufbau zur zunehmenden Verwicklung der Regierung in den Drogenhandel bei. Selbst innerhalb der neu aufgebauten afghanischen Luftwaffe ermittelte das US-Militär wegen des Verdachts der Beteiligung am Drogenschmuggel. Vielerorts führte die Truppenaufstockung dazu, dass die Opiumeinnahmen den Taliban entrissen wurden und an Regierungsvertreter übergingen. Im Distrikt Garmsir in Helmand beispielsweise, wo einige der wichtigsten Schmuggelrouten zwischen dem Rest der Provinz und Baramcha zusammenlaufen, vertrieb eine Großoffensive der Marines die Taliban und gab den Distrikt zurück in die Hände der afghanischen Regierung. Das Ergebnis? Die Polizei begann Zölle auf die Drogenrouten zu erheben. „Da gibt es einflussreiche Familien, die den Drogenhandel in bester Mafiatradition unter sich aufteilen, und wenn ein Außenstehender da-ran mitverdienen will, dann liefern sie ihn aus, was dann als Erfolg im Kampf gegen den Drogenhandel dargestellt wird“, erzählt ein Vertreter des westlichen Bündnisses, der in Garmsir gearbeitet hat. Natürlich leidet auch die afghanische Bevölkerung darunter, dass das Land zum größten Opiumproduzenten der Welt aufgestiegen ist. Die Zahl der Heroinabhängigen – die in Afghanistan traditionell immer niedrig war – hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt. In Lashkar Gah kann man einen Schuss Heroin für rund einen Dollar kaufen. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind zwischen einer und anderthalb Millionen Afghanen, also etwa fünf Prozent der Gesamtbevölkerung, drogenabhängig. Das ist das Doppelte des weltweiten Durchschnitts. Die US-Regierung räumt inzwischen ein, dass es keine schnelle Lösung für das drängende Problem gibt. „Die amerikanischen Dienste und Behörden entwickeln in enger Abstimmung eine optimierte Strategie zur Drogenbekämpfung in Afghanistan“, sagt Jen Psaki, die Sprecherin des US-Außenministeriums. „Es gibt langfristig angelegte Bemühungen, die Opiumproduktion dauerhaft zu drosseln.“ Das klingt so vage, wie der Kampf gegen den Drogenhandel ineffektiv bleibt.