Ein Treffen mit Regina Spektor. Neues Album im Stream!


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Sie thront auf grünem Samt. Draußen brummt die Stadt vor sich hin. Die Stadt, in der man Regina Spektors Musik wohl am besten versteht: New York. Ein goldener Stuhl steht am Fenster der eleganten Suite. Manchmal äugt Regina verstohlen zu ihm hinüber, als ob sie viel lieber ihm Gesellschaft leisten würde. Auf der Suche nach Inspiration? „Es gibt Momente, da fürchte ich, alle Melodien verbraucht zu haben“, wird sie später zugeben. 

In die amerikanische Metropole kam die kleine Regina Ilyinichna im Alter von neun Jahren, sie sprach kein Wort Englisch, und ihr geliebtes Piano hatte sie zu Hause in Moskau zurücklassen müssen. Russische Emigranten, die in eine scheinbar bessere Welt kommen, sind keine Seltenheit – und oft sind die Einwanderer, zumal mit der gnadenlosen russischen Disziplin im Rücken, auch talentiert und ehrgeizig. Regina Spektor ist allerdings sogar unter ihnen eine Ausnahmeerscheinung.

Kindfrau Spektor (man mag nicht recht glauben, dass sie mittlerweile 32 Jahre alt ist) besitzt eine wunderbare Gabe – sie kann wie kaum eine andere Sängerin mit ihrer Stimme Bilder erzeugen. In „Small Town Moon“ singt sie nicht einfach vom Mond – sie heult ihn regelrecht an. In „Open“ erinnert sie an ein reines Mädchen, das im weißen Spitzenkleidchen „Ave Maria“ für die Kirchengemeinde vorträgt. Aber Spektor wäre nicht Spektor, wenn sie nicht genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet, bewusst die scheinbare Idylle bräche und das Mädchen an einem Asthmaanfall ersticken ließe.

Regina Spektor setzt sich keine Grenzen und zeigt sich furchtlos; zum Beispiel, wenn sie in „Oh Marcello“ den Klassiker „Don’t Let Me Be Misunderstood“ mühelos in ihre eigene Songstruktur einbettet. „Don’t Leave Me (Ne Me Quitte Pas)“ ist nicht etwa ein Jacques-Brel-Cover, sondern eine Art avantgardistischer Sommerhit auf der Kippe zur Parodie.

Schwer zu fassen ist sie. Manchmal umgibt sie eine seltsame Ruhe und Melancholie, sie schweift ab, verliert den Faden. Dann wieder springt sie auf, rennt zur Heizung, ruft: „Mir ist kalt!“, wirft aber gleichzeitig verwirrt ihre Jacke ab. Perfektionistisch korrigiert sie ihr Englisch, obwohl es absolut tadellos ist; wenn überhaupt, erinnert ein minimaler Anflug eines Akzents an ihre längst vergangene Kindheit.

Als das Lied „Ballad Of A Politician“ vorgestellt wird, heulen in den Straßen bedrohlich die Polizeisirenen. Es ist ein zynisches Lied über die dunklen Seiten machtbesessener Politiker. Einzig Barack Obama stimmt die Künstlerin noch hoffnungsvoll. „Er ist das positive Beispiel! Seine Wahl gab mir so viel Mut und Kraft; und wehe, er wird nicht wiedergewählt!“ Zwei Mal durfte die Künstlerin für den Präsidenten singen, einmal bei einer Gala im Lincoln Center und einmal im Weißen Haus bei einer Festivität zu Ehren jüdischer Kunstschaffender. „Es war eine wunderbare, sehr emotionale Erfahrung; meine ganze Familie war dabei. Weil ich so nervös war, habe ich den Auftritt total vermasselt, aber das war egal – für uns als immigrierte Flüchtlinge hat sich an diesem Tag der Kreis geschlossen.“ Sie hat Tränen in den Augen, lacht aber gleichzeitig schrill wie ein Kind. „Ist es unhöflich, wenn ich meine Beine auf den Tisch lege?“ Regina, wer bist du nur? Ein Schmetterling?

Tatsächlich hat die Sängerin eine Zeit lang auf einer Schmetterlingsfarm gearbeitet. „Wir sind wirklich mit Netzen durch die Felder gelaufen und haben die Schmetterlinge eingefangen. Wir haben Larven gefüttert und dann an botanische Gärten verschickt.“ Ihr großer Mund formt sich wieder zu diesem entwaffnenden Lachen, und plötzlich ist sie ganz wach und erzählt geschlagene zehn Minuten lang von Larven und Raupen und Schmetterlingen mit Streifen. Man wagt nicht, sie zu unterbrechen. „Außerdem habe ich als Assistentin eines Privatdetektivs gearbeitet – aber davon darf ich nichts erzählen: Schweigepflicht!“

Der Titel ihres sechsten Studioalbums, „What We Saw From The Cheap Seats“, könnte eine Anspielung auf Regina Spektors Ausflug in eine neue musikalische Welt sein. Seit ihrer letzten Veröffentlichung 2008 hat sich die ausgebildete Pianistin den großen Showbühnen gewidmet – aber nicht etwa mit ihrer Singer/Songwriter-Musik: Sie wurde als Broadway-Komponistin für das Musical „Sleeping Beauty“ engagiert, basierend auf der Legende von Schneewittchen. Haut weiß wie Schnee, Lippen rot wie Blut, Haar schwarz wie Ebenholz? Bald vier Jahre arbeitet sie schon mit einem großen Team von Musical-Profis an diesem Werk. „Es ist eine bereichernde Erfahrung, aber ich hatte ja keine Ahnung, wie lange so etwas dauert! Ich denke, wir können mit der Premiere für 2022 rechnen!“, scherzt sie.

Tom Petty, Vater ihrer besten Freundin Adria Petty, bekam Reginas neues Material als Erster zu hören: Ihre Arbeit hat überzeugt. Es scheint also alles wunderbar zu laufen in Regina Spektors Leben. Nur eine Frage bleibt offen – ein Stück wie der triefend traurige Trennungssong „How“ scheint nicht zu ihrer aktuellen Situation zu passen, halten sich doch Gerüchte über eine Hochzeit Ende 2011 mit dem New Yorker Musiker Jack Dishel. Ein Hochzeitsfoto kursierte im Internet, wurde aber wieder entfernt. „Ich spreche nicht über Privates!“ Das Lächeln erkaltet, die Gesichtszüge verhärten. Regina spielt mit ihrem Ring; das genügt als Antwort.

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