Eine Frage der Würde

Es ist der blick in eine längst versunkene Welt: Der Butler bringt die sorgsam aufgebügelte Tageszeitung und das Frühstück, im Vorbeigehen wischt er mit den Fingern über Regale und Kommoden und schnippt imaginären Staub fort, dann plaudert er ein wenig mit dem Herrn des Hauses, aber nicht zu lang. Christopher Reeve, der ehemalige Superman, spielt einen amerikanischen Geschäftsmann, der nach dem Zweiten Weltkrieg das Anwesen samt Bediensteten übernimmt, und Anthony Hopkins gibt den Butler Stevens: Das ist „Was vom Tage übrig blieb“, einer der letzten großen Filme von James Ivory, dem Lordsiegel­bewahrer der britischen Tradition (selbst Amerikaner). Auch dieses Reich ist untergegangen.

Man hat oft gespottet über die Produktionen von Ivory und seinem Partner Ismail Merchant und die Pedanterie belächelt, mit der die beiden jeden Faltenwurf und jeden Wurzelholzknauf einer Epoche nachempfanden – und dabei nicht bedacht, dass die Zeit immer auch aus den Dingen besteht, die Menschen tragen und mit denen sie sich umgeben. In „Was vom Tage übrig blieb“ ergeht es Anthony Hopkins wie dem Gärtner Chance in „Being There“: Ohne die Routine des Haushalts ist er aus der Zeit gefallen, ohne Halt, ohne Aufgabe. Für die letzte, die erste große Liebe seines Lebens ist es zu spät – er versagt sie sich aus Scham und Schüchternheit.

Die britische Adelswelt, die aus Ritualen und Gesten besteht, begegnet uns nun in der Fernsehserie „Downton Abbey“, die endlich auch in Deutschland gezeigt wird: Julian Fellowes, der für das Drehbuch von „Gosford Park“ den Oscar gewann, schildert das stets prekäre Leben auf einem britischen Gut. Mit dem Untergang der „Titanic“ beginnt dieser erzählerische Reigen metaphorisch; das Erbe von Lord Grantham (Hugh Bonneville) gerät in Gefahr: Seine Kinder, drei Mädchen, könnten das Anwesen verlieren; tatsächlich meldet ein Cousin aus Manchester mit seiner Mutter einen Anspruch an. Der junge Mann ist tadellos und blässlich, die Mutter eine Wichtigtuerin. Die kapriziöse und sarkastische Mary lehnt den armen Vetter zunächst ab. Daneben wird der tägliche Dienst der Kammerdiener und Stubenmädchen, der Köchinnen und Chauffeure beobachtet, Liebeleien und Eifersucht, Intrigen und Mesalliancen. Dann beginnt der Krieg, der Lord will sich nützlich machen, wirft sich in die Uniform und wird doch nur als Maskottchen gebraucht. Downton Abbey wird zum Lazarett umgerüstet, die Versehrten liegen in der Bibliothek und im Kaminzimmer, ein Domestik des Hauses kehrt tödlich verletzt zurück, die Spanische Fliege breitet sich aus, und eine Tragödie bahnt sich an. 

Kooperation

Wir kennen ähnliches Ambiente aus dem „Haus am Eaton Place“ und aus „Wiedersehen mit Brideshead“ – und doch entfaltet diese Serie einen Zauber jenseits des Dekors, der schillernden Oberflächen, der leeren Anstandsformeln.  Das Altertümliche, die Zeit selbst spielt hier die Hauptrolle: So sehr der Lord und seine amerikanische Ehefrau sich gegen die Gezeiten stemmen, so unerbittlich sind sie doch den Wechselfällen der Geschichte ausgesetzt. Eine Tochter beweist sich als aufopferungsvolle Krankenschwester, die jüngste sympathisiert mit einem nordirischen Rebellen und fortschrittlichem Gedankengut, weshalb sie sich von der Familie lossagt. Die spitzzüngige Großmutter Violet (Maggie Smith) versprüht Sottisen wie Oscar Wilde und begegnet dem neuen Zeitgeist mit Ironie und Behauptungswillen. Als der Lord, sentimental geworden und anlehnungsbedürftig, sich mit einem Hausmädchen einlässt,  verrät er sein eigenes Ethos – für ein paar heimliche Momente des Begehrens nur, in denen ein anderes Leben aufscheint. Er entsagt der Versuchung – und die Bedienstete verlässt Downton Abbey.

Wir Heutigen können in Gefühlen schwelgen angesichts der aufwallenden Dramen, der ehernen Gesetze und bigotten Moral des alten Englands. Aber „Downton Abbey“ ist auch ein Lehrstück über Verantwortung, Würde in schwierigen Zeiten und  die feine englische Art. Irgendwo auf der Welt ist es immer fünf Uhr nachmittags.


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