Eine Single, zwei Akzente, sechs Sprachen – Plattencover mit Diskussionsstoff!


von


Eric Pfeils Pop-Tagebuch, Folge 12

In meiner Küche steht ein Plattenspieler. Das liegt schlicht daran, dass ich am liebsten beim Kochen Musik höre. Im Wohnzimmer, so habe ich festgestellt, kommt nur noch dann Musik zum Einsatz, wenn sich dort Gäste zum Leertrinken von Flaschen versammeln. Die Küche hingegen, so hat sich gezeigt, ist ein Ort der Versenkung, mithin der perfekte Ort, um sich in Musik zu vertiefen. Zudem neigen meine Gäste dazu, am Ende von Festivitäten immer noch recht lange in der Küche herumzustehen. Gut also, wenn man dort Musik hat.

So ein Gerät in der Küche birgt freilich Nachteile: So ist es irgendwann einigermaßen nervig, wenn man beim Kramen nach Dosen mit Tomatenpampe ständig über Vinyl stolpert. Auch hege ich den Verdacht, dass sich bald Soßenreste und Fettspritzer auf meinen Platten finden könnten (Vinylspezialisten haben sich bestimmt schon während der ersten paar Zeilen dieses Textes ins eternale Kopfschütteln verabschiedet). Aber sei’s drum: Ein Plattenspieler in der Küche ist eine gute Sache.

Auf diese Weise hat sich, schleichend und eigentlich aus Versehen, ein Brauch entwickelt: Ich stelle regelmäßig ein Cover auf den Küchentisch, und es ist mitunter bemerkenswert, welche Reaktionen diese Cover bei meinen Gästen auszulösen in der Lage sind. Im Moment steht eine Single von Désirée Nosbusch dort herum, eine deutsch gesungene Coverversion von „Just Supposin’“, im Original von der Jeansrockband Status Quo. Auf dem Cover ist die junge Désirée Nosbusch zu sehen. Sie trägt ein Trucker-Käppi, ein zeitgemäßes Halstuch und eine pinkfarbene Jacke. Nur zur Erinnerung und für alle Teenie-Bopper: Désirée Nosbusch war die erste „freche Jungmoderatorin im deutschen Fernsehen“ (Michael Völkel), absolvierte eins der bizarrsten Interviews mit Klaus Kinski und war der Schwarm zahlreicher Knaben, die das Glück hatten, ihr sexuelles Emporknospen in den frühen Achtzigern erleben zu dürfen.

Die meisten Menschen, die meine Küche betreten, rufen angesichts des Covers sogleich aus: „Ach, sieh mal einer an: Désirée Nosbusch! Dass sie gleich zwei Acents aigus im Namen hat, wusste ich ja gar nicht! Noch weniger wusste ich, dass sie singt, beziehungsweise sang!“ Dann wiederum gibt es jene, die anmerken: „Aha, Désirée Nosbusch. Gewiss: Zwei Acents aigus, ja ja. Viel bemerkenswerter aber ist doch, dass, wann immer sie irgendwo auftaucht, stets angemerkt wird, wieviele Sprachen sie akzentfrei beherrscht. Wenn ich mich nicht irre, sind es derer sechs: Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Luxemburgisch und Spanisch.“ Dies nun sind die eher verbreiteten Reaktionen auf die Single. Folgendes ist hierzu zu sagen: Frau Nosbusch sang sogar noch ein weiteres Mal, nämlich mit Falco (null Acents aigus). Sie spielte zudem reichlich Schau, einmal mit Adriano Celentano und einmal mit Bodo Staiger von Rheingold. Mit letzterem übrigens in dem reflexhaft als Skandalfilm bezeichneten „Der Fan“, in welchem sie Staiger zerhackt und in eine Tiefkühltruhe packt. Verrückt, aber das waren die Achtziger, meine Damen und Herren! Noch etwas sei angemerkt: Luxemburgisch, die Haussprache Frau Nosbuschs, ist eine faszinierende Sprache. Vor Jahren quatschte ich mal eine Gruppe luxemburgischer Touristen in Italien an: Das klinge aber interessant, was sie da sprächen. Empört kam es zurück: „Das ist eine ganz normale Sprache!“ Nun ja …

Neulich nun betrat ein Gast die Küche und sprach, nachdem er der Single ansichtig geworden war: „Na so was, die Nosbusch: Acents aigus bis der Busch brennt, Filme mit Kreti und Pleti, Sprachen bis dorthinaus. Aber was hat die denn da auf ihrer Trucker-Käppi stehen: USS Nimitz. Das ist doch ein Flugzeugträger, sonderbar“. Und tatsächlich: Die Nosbusch trägt auf dem Cover ihrer einzigen mir bekannten Solo-Single eine Kappe, auf welcher der Name eines prominenten amerikanischen Flugzeugträgers prangt. Und das im friedensbewegten Jahr 1980! Erst kurz zuvor war eine Rettungsaktion (Operation Eagle Claw) gescheitert, bei der versucht wurde, von der Nimitz 52 in der US-Botschaft in Teheran gefangen gehaltene Geiseln zu befreien.

Zeit, ein anderes Cover in die Küche zu stellen. Aber welches? Vielleicht ein Lieblingscover. Das von Prefab Sprouts „Steve McQueen“ etwa. Aber welche interessanten Reaktionen – außer endlosem Seufzen – sollte es hervorrufen? Besser womöglich das der Single „That’s How People Grow Up“ von Morrissey, das viele Menschen darüber meditieren lässt, ob Morrissey tatsächlich über seiner linken Brustwarze das Wort „Honey“ tätowiert hat.

So oder so: Stellen Sie öfter mal ein Cover in die Küche, da gibt’s immer ein großes Hallo! Nehmen Sie allerdings nie ein Cover von Jack Whites Label. Die Cover der Singles, die auf Jack Whites Label Third Man Records erscheinen, killen mit ihrer Coolness jeden kühnen Gedanken und lassen keinerlei Fragen entstehen. Ach, und lernen Sie Luxemburgisch!