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Entfesselte Jugendliche schreien: Gebt uns Duane Allman (nackt!) oder bringt uns zumindest den Kopf von Carmine Appice!


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Folge 48

Der Tag beginnt gut: Kaum habe ich das Radio angestellt, verspricht sich direkt erst mal der Radiomoderator: Das „Album der Woche“, verkündet er, sei zweifelsohne das neue Werk der „Black Eyed Keys“.

Das Interessante: Angehörs dessen, was sich danach vernehmen ließ, fiel es mir mit meinen noch von der Nacht verquollenen Ohren wirklich schwer zu sagen, ob es sich nun um Musik der Black Keys oder der Black Eyed Peas handelte. Die Musik klang wie Bluesrock, der einem dem R’n’B von der Schüppe gesprungenen Pop-Produzenten in die Hände gefallen war. „Wer weiß“, dachte ich, „vielleicht sind ja wirklich die Black Keys und die Black Eyed Peas aus Kostengründen zu einer Band zusammengezogen worden“. Nächster Gedanke: Ich weiß nicht, ob ich in einer Welt leben möchte, in der die Black Eyed Keys, pardon, Peas und die Black Keys ein und dieselbe Band sind. Wäre dies eine bessere oder eine schlechtere Welt? Da ich die Frage so rasch nicht beantworten kann, schnell zum nächsten Thema …

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Vergangene Woche besuchte ich die Deutschlandpremiere von „Good Vibrations“, dem ebenso schmissigen wie anrührenden Biopic über Terri Hooley, seines Zeichens Plattenladenbesitzer und Label-Impressario im Belfast der Siebziger, dessen „claim to fame“ wohl die Entdeckung der Undertones gewesen sein dürfte. Wie bereits angedeutet: Der Film ist gut und riecht an einigen Stellen glaubhaft nach Bier. Trotzdem weiß ich nicht recht, ob ich weiterhin möchte, dass in jede halbdunkle Ecke der Pop-Historie Filmkameras gehalten werden. Mir scheinen all die achtbaren und schönen Dokumentationen und Spielfilme über gescheiterte Punkbands, geniale Kauz-Psychedeliker, DIY-Genies und Lo-Fi-Götter noch mehr zur Gentrifizierung des schönen kleinen Dörfchens Geheimnishausen beizutragen. Aber das ist womöglich, wie so manches, was mich plagt, alleine mein Problem. Man verstehe mich nicht miss: Der Film ist gut und ich wünsche ihm viele Zuschauer, aber vielleicht gucke ich in Zukunft weniger Musik-bezogenen Kram. Hauptsache, es dreht niemand eine Doku über die Black Eyed Keys. Randnotiz: Wenn sich das mit den Bandzusammenlegungen durchsetzen sollte und man sogar dazu übergeht, auch Meisterwerke der Filmgeschichte diesem Rationalisierungswahn unterordnet, wäre sogar denkbar, dass Der Graf von Unheilig, die britischen Lavalampen-Exzentriker Van Der Graaf Generator und der Film „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ zu „Van der Graf zweimal klingelt“ zusammengelegt werden.

Das war jetzt albern, daher rasch zum nächsten Programmpunkt …

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Noch ein Film.

Eben stieß ich beim Durchschmökern eines Online-Mailorders auf die schöne Produktbeschreibung eines im Heavy-Metal-Milieu angesiedelten C-Machwerks namens „Freakshow“. Ich zitiere: Mill Basin, ein kleines Provinznest im amerikanischen Mittelwesten. Die Jugend des amerikanischen Provinznests fiebert dem viertägigen Rockspektakel mit dem Auftritt der Heavy-Metal-Band „Black Roses“ entgegen. Endlich Gelegenheit den langweiligen Schulunterricht und das frustrierende Elternhaus zu vergessen. Die braven Bürger der Stadt wollen das Konzert wegen blasphemischer Texte der Gruppe verbieten. Doch Lehrer Moorhouse will seinen Schülern den Spaß nicht verderben. Beim ersten Sound aus der Megawatt-Anlage sind alle wie elektrisiert, und als Damien zum Mikrofon greift ist buchstäblich die Hölle los. Als Moorhouse bemerkt, dass die Musik wie eine Droge wirkt, ist es bereits zu spät. Die total entfesselte Jugend gerät außer Rand und Band und schreckt vor nichts zurück. Es gibt die ersten Toten. Verzweifelt versucht Moorhouse seine attraktive Lieblingsschülerin Julie zu retten, bevor auch sie dem Taumel des teuflischen Sounds verfällt. Er muss verhindern, dass die Band ihre „Tournee des Terrors“ fortsetzt, bevor der Funke des Wahnsinns auf ganz Amerika überspringt. 

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Leserin, mich durchzuckte ob dieser vollmundigen Ankündigung sogleich Hoffnung. „Hoffnung worauf?“, werden Sie berechtigterweise fragen. Nun, das weiß ich auch nicht, aber das Gefühl ist da. So oder so: „Freakshow“ scheint mir ein Film zu sein, der, von keiner falschen Subtilität getrübt, endlich mal wieder die dunklen Seiten der Rockmusik zum Thema macht. Beim Betrachten des Trailers dieses um schlimme Frisuren nicht verlegenen Zelluloid-Fests aus dem Jahr 1988, stellt sich rasch heraus, dass seitens der Produzenten offenkundig alle Kosten gescheut wurden. Auch der Tatbestand der Kunst wird definitiv nicht erfüllt. Ich muss den Film besitzen.

Eine nicht unbeträchtliche Rolle in „Freakshow“ scheint ein mir bis eben noch unbekannter Gentleman namens Carmine Appice zu bekleiden. Ich zitiere abermals den Online-Versand: Schlagzeug-Gott Carmine Appice, ein Idol der Musikerwelt, trommelt sich als Mitglied von „Black Roses“ die Seele aus dem Leib. Eine Paraderolle für Appice. Der Film ist unterlegt mit einem „höllischen“ Soundtrack von Rock und Heavy Metal Klassikern von Bands wie Lizzy Borden, Bang Tango oder King Kobra, sowie vier extra für diesen Film geschriebenen Songs von den Musikern der Filmband ‚Black Roses‘!

Während nicht nur die Leser des „Metal Hammer“ ihre süßen Köpfchen noch in beinahe headbangerischer Manier über meine Unkenntnis in Sachen Carmine Appice schütteln, sei angemerkt, dass dieser Mann tatsächlich ein ziemlicher Teufelskerl zu sein scheint: Der mit einem ehrfurchtgebietenden Schnauzbart gesegnete Musiker trommelte unter anderem bei ewigen Lieblingsbands wie Vanilla Fudge und Cactus, spielte mit Ozzy Osbourne, Ted Nugent und Rod Stewart (dessen Hit „Da Ya Think I’m Sexy“ er mitschrieb!) und verfasste das einschlägige Werk  „The Realistic Roch Drum Method“, das er später unter dem Titel „The Ultimate Realistic Rock Drum Method“ in überarbeiteter Form erneut veröffentlichte. 1991 durfte er seine Hände im nassen Zement des Hollywood Rock Walk versenken. Auf seiner Homepage firmiert er als „The World’s Greatest Rock Drummer“.

Kann bitte sofort jemand das Leben dieses Mannes verfilmen? Bis dahin erfreue man sich am Trailer zu „Freakshow“.

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Dem Besitzer eines von mir regelmäßig frequentierten Plattenladens gefällt es, besonders wertvolle, rare oder obskure Platten mit kleines Zettelchen zu versehen, die das jeweilige Produkt kommentieren. Da steht dann zum Beispiel „Top!“ oder „Solo-Platte des Vanilla-Fudge-Drummers, gut in Schuss“ oder „Kratzer auf der A-Seite, sonst top“. Heute nun fand ich eine Platte auf der folgendes stand: „US-Original 1978 (rot-grünes Atlantic-Label) Klappcover! Sieht gut aus! Mit Duane Allman (nackt!)“.

Ich war so begeistert, dass ich den Zettel sofort abfotografieren musste. Leider auch so begeistert, dass ich vergessen habe, um welches Album es sich handelte. Wer es anhand des Zettel-Textes errät, der gewinnt einen Tag mit dem Schnauzbart von Carmine Appice. Oder einen Zettel auf dem steht: „Top Zustand, kein Klappcover mit Damon Albarn (nackt!).“


Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Krautrock-Stammtische, Pfauenfederohrringe und Drag-Köche – wiedergehörter Indie-Krempel aus den 80ern

Folge 217 Die Tage werden kürzer und die Ohren immer länger. Auch der Rest ist komisch. Halt und Orientierung bietet in diesen Zeiten ausschließlich das Wiederauflegen seit Jahren nicht mehr gehörter Indie-Platten der 80er und frühen 90er. Hier sind vier davon. The Coolies – „Dig ..?“ (1987) https://www.youtube.com/watch?v=0BmW4YA_i1M Wer oder was sind The Coolies? Auf dem Cover ihres Albums „Dig ..?“ beantworten die fünf Musiker aus Atlanta, Georgia die drängende Frage gleich selbst: „Five fine young men from Atlanta, GA not too different from you or me except for being blessed with seemingly super-human talent, overwhelming artistic integrity and devastating…
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