Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Bikini Party im Haus der Verfluchten

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Bikini Party im Haus der Verfluchten

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Folge 134

Neulich saß ich einem Radiomoderator gegenüber und pries in dessen Sendung die mannigfaltigen Reize des neuen Chuck-Prophet-Albums „Bobby Fuller Died For Your Sins“. Wer denn eigentlich Bobby Fuller sei, fragte der Radiomoderator.

Nun, Bobby Fuller war ein Singer/Songwriter und Band-Leader, dessen früher Tod bis heute Rätsel aufgibt. Am bekanntesten dürfte wohl des Musikers Beat-Pop-Kracher „I Fought The Law“ sein, den er 1965 mit seiner Band The Bobby Fuller Four veröffentlichte und der später in der Fassung von The Clash eine grundgute Verstumpfung erfuhr. Wer etwas Schönes sehen will, der schaue sich im Internet an, wie die Bobby Fuller Four den Song in einer Mittsechziger-TV-Sendung darbieten, während im Hintergrund Pistolenmädchen mit Cowboyhüten die Hüften kreisen lassen. Weitere Hits der Bobby Fuller Four waren „Let Her Dance“ und „Love’s Made A Fool Of You“.

Geboren wurde Robert Gaston Fuller, so sein voller Name, 1942 in Bayton, Texas. Schon in jungen Jahren waren Bobby und sein älterer Bruder Randy (der später ebenfalls bei The Bobby Fuller Four mittat) für die Musik entflammt. Die erste gemeinsame Band, in der die beiden zu Teenage-Zeiten aktiv waren, trug den dringend wiederbelebenswerten Namen Captain Fuller and the Rocket Squad. Im Februar 1961 – Bobby war inzwischen Profi-Musiker – wurde sein Halbbruder Jack ermordet. Für Fuller ein weiterer Grund, seine Musikerkarriere mit aller Konsequenz voranzutreiben.

Ursprünglich am Schlagwerk tätig, verlegte sich Bobby zu dieser Zeit endgültig aufs Gitarrenspiel. 1961 veröffentlichte er seine erste Single bei einem kleinen Label aus New Mexico. Schon mit der Nachfolgesingle avancierte er zum lokalen Star in El Paso, wohin er Mitte der Fünfziger mit seiner Familie gezogen war. 1964 zog Fuller nach Los Angeles, seine Band hieß jetzt The Bobby Fuller Four. Gemeinsam mit seiner Mutter und Bruder Randy lebte er in einem Apartment in Hollywood. Zu dieser Zeit trat er mit den Bobby Fuller Four auch in dem Beach-Party-Film „The Ghost In The Invisible Bikini“ (Alternativtitel: „Bikini Party In A Hounted House“) auf. Boris Karloff, Nancy Sinatra und Dean Martins Tochter Claudia waren ebenfalls in die Angelegenheit verwickelt. Sollte ich je mein Debüt als Schauspieler geben, dann muss der Film zwingend auch „Bikini Party in a Haunted House“ heißen. Alle guten Menschen sollten in einem Film mit diesem Titel leben.

Am 18. Juli – wenn man so will: auf dem Höhepunkt seines kommerziellen Erfolgs – wurde Bobby Fuller tot im Auto seiner Mutter gefunden. Der Befund des Gerichtsmediziners besagte, dass Fuller an Abgasen erstickt sei, so dass die Polizei zunächst von Selbstmord ausgehen musste. Genährt wurde diese Annahme durch Gerüchte, denen zufolge sich die Bobby Fuller Four am Abend zuvor aufgelöst hatte. Bald jedoch mehrten sich Stimmen, die den Verdacht äußerten, Fuller sei umgebracht worden. Zahlreiche Gründe wurden für diese Annahme ins Feld geführt: So hatten etwa die Mitglieder der Band wechselseitige Lebensversicherungen abgeschlossen. Andere Stimmen munkelten von Kontakten Fullers zur Drogen-Mafia, was nicht ganz auszuschließen ist, hatte Fuller doch unmittelbar vor seinem Tod in einem Interview preisgegeben, Freude am LSD-Konsum zu haben. Eine dritte Theorie wiederum verwies auf eine geheimnisvolle Frau namens Melody. Die Freundin eines Nachtclubbesitzers soll eine Liebesbeziehung zu Fuller gehabt haben, von der ihr Partner freilich nicht begeistert sein konnte, weswegen er Fuller von angeheuerten Schlägern so böse habe vermöbeln lassen, dass der Sänger an den Folgen der Prügel verstarb. Obwohl sich zahlreiche Privatdetektive daran machten, die Wahrheit über Fullers Tod herauszufinden, konnten die wahren Umstände seines frühen Todes nie geklärt werden.

Chuck Prophet

Und nun also Chuck Prophet. Der macht auf „Bobby Fuller Died For Your Sins“ wieder das, was er am besten kann: Er spielt – gesanglich irgendwo zwischen Dylan, Mark Knopfler und einer schlimmen Nebenhöhlenvereiterung – cleveren, Hook-hysterischen Goodtime-Rock’n’Roll, der Petty und die Stones belehnt und oft klingt wie Springsteen minus Pathos plus Humor. Demnächst ist er auf Deutschlandtour – und Chuck Prophet live ist eh immer eine Schau: Man könnte sein Foto zu Erläuterungszwecken im Lexikon neben dem Begriff „Rampensau“ abdrucken; selbst in leeren Ranz-Clubs agiert der Mann noch, als befände er sich auf einer Stadion-Bühne. Den Titelsong der neuen Platte wird er sicher auch spielen: „Bobby Fuller Died For Your Sins“ ist ein wunderbares, Handclap-befeuertes Stück über das große Mythenmuseum namens Rock’n’Roll.

Ich sag Ihnen was: Als mich der Radiomoderator fragte, wer Bobby Fuller sei, musste ich passen. Ich hab’s mir dann später angelesen. Und jetzt muss ich dringend „The Ghost In The Invisible Bikini“ sehen.

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Frans Schellekens Redferns
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