Spezial-Abo

Freiwillige Filmkontrolle


Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Drei Platten, auf denen Jan Delay nicht die Rockmusik neu erfindet


von

Folge 44

Als ich vor einigen Wochen eine spontane Leserumfrage in einer Krankenschwesternschule im Taunus durchführte und mich in diesem Zusammenhang erkundigte, was meine geneigten Leserinnen eigentlich von meinem Pop-Tagebuch erwarten, gellte mir eine erstaunlich einhellige Antwort entgegen: „Service! Wir wollen Service!“ schrie man im Chor und schlug dazu rhythmisch mit den Bierkrügen auf den Tisch. Also gut, dann werde ich eben den Serviceteil ausbauen. Heute gibt es daher mal ausschließlich fetzige Musiktipps. Womit könnte man beginnen? Ah, ich weiß …

Falls Sie es nicht mitbekommen haben sollten: Es gibt ein neues Album von Jan Delay. Es geht ja im medialen Getöse oft so einiges unter, aber um diesen unbesungenen Pop-Trüffel wäre es schade. Die neue Platte von Jan Delay ist: irre widersprüchlich, gänzlich unvorhersehbar, ein radikaler Richtungswechsel, total rockig, Hamburg bis einer weint undsoweiter undsoweiter. Sekunde, warten Sie mal eben … Im Chinaimbiss gegenüber ist gerade ein Sack Reis umgefallen, das muss ich rasch fotografieren. Einen Augenblick!

***

So, da bin ich wieder. Das war vielleicht eine Sache mit dem Reissack: Drunter lag eine junge Frau, die gerade das neue Album von Mac DeMarco gekauft hatte. Sie braucht es nun nicht mehr. Und ich ich mag ohnehin lieber über Mac DeMarco schreiben als über Jan Delay. DeMarcos letzte Platte „2“ erstand ich nach einem Konzert des Musikers, bei dem der Künstler nicht nur durch strunzdreisten Schrammel-Pop sondern auch durch geradezu zwanghaftes Zungerausstrecken und trinkfreudiges Gebaren zu beeindrucken wusste. Für das Cover besagter Platte hätte man ihm eigentlich den Pokal für das indiskutabelste Plattencover des Jahres verleihen müssen. Das neue Werk hat eine etwas bessere Hülle, heißt dafür aber „Salad Days“. Ach, würden doch alle Platten „Salad Days“ heißen. „The Wall“ von Pink Floyd zum Beispiel.

Es gibt Menschen, die DeMarcos Musik als „Slacker-Rock“ bezeichnen (womöglich zählt er selbst auch zu diesen Zeitgenossen), allerdings kann und sollte man sich hübschere Beschreibungen ausdenken. Vielleicht etwas in dieser Art: Wenn Lou Reed und Jonathan Richman ein und dieselbe Person wären, so könnte sich ihre Musik möglicherweise anhören wie die von Mac DeMarco. Meine Katze würde ich dem Mann indes nicht unbedingt zur Aufsicht anvertrauen, allzu groß wäre meine Sorge, er könnte sie anstreichen oder einen Knoten hineinmachen. Gut, dass ich gar keine Katze habe.

***

Apropos Jonathan Richman: Es wird ja viel zu wenig über Jonathan Richman geschrieben, der in meinem Haushalt immer wieder für Stunden der Glückseligkeit sorgt. Heute Morgen nun fand ich in der Post eine CD, die mir mein lieber Freund Volker, seines Zeichens Aachens größter Jonathan-Richman-Fan, geschickt hatte. Es handelt sich um eine kürzlich erschienene Richman-Spätwerk-Compilation namens „No Me Quejo De Mi Estrella“.  Nur drei neue Songs sind enthalten, aber der Fan braucht bekanntlich alles von dem Mann. 

Ich lausche nun schon den ganzen Tag verzückt und muss feststellen: Es ist einigermaßen schwer, nach dem Genuss einer Jonathan-Richman-Platte nicht alle andere Musik, die man danach hört, für aufgeblasenen, wichtigtuerischen Mumpitz zu halten. Nur mit einer Akustikgitarre und einem rudimentären Schlagzeug wird hier ein Herzenssong nach dem nächsten feilgeboten. Besonders gelungen: „When We refuse To Suffer (1)“, „Here It is“ und „Her Mystery Not Of High Heels & Eye Shadow“. Oh Jonathan!

***

Allen, denen die hier empfohlenen Platten entschieden zu neu sind, möchte ich am Ende noch eine viel zu selten bejubelte Perle aus meinem Plattenschrank ans Herz legen, nach der man auf dem nächsten Flohmarkt ruhig mal fahnden sollte. Das Genre, mit dem man es im vorliegenden Fall zu tun hat: Achtziger-Neo-Psychedelia. Die Band: The Steppes. Das irischstämmige Quartett hat einige der schlimmsten Plattencover der Musikgeschichte auf dem Kehrblech. Punkt. Die Hülle von „Stewdio“ aus dem Jahr 1988 ist die schlimmste: Sie zeigt einen Eimer voll modriger Suppe, aus der Gitarrenhälse und Mikrofone ragen. Was das Cover nicht verrät: Bei den von den Brüdern John und David Fallon angeführten The Steppes handelt es sich um eine ausgesprochen unterhaltsame Neo-Psych-Band, die auf ihren Platten den Beweis antritt, dass Einfallsreichtum mitunter Originalität vorzuziehen ist.

„Stewdio“ beginnt mit dem feinen Popliedchen „The One Thing“, das dem Jingle-Jangle der Byrds eine Injektion Drive verpasst. Danach ertönt ebenso hippie-esker wie gemischtgeschlechtlicher Lagerfeuergesang (mutmaßlich von allenfalls notdürftig bekleideten Menschen). Dieser währt aber nicht lange, stattdessen ziehen seltsame Bandschleifen des Hörers Aufmerksamkeit in ihren Bann und eine beunruhigende Horrorfilmstimme labert Verstörendes. Der Song, der den Hörer vor dem drohenden Horrortrip bewahrt, heißt „Living So Dead“, ist feinster Acid-Rock und enthält ein blutendes Schmier-Solo, für das noch heute mancher Stoner-Gitarrist seinen Kinnbart aufessen würde.

Ich könnte hier nun jeden einzelnen Song besprechen (denn sie sind fast alle großartig!), aber ich mache es kurz: The Steppes spielen auf diesem Album farbenprächtigen Westcoast-Rock, lassen zarten Barock-Pop auf Gitarren-Freakouts krachen und verheiraten gar Love und Led Zeppelin. Kurz: Sie tun alles, was man von Musikern mit nachlässigem Haarwuchs und Rüschenhemden erwarten darf. Doch auch zwischen den Songs passiert einiges. Viele Neo-Psychedelic-Platten leben nicht zuletzt von den launigen Zwischenspielen, in denen Tierstimmen auf Rückwärts-Geplauder und Alice-im-Wunderland-Brabbeleien auf Spielchen mit dem Effektpedal treffen. So auch hier. Es sei angemerkt, dass für die kostengünstige, aber enorm effektive Produktion der spätere Bad-Religion-Mann Brett Gurewitz  verantwortlich zeichnet, was man aber gottlob in keinem Moment hört.

Allzu dick wird es nur bei „We Make Dreams Come True (The Muses Beckon“), wo die Steppes so sehr auf die Pomp-Tube drücken, dass die Einhörner gleich in Herden durch den Purpurnebel zu traben scheinen. Ansonsten ein kleines Meisterwerk und – trotz des Covers – warm empfohlen.

So, das muss reichen für heute. Ich kaufe mir jetzt dreimal die neue Jan-Delay-Platte. Oder eine Katze. Man wird sehen.


Arne Willander schaut fern: „Doktor Ballouz“ im ZDF

Der Chefarzt Amin Ballouz kehrt schweren Herzens in die Klinik in der Uckermark zurück, nachdem seine Frau Mara von einem Auto überfahren wurde. In einer Rückblende sehen wir, wie sie einen aus dem Müll geretteten alten Stuhl, den sie restauriert hat, auf der Ladefläche transportierte. „Ich fahr dann noch bei der alten Räucherei vorbei.“ Sie kam nicht wieder. Doktor Ballouz, offener weißer Kittel über Cordhose, Hemd mit Krawatte, steht melancholisch am Snack-Automaten und drückt auf „Schokokuchen“. Er wird gespielt von dem Georgier Merab Ninidze, der sonst ehrfurchtgebietende sympathische Schurken gibt (in der britischen Serie „McMafia“) und hier den behutsamen Zweifler.…
Weiterlesen
Zur Startseite