Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Elastisch ins neue Jahr


von
Eric Pfeil
Eric Pfeil

Folge 232

Dass es aufs Jahresende zugeht, bemerken viele erst daran, dass ihre Mitmenschen plötzlich wieder vermehrt Schlafsäcke auf der Straße zu tragen scheinen. Den Autorinnen und Autoren dieses Magazins passiert so etwas freilich nicht: Für sie ist klar, dass der Keks des Jahres aufgeknuspert ist, wenn Ende November Kollegin Birgit Fuß mit charmantem Nachdruck die Liste der Alben des Jahres einfordert. Von hier an gibt es kein Halten mehr, und noch der saisonal unhysterischsten Autorin wird klar: Der Sommer ist vorbei!

Die Notwendigkeit einer derart frühen Abfrage birgt freilich das Problem, dass selbst weitohrigste Musik-Aficionados zu diesem Zeitpunkt längst noch nicht alles gehört haben oder bestimmte Alben aufgrund ihres späteren Veröffentlichungszeitpunkts gar nicht berücksichtigt werden können. Hinzu kommt, dass Compilations, Wiederveröffentlichungen und Singles ohnehin keinen Niederschlag in dieser Liste finden. Manches erreicht einen aber auch einfach zu spät; Musik ist ja kein D-Zug, sonst wäre das Glastonbury-Festival ein Bahnhof. Es ist also alles nicht so einfach mit diesen Jahresendabrechnungen. Wohl dem, der eine Fachkolumne für popmusikalisch unter den Tisch Gefallenes schreibt und sich darin zusätzlich zur persönlichen Albumliste noch mal so richtig schön zum Thema „Vergessen, aber trotzdem toll“ ausbreiten kann.

Sprechen wir zunächst über Singles, wie betagtere Semester in hitheischender Absicht veröffentlichte Einzelsongs bis heute nennen. Meine Lieblingssingle 2021 war eindeutig „Musica leggerissima“ vom italienischen Duo Colapesce Dimartino. Das Stück, eine Ode an die Magie leichtfüßiger Musik in grimmigen Zeiten, wurde im Februar beim Sanremo-Festival dargeboten und entwickelte sich im Land der blühenden Nudeln zum diesjährigen Supersommerhit mit Badehose an. Man kann auch ganz toll dazu tanzen. Besonders schön sicher, wenn man dies in einem hellrosa Anzug tut. Es ist aber nicht zwingend – jeder soll mitmachen dürfen!

Das beste 2021 veröffentlichte Album, über das ich erst nach Abgabe meiner Lieblingsalben-Liste gestolpert bin, ist „La vida te busca“ von Decha, dem musikalischen Projekt der Düsseldorfer Künstlerin Viktoria Wehrmeister. Zu geloopten Sounds, die oft klingen wie tribalistische Riten einer selbst gebastelten Parallelwelt, sinniert die Musikerin mehrheitlich in spanischer Sprache über ihren Alltag als Frau, Mutter und Künstlerin. Keine Platte zum Mitschnippen, dafür klingt sie wie nichts anderes, versprochen. Schlicht vergessen habe ich in meiner Liste das Debüt von Dry Cleaning aus London: Von allen Alben, die 2021 tuckernden Post-Rock auf raunenden Gesang treffen ließen, ist „New Long Leg“ definitiv das erhabenste.

Die Plakette für die beste Compilation des Jahres wiederum sei den findigen Menschen umgehängt, die für die Zusammenstellung des Samplers „Somewhere Between: Mutant Pop, Electronic Minimalism & Shadow Sounds Of Japan 1980–1988“ verantwortlich zeichnen: Drumcomputer in der Hallspirale und seufzende Synthies sorgen hier im Verbund mit lieblichem Säuselgesang ein ums andere Mal für angenehm windschiefe Pop-Konstruktionen nach Nippon-Bauart.

Zuletzt zur Wiederveröffentlichung des Jahres: dem Album „Mujer De Sal Junto A Un Hombre Vuelto Carbón“, das der uruguayische Musiker Jaime Roos ursprünglich 1985 mit der Sängerin Estela Magnone aufnahm. Seinerzeit komplett übersehen, klingt die Platte heute oft wie gemeinsame Heimaufnahmen von Stereolab und den Cocteau Twins. Übersetzt heißt der Plattentitel wohl so viel wie „Frau aus Salz neben einem Mann aus Carbon“. Von mir aus könnten im kommenden Jahr alle Platten so heißen. Doch, oh Schreck: Eben fällt mein Blick aufs Cover, und ich muss feststellen, dass die Platte schon 2020 wiederveröffentlicht wurde! Das könnte mich jetzt über die Maßen betrüben, aber seien wir ehrlich, noch nie war das Erscheinungsjahr von Popmusik so unwichtig wie heute.

Eine Erkenntnis, die uns anregen sollte, das neue Jahr in vielen Punkten gedanklich elastischer anzugehen. Eines sollte uns schließlich in diesen grimmigen Zeiten klar geworden sein: Wir sind nur Frauen aus Salz und Männer aus Carbon, gefangen in einem ewigen Tanz zur Auslaufrille von „Sultans Of Cringe“.