Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Highway aus der Hölle


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Folge 230

Es ist lange her, dass ich mich längere Zeit von nur drei uralten Liedern ernährt habe, die ich obsessiv höre und für die ich nur zu gern allem anderen, was unter dem Deckmantel des Musikmachens tagtäglich fabriziert wird, die Tür weise. Aber seit etwa einem Monat höre ich nahezu ausschließlich drei Songs. Alle sind sie mir beim Radiohören im Auto begegnet. Ich sitze selten in Autos, aber das muss ich doch sagen: Hier ist eine Menge los!

Fangen wir an mit Gerry Raffertys „Right Down The Line“, für das ich gleich rechts ranfahren musste: Da wollte ein Stück ganz offenkundig nichts weiter als einfach nur Musik sein. Das sagt sich so leicht und ist doch gar nicht so einfach. Früher musste Musik für mich immer mehr sein: botschaftsprall, gebrochen, ironisch, clever, reich an Verweisen. Das ist heute nicht mehr so, was womöglich mit der Weltlage, meinem Alter oder irgendetwas anderem Fürchterlichen zu tun hat. Es ist wie mit dem Konsum von Milch: Irgendwann geht es einfach nicht mehr.

„Right Down The Line“ ist das, was bärtige Radiomoderatoren früher als „Oldie“ zu bezeichnen pflegten: ein sommermüde daherpluckerndes Erwachsenenradio-Lied. Was sich allerdings in jenen Zirkeln, die über die Playlists von Erwachsenenradios entscheiden, noch herumsprechen muss. Was das Saxofon für Raffertys Riesenhit „Baker Street“, ist für diesen Song die dünne Leadgitarre, die sich immer wieder faul ins Lied schlängelt. Es klingt, als hätte J. J. Cale nach Jahren des Kistendurchwühlens endlich sein weißes Ausgehsakko wiedergefunden: Disco-Pop ohne Tanzkurs. Yacht-Rock für Menschen ohne Bootsführerschein. Autofahrmusik. Der Text handelt von nahezu gar nichts, die Bridge ist einigermaßen clever, und wenn am Schluss die „Uh-uhs“ einsetzen, wird auch schon wieder ausgeblendet. So und nicht anders muss das sein! 1990 stieg der ursprünglich 1978 veröffentlichte Song in Deutschland noch einmal im hinteren Bereich der deutschen Charts ein, doch da war Raffertys Karriere schon gelaufen.

Das zweite Stück, das mich seit der letzten Autofahrt bei Laune hält, ist eine im besten Sinne kalkulierte Angelegenheit. Mein Lieblings-Beatle war ja schon immer Anni-Frid aka Frida. Aber ihr 1982er Solohit „I Know There’s Something Going On“ ist das Beste, was je ein ABBA-Mitgliedsolo veröffentlicht hat. Wobei hier natürlich gar nichts „solo“ ist: Geschrieben hat den Song der massiv umtriebige Songwriter, Produzent und notorische Sonnenbrillenträger Russ Ballard. Auf Ballards Kehrblech gehen so einige Granaten des Mainstream-Rock, darunter Rainbows „Since You Been Gone“ und „God Gave Rock And Roll To You“ von Kiss, aber auch Hot Chocolates „So You Win Again“.

Auffällig ist Ballards Neigung zu sehr plakativen Songtiteln, wovon auch „Hearts Of Fire“ (für Roger Daltrey) oder „Nowhere To Run“ (für Santana) künden. Das Entscheidende beim Frida-Hit ist aber weniger der Song als vielmehr die Produktion. Für Letztere zeichnet natürlich kein Geringerer als Phil Collins verantwortlich, der hier auch massiv an den Trommeln herumrappelt: Gated Drums bis zum Sonnenaufgang. Das Ziel, möglichst wenig nach ABBA zu klingen – es wurde mit Schmackes übererfüllt!

Das letzte Lied schließlich ist „Real Gone Kid“ von Deacon Blue. Im Grunde ein Springsteen-artiges Stück Stadionrock, für das man nicht zwingend ein Stadion braucht. Gleichwohl von einer fiesen Spätachtziger-Produktion gezeichnet, sind es gerade die dem Lied aufgepfropften zeittypischen Pop-Effekte, die es zu einem Kleinod der Autofahrmusik machen.

Was ich mich nun frage, ist, ob sich die ursprüngliche Hingezogenheit zu allen drei Songs dieser ganz bestimmten Bewegungsform verdankt. Hätte ich die Lieder auch beim Zahnarzt, im Internet, beim Aquafitti-Kurs entdecken können? Ich behaupte: Nein. Man muss schon einigermaßen hirnlos vor sich hin tuckern. Womöglich wird dieser kollaterale Effekt beim Thema Verkehrswende ja zu wenig bedacht: Vielleicht gäbe es ja eine Chance für die Erneuerung der Popmusik, einen Weg aus der Retro-Hölle und der Wiederentdeckerei von allem und jedem, wenn wirklich niemand mehr Auto fahren würde.