Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Wissenswertes über Pforzheim


von
Eric Pfeil
Eric Pfeil

Folge 240

In den Sommermonaten führte mich meine Lesereise in einige bislang von mir unbesuchte Städte. So war ich beispielsweise zum ersten Mal in der Pop-und-Rock-Metropole Pforzheim. Alles, was man über Pforzheim sagt, ist wahr. Die Popgruppe Fools Garden stammt hierher, ebenso der Boxer René Weller. Irgendwo zwischen diesen beiden Polen spielt sich Pforzheim ab. Das Umland ist sehr schön, und ich begegnete nur freundlichen Menschen.

Von Boxen verstehe ich nicht viel, aber immerhin hat René Weller 1985 mal in einem Film namens „Macho Man“ mitgespielt, nach dessen Erscheinen die Geschichte des deutschen Autorenfilms umgeschrieben werden musste. Leider spielt der Film nicht in Pforzheim, sondern in Nürnberg (laut „Nürnberger Zeitung“ handelt es sich um den einzigen in Nürnberg gedrehten Actionfilm), aber wie schon der große Philosoph Mick Jagger wusste: Man kann nicht immer alles bekommen, was man will.

Weller spielt in dem Film den Boxer Dany Wagner, der sich mit drei Heroinhändlern anlegt, die „die attraktive Sandra“ (Verleihtext) gekidnappt haben. Bei seinen Prügelfeldzügen kann sich Dany/René auf seinen Freund, den KarateprofiAndreas verlassen. Als sich dieser dummerweise auch in „die attraktive Sandra“ verliebt, kommt es zum Kampf zwischen den Freunden: Boxen gegen Karate. Ein knallhart dem Kampfsport-Alltag abgerungener Plot.

Der Film enthält einige der dystopischsten Frisuren, die je auf Zelluloid gebannt wurden. Im Grunde ergibt das Werk nur Sinn als Double Feature mit dem ähnlich gelagerten, von Peter Patzak in Hamburg gedrehten Peter-Maffay-Vehikel „Der Joker“, in dem die Rocklegende einen an den Rollstuhl gefesselten Polizisten spielt (Rollenname: Jan Bogdan), der es unter anderem mit Michael York, Elliott Gould und Armin Mueller-Stahl zu tun bekommt. Der Soundtrack des Films befindet sich auf Tony Careys Album „Bedtime Story“, das hoffentlich rar ist. Beide Filme erzählen wie nichts Gutes davon, wie Deutschland in den 80er-Jahren wirklich war. Wenn man die beiden Filmtitel kombiniert, kommt dabei fast ein Traveling-Wilburys-Songtitel heraus: „The Joker & The Macho Man“.

Sollte man nach den beiden Filmen noch weiteren Bedarf an Informationen über Deutschland in den 80er-Jahren haben, hilft nur noch Michael Verhoevens Spider-Murphy-Gang-Film von 1983 weiter. Den Soundtrack zu „Macho Man“, der aus instrumentalem Synthie-Rock besteht, gibt es wohl leider nicht auf Platte.

Dafür gibt es laut Wikipedia in Pforzheim genau den Zitronenbaum, der die Musiker von Fools Garden zu ihrem Welthit inspirierte. Nun, zumindest gab es ihn wohl. Vielleicht finanziere ich meinen Ruhestand ja, indem ich „Rock Tours“ durch deutsche Mittelstädte veranstalte: „Buchen Sie jetzt Ihren Trip zu den Wirkungsstätten der deutschen Rockgeschichte!“ Mit einem fetzig gestalteten Bus würde ich durch das Land knattern und begierigen Fans die verschiedenen Wallfahrtsorte präsentieren: „Und dies ist wirklich der Zitronenbaum?“ – „Nein, leider nur eine Nachbildung. Das Original wurde schon 1999 gefällt.“

Die Spider Murphy Gang spielt an dem Tag, da ich diese Zeilen niederschreibe, ein Open-Air-Konzert vor der Bayerischen Staatskanzlei, anmoderiert von Markus Söder, der sich in seiner Ansprache ausdrücklich an jene richtet, „die an Kult glauben“ und „das ganze Neumodische“ nicht so mögen. Das hat die Spider Murphy Gang nicht verdient, aber es sind im Showgeschäft bekanntlich harte Zeiten. Was René Weller und Fools Garden gerade machen, weiß ich nicht. Ich wünsche beiden ausdrücklich, dass sie sich nie von Winfried Kretschmann werden anmoderieren lassen müssen.

Ansonsten gilt es nur noch festzuhalten, dass jemand unbedingt einen zweiten Actionfilm in Nürnberg drehen sollte. Und einen ersten in Pforzheim. Erst gerade sehe ich, dass auch die wundervolle, viel zu früh verstorbene Musikerin und Autorin Almut Klotz (Lassie Singers) aus Pforzheim stammte. Hier wäre wirklich mal ein Denkmal fällig. Aber vielleicht sollte das gar nicht unbedingt in Pforzheim stehen.