Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Zwei dringende Hinweise auf Compilations zur Sommerzeit


von
Eric Pfeil
Eric Pfeil

Folge 238

Jetzt ist also wieder mal Sommer. Das bedeutet so manches, aber eben auch, dass sich das Musikhörverhalten – unerfreulicherweise analog zur Hosenlänge – unweigerlich an die Jahreszeit anpasst. Viele Leserinnen und Leser dieser Kolumne werden das zunächst entrüstet von sich weisen. Sie werden sich weiter einreden, vor saisonalem Hörverhalten gefeit zu sein, weil sie irrigerweise glauben, über einen Musikgeschmack zu verfügen, der den lauen Anwehungen des Sommers zu trotzen weiß.

Zwar gehe ich zugegebenermaßen nicht davon aus, dass sich kreidebleiche Goth-Rock-Adepten dazu hinreißen lassen würden, in der warmen Jahreszeit die Playlist „Die 20 tollsten Latin-Kracher seit Erfindung der Strandhütte“ durch die tropische Wohnung zu blasen. Auch Anhänger satanistischer Metal-Spielarten werden nicht von den üblichen rituellen Schändungen absehen, bloß weil die Gelato-Saison eröffnet ist. Aber nehmen wir nur mal die Bob-Dylan-Fans, von denen es ja in der Leserschaft zwei, drei geben soll: Die hören in diesen Tagen sicher öfter „New Morning“ oder „Pat Garrett & Billy The Kid“ als, sagen wir, „Tempest“.

Auch Ihr ergebener Autor stellt die musikalische Uhr spätestens Anfang Mai auf Sommerzeit und weist allzu lebensverneinenden Tönen die Tür. An die Stelle semi-moribund vor sich hin klampfender Barden, die vom Gang durchs Jammertal des Seins klagen, treten dann vor allem Sampler, die das ausgelatschte Terrain angloamerikanischen Gerockes und Gepoppes hinter sich lassen.

In diesen Tagen erfreuen deren zwei mein Herz. Der erste wurde von dem sheffieldstämmigen DJ Luke Una zusammengestellt und heißt „É Soul Cultura“. Das der Compilation zugrunde liegende Konzept habe ich nicht wirklich verstanden. Es scheint darum zu gehen, jene Stimmung einzufangen die sich nach einer langen Ausgehnacht gegen fünf Uhr morgens, wenn die Vögel zu zwitschern beginnen, auf dem Nachhauseweg einstellt. „É Soul Cultura“ ist im besten Sinne eine Hintergrundplatte, auf der die musikalische Kunst des Dudelns und Plätscherns gewissermaßen transzendiert wird, wobei das Dudeln und Plätschern mal aus brasilianischen oder afrikanischen Gef lden, mal aus der Ein-Euro-Flohmarktkiste zu stammen scheint.

Eine Platte, zu der sich sehr gut Dinge erledigen lassen. Dinge wie das Räumen eines Stapels mit Krempel von Zimmer A nach Zimmer B. Der zweite Sampler ist noch toller: „Paisà Got Soul“, zusammengestellt von einem Herrn namens David Nerattini, ist die Compilation gewordene italienische Antwort auf den Yacht-Rock-Boom der letzten Jahre. Hier finden sich 15 Stücke aus den 70er- und 80er-Jahren, die in mediterraner Sorglosigkeit Soul und Italo-Pop verquicken. Die ganz großen Namen fehlen zwar (Lucio Dalla, Pino Daniele), dafür darf man sich unter anderem über Alberto Radius, Eduardo De Crescenzo oder Enzo Carella freuen. Auch der Schlagerveteran Peppino di Capri ist in die Angelegenheit verwickelt. Wer keine Yacht hat, darf natürlich trotzdem mitfeiern – zur Not im heimischen Planschbecken, alles gar kein Problem.

Im nächsten Leben möchte ich übrigens hauptberuflicher Zusammensteller von Sommer-Compilations nach oben beschriebenem Vorbild werden. Ich würde den musikalischen Schwerpunkt dabei jedoch auf deutschsprachige Chansons und gehobene Schlager legen: Klaus Hofmann mit „Sommer in der Stadt“ wäre dabei, Rainhard Fendrich mit „Strada del Sole“, Konstantin Wecker mit „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“, „Sommerlied“ von Hannes Wader, vielleicht auch Rio Reiser mit „Dr. Sommer“.

Ich mache mir allerdings, was die Kommerzialität angeht, keine falschen Illusionen: Es steht zu erwarten, dass ein von mir zusammengestellter Sommer-Sampler mit deutschsprachigen Chansons ähnlich reißenden Absatz finden würde wie Flip-Flops auf den Gipfeln des Himalaya. Aber was ist schon Erfolg, wenn es um Schönheit geht? Und sich um diese zu kümmern ist in der Jahreszeit der kurzen Hosen wichtiger denn je.