Eric Pfeils Poptagebuch: Bleiche Buben mit Kartoffeln im Mund


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Folge 18:

Menschen, deren unglücklicher Lebensweg sie in die hohlen Gassen des Musikbetriebs geführt hatte, führten vor Jahren im Zusammenhang mit arg angesagter Musik gerne die Formulierung „heißer Scheiß“ im Munde. Dauernd war irgendetwas „heißer Scheiß“. Hat total genervt. Mich hat lange schon kein heißer Scheiß mehr interessiert. Im Gegenteil: Ich erfreue mich sogar ein wenig daran, nichts Neues mehr gut finden zu müssen. Muss man nämlich tatsächlich nicht! Weniger als Pose, auch ganz ohne Gram. Es ist einfach nicht nötig.

Wenn ich „Neues“ sage, dann meine ich damit nicht Musik, die heutzutage so veröffentlicht wird. Die klingt bekanntlich ja fast ausnahmslos alt. Entweder nach den frühen Siebzigern (Devendra Banhart), den Achtzigern (grusel: White Lies), dem Mittelalter (Schandmaul) oder den Pogues (Mumford & Sons). Ich meine vielmehr Popmusik, in der junge Menschen wie junge Menschen ihrer Zeit klingen (ursprünglich wohl mal der Sinn von Popmusik). Dafür, dass Popmusik immer älter klingt, gibt es Gründe. Gute obendrein. Einer ist, dass auch Popmusiker älter werden (s. hierzu mein Text von vor soundsoviel Wochen). Alle anderen habe ich auch irgendwo schon mal hingeschrieben.

Und just, da ich ausgerechnet habe, dass mir bei einer Lebenserwartung von vielleicht 77 Jahren das auch nur einmalige Hören aller tollen Platten, die zwischen 1956 und 1986 erschienen sind, nicht mehr gelingen wird und ich ohnehin wesentlich mehr Freude am Hören alter Folk-Sampler aus Guatemala als an neuer Musik empfinde, genau JETZT also trete ich nach Jahren mal wieder in den heißen Scheiß der Saison und bin einigermaßen begeistert.

Ich will nicht hysterisch werden: Die Pfeife ist mir nicht gleich vor Ungläubigkeit aus dem Mund gefallen, aber immerhin. Die Platte, die für Regungen unter der Rheumadecke sorgt, heißt „6 Feet Beneath The Moon“ und stammt von Archie Samuel Marshall, der unter dem Künstlernamen King Krule veröffentlicht. Es ist Facebook zu verdanken, dass ich auf Marshall aufmerksam wurde. Beinah stündlich, so mein Gefühl, wurde da in den letzten Tagen irgendetwas von King Krule verbreitet. Und zwar fast ausnahmslos von Menschen, mit denen ich mich ausgesucht gerne über Musik streite! Nun bin ich zwar ein unterdurchschnittlich neugieriger Mensch, aber irgendwann musste ich dann doch mal nach dem Rechten schauen. Und siehe da: Was ich sah und hörte, wusste dann doch zu faszinieren.

Marshall, 19, rothaarig und kreidebleich, ist so britisch wie eine Folge „Eastenders“ bei einer Dose Stella Artois oder ein guter indischer Imbiss in Southhall. Ein bißchen sieht er aus, als hätte jemand Ron Weasley aus den „Harry Potter“-Filmen eine experimentelle Frisur verpasst.  Er kann HipHop-Klamotten genau so gut tragen wie Anzüge. Und noch einmal: Er ist sichtlich so 19-jährig wie das für einen 19-Jährigen möglich ist. Die ganze Visage schreit „19!“. N-n-n-n-nineteen. Die Musik? Man stelle sich vor, Dirty Beaches, der junge Edwyn Collins und Gene Vincent hätten, ohne ihre Eltern um Erlaubnis zu fragen, eine englische Dark-Surf-Band gegründet: Eine durch einen Twin Reverb gejagte Gitarre begegnet in diesen schlurfenden, schlunzigen Songs dann und wann einem Drumcomputer oder gelegentlichen Beat-Sperenzchen (Letzteres womöglich das einzige an Marshalls Musik, was ein bisschen doof ist).

Erstaunlich aber vor allem ist der Gesang: Marshall pflegt diesen beliebten Kartoffel-im-Mund-Stil, den man auch von Jamie T oder Doherty kennt. Allerdings treibt er ihn gänzlich auf die Spitze: Oft klingt der junge Bursche dann wie ein alter Mann. Öfter noch wie ein alter Hund. „Easy Easy“, der Opening-Track ist sicherlich der beste Song, aber auch der Rest ist dazu angetan, kulturpessimistischen Zeitgenossen über die Straße zu helfen. Die Texte? Ich weiß nicht. Ich verstehe kaum etwas. Wahrscheinlich singt Marshall die ganze Zeit schlimme Wörter. Das machen diese Kartoffel-im-Mund-Engländer ja dauernd.

Apropos „schlimme Wörter“: Letztens saß ich mit Freunden im Trunke vereint am Tisch. Auch eine gute Freundin kroatischer Abstammung war anwesend. Von ihr lernte ich, dass man in Kroatien gerne die Beleidigung „Jebo te kruh!“, zu deutsch: „Das Brot soll dich f*****!“ zur Anwendung bringt. Das Brot – großartig!! Ob die Wendung bereits in den Tracks kroatischer Rapper Verwendung gefunden hat? Könnte glatt für den heißesten Scheiß seit der Swing-Platte von Roberto Blanco („Ein bißchen Spaß muss sein“) gehalten werden.