Eric Pfeils Poptagebuch: Sommerschluss


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Folge 19:

Nun ist der Sommer also wieder vorbei, und der Herbst hält uns in der festen Umklammerung seiner dürren Ärmchen. Das hat manch Gutes. Kürzlich berichtete ein Bekannter verzweifelt von einem Nachbarn, der den ganzen Tag offenen Fensters ganz laut „Classic Rock“ höre. Nachdem ich kurz Mitleid mit dem Empörten empfinden wollte, fand ich mich bald in einer Grübelei darüber wieder, was denn bitte schön eigentlich „Classic Rock“ sei. Hörte der Nachbar gar alte Peter-Hofmann-Rockalben, die ihm jemand auf dem Flohmarkt hinterhergeschmissen hatte? Unglaublich, aber wahr: Es gab ja tatsächlich mal eine Zeit (viele nennen sie „die 80er-Jahre“), da ondulierte Heldentenöre Platten namens „Classic Rock“ veröffentlichten, darauf sich mit donnernden Schlagzeugen und zuckerigen Rondo-Veneziano-Streichern versehene Musik befand, die besagte Heldentenöre oder ihre Plattenfirmen für Rockmusik hielten. Peter Hofmann weilt nicht mehr unter uns, und er war sicher ein begnadeter Opernsänger. Seine Version von „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ ist allerdings dazu geeignet, auf ewig die Liste der schlimm interpretierten Evergreens anzuführen. Doch nun sind die Fenster ja wieder zu, der Classic-Rock-Geplagte kann aufatmen und die Sonne scheinet, nun: vielleicht nicht nimmermehr, aber zumindest längere Zeit nicht mehr so arg.

Peter Hofmanns Nachfolger ist vermutlich der Extremviolinist David Garrett. Vor Jahren musste ich den blondbezopften Musiker mal für ein Herrenmagazin interviewen. Als ich seine Suite betrat, war der Künstler geschlossenen Auges ins Violinenspiel vertieft, derweil eine mittelgroße Entourage um ihn herumwuselte. Natürlich wurde erst zu Ende violinisiert, bevor Garrett Gelegenheit fand, mich zu begrüßen. Ein echter Musiker eben.

Vielleicht handelt es sich bei „Classic Rock“ aber vielmehr um so etwas wie R.E.O. Speedwagon? Um Bands, deren Mitglieder aussahen wie frühe Computerspezialisten mit kalifornischen Hardrock-Haaren und die auch in etwa so klangen. Nun, in letzterem Fall hätte ich das Fenster aufgelassen. Ich kaufe zwar keine Lieder, in denen lockenmähnige Herren mit übergroßen Brillen ihre Keyboardburgen ausführen, aber ich lasse sie mir durchaus gerne dann und wann durchs Fenster hineinwehen. Also, die Lieder jetzt, nicht die Keyboardburgen.

Es gibt weitere Vorteile am Herbstbeginn. Im vergangenen Sommer wusste das Kölner Boulevardblatt „Express“ von den unglücklichen Opfern einer Veranstaltung namens „Holi Festival of Colours“ zu berichten: Auf einer Kölner Wiese hatten sich 10.000 Menschen getroffen, um sich zur Musik von Künstlern wie Lexy & K-Paul mit Farbe einsauen zu lassen. Das liest sich hier womöglich albern, ist aber sicher gut. Doch staunten etliche der Festivalbesucher nicht schlecht, als sie sich am Tag nach dem Festival der Farbe entledigen wollten. In etlichen Fällen ließ sich die Farbe nicht mehr aus den Haaren herauswaschen, was mit zahlreichen Fotos vorwurfsvoll dreinblickender Damen illustriert wurde.

Aber mit derlei Kummer ist ja jetzt Schluss. Die Vögel fliegen in den Süden, die Keyboardburgen orgeln ausschließlich im Innern, und die Farb-Partys ziehen weiter. Manch einen stimmt das Sommerende ja traurig: Die ganze Leichtigkeit sei dann dahin. Pah, sagte ich da, wahre Leichtigkeit zeigt sich doch erst bei zwölf Grad und Regen. Außerdem erscheint im Herbst die bessere Musik: Musik zudem, die vorlaufbedingt ja in der warmen Jahreszeit produziert wurde, den Sommer also in sich trägt, während die meiste Sommermusik ja zwangsläufig in der kalten Saison entsteht. Das ist so ähnlich wie mit den Weihnachtsplatten, die alle zur Zeit der Maienblüte aufgenommen werden.  Haben Sie schon etwas für Ihre Lieben? Wie wär’s mit einer Keyboardburg? Einem Farb-Party-Gutschein? Einem Foto einer vorwurfsvoll dreinblickenden Dame? Ich wünsche ein Frohes Fest!