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Eröffnung des Reeperbahn Festivals: Joy Denalane und Sting feiern die Musik-Kultur


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Er stehe zum ersten Mal seit zwei Jahren auf einer Bühne, sagt Sting am Mittwochabend. Das stimmt nicht. Und es stimmt doch: Es ist, wie sich nachprüfen lässt, erst vier Monate her, dass er auf einer Bühne stand, und nicht zwei Jahre. Nur spielte er da für einen Stream, trat nicht vor Publikum auf. Und was ist eine Bühne ohne Publikum? Er hat also völlig Recht, wenn er, im Hamburger Stage Operettenhaus, bei der Eröffnung des Reeperbahn Festivals, sagt, dass er seit zwei Jahren auf keiner Bühne mehr stand. Welch geeigneter Ort, dieses schöne Festival, das größte Clubfestival Europas, die Rückkehr des musikalischen Lebens zu feiern, und die Resilienz der Popkultur, der Künstler und Lebenskünstler. Er sei geehrt, sagt Sting, auf der Reeperbahn zu spielen, der Schule der Beatles, bei einem Festival, das jungen Musikern eine Bühne bietet. Könne er sich, fragt Moderatorin Hadnet Tesfai, an eine Person erinnern, die ihm, als er selbst noch mittelloser Musiker war, eine helfende Hand reichte? „Nein“, sagt er lächelnd.

Es ist eine tolle Veranstaltung, diese Eröffnung des Festivals, eine aufwendige, makellose, reibungslose. Und stylische! Eine LED-Videowand zeigt gestochen scharfe Animationen und teilt sich in zwei Hälften, die zur Seite fahren und ein geschmackvolles, sich ständig veränderndes Bühnenbild freigeben. Bei Sting sind es wehende, violett beschienene Vorhänge, bei Joy Denalane sind es rote, blaue, pinke Scherenschnitte, bei der britischen Pop-Sängerin Griff eine simple Clubbühnen-Ästhetik. „Wir sehen, was ihr hier auf die Beine gestellt habt, und wir lieben es, und danken auch“, sagt der sympathische Festivalleiter Alexander Schulz, der dann aber leider im Unklaren lässt, an wen sich sein „ihr“ genau richtet, wessen Arbeitskraft also diese schöne Veranstaltung zu verdanken ist.

„Leuchtturm für den Musikstandort Deutschland“

Die Eröffnung findet in englischer Sprache statt, was die internationale Bedeutung des Festivals hervorhebt. Das Reeperbahn Festival sei, sagt die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien Monika Grütters (die als Einzige lieber beim Deutschen bleibt), „der Leuchtturm für den Musikstandort Deutschland“ und sei für die Musiklandschaft das, was die Berlinale für den Film, und die Frankfurter Buchmesse für die Literatur ist. Sie zitiert „American Pie“ (den Song, nicht die Sexkomödie) und bekräftigt, dass der „Day The Music Died“, trotz Pandemie, nicht gekommen sei. Sie betont die finanzielle Unterstützung, die das Festival aus ihrem Ressort bekommen habe, und sagt, dass auch Popkultur unterstützenswert sei.

Die Jury des Anchor Awards, mit dem auf dem Reeperbahn Festival ein vielversprechender Newcomer ausgezeichnet wird, führt dieses Jahr Tony Visconti an, der legendäre Bowie-Produzent. Er beklagt, dass immer stärker von Algorithmen bestimmt werde, welche Musik gehört wird, und versteht seine Aufgabe als Jurypräsident als Verteidigung des Menschlichen: Algorithmen hätten kein Herz und keine Seele, und sie, die Jury, werde den zum Gewinner küren, der sie am meisten berühre. Ähnlich grundsätzliche Interventionen kommen von der Ökonomin Maja Göpel, die eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zur Bewältigung zukünftiger Krisen fordert, und von der Moderatorin Hadnet Tesfai selbst, die kritisiert, dass Diversität häufig nicht mehr sei als ein Lippenbekenntnis, und dass der Kampf für Gerechtigkeit individuell präsent sein müsse, auch wenn mal kein Hashtag trendet. Ein Beispiel dafür sei die „Keychange“ Initiative des Reeperbahn Festivals, die sich für ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in der Musik einsetzt.

Apropos Diversität: Am Ende kommt noch einmal Sting auf die Bühne. Und er spielt tatsächlich –so viel Fan Service hätte man ihm kaum zugetraut –„Every Breath You Take“; lebendig, stimmgewaltig, inspiriert. Er stand seit zwei Jahren auf keiner Bühne, und wir standen seit zwei Jahren nicht davor.