Franz Ferdinand und Sparks: die neue Supergroup des Artpop

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Franz Ferdinand und Sparks: die neue Supergroup des Artpop

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Am Rande der Londoner City ist neulich ein Designerhotel aus Marmor und Glas wie ein spitzer Eckzahn aus dem Boden geschossen. Mit sicherem Instinkt hat ihre Plattenfirma die Brüder Ron und Russell Mael hier eingemietet. „Dieser Ort ist wie eine Jacques-Tati-Version der Zukunft“, stellt Ron fest. „Man bedient Tasten, um die Vorhänge zu schließen, aber sie schließen nicht ganz.“ Russell ergänzt: „Es gibt einen Touchscreen für das Bad, und meiner ist ausgefallen. Also kann man nicht einmal das Licht aufdrehen. Alles ist dunkel, nichts funktioniert.“

1968, ein Jahr nachdem Jacques Tatis Farce „Playtime“ über die Verlorenheit des Menschen in der modernistischen Architektur in die Kinos kam, gründeten die Mael-Brüder ihre erste Band, Halfnelson. 1971 wurden sie zu Sparks, und heute wie damals wirken sie wie zwei befremdete Aliens in einer absurden Welt ohne Sinn für Selbstironie. Ihr von Rons Schnurrbart-Fasson und Russells reduzierten Locken abgesehen seither kaum verändertes Aussehen verstärkt diesen Eindruck.

„Wir sind Dissidenten“, erklärt Ron Mael. „Wir brauchen immer einen unspezifischen Feind, gegen den wir anrennen können.“ Wenn Sparks also über die Jahrzehnte hinweg vom Glam Rock bis hin zum Chamber Pop immer neue Themen antizipierten, mit denen dann andere abkassierten, dann war das keine Ironie des Schicksals, sondern Teil ihres antagonistischen Prinzips.
„Wenn ich mir Fernsehauftritte der Sparks aus der Glam-Rock-Phase auf YouTube anschaue, sehe ich eine Band, die zwar gerade die Charts regiert, aber immer noch deplatziert wirkt“, mischt sich Alex Kapranos ein. „Alle Bands, die ich liebe, haben das.“

Der Bandleader von Franz Ferdinand ist nicht zufällig ins Gespräch geplatzt. Schließlich geht es hier um FFS, jene aus seiner Band und den Sparks zusammengesetzte schottisch-kalifornische Supergroup, die sich zum Zeitpunkt unseres Interviews gerade auf ihre ersten eigenen TV-Auftritte vorbereitet. „Wir spielen demnächst in der Jools-Holland-Show, und da steht in der Ankündigung: die ‚Art-popper Franz Ferdinand‘. Wir dagegen sind ein ‚L.A.-New-Wave-Duo‘“, amüsiert sich Ron „Wir könnten ja auf 80er-Art tanzen, wenn das so im Programm steht.“

Unvermeidlicherweise sehen sich große Teile der Sparks-Anhängerschaft seit Bekanntwerden dieser Zusammenarbeit in ihrem Besitzanspruch verletzt, während manch ein verstörter Franz-Ferdinand-Fan – ähnlich wie der Programmschreiber der „Later … With Jools Holland“-Show – verstört bei Wikipedia Rat suchten. FFS kamen diesen Reaktionen zuvor, zunächst einmal in ihrem namensgebenden Kürzel, das im Twitter-Zeitalter für „for fuck’s sake“ steht – eine Idee des auf harten Glasgower Sarkasmus spezialisierten FF-Schlagzeugers, Paul Thomson. Noch entwaffnender ist „Collaborations Don’t Work“, der aus verschiedenartigsten Passagen zusammengekleisterte Schlüssel-Song des Albums, übrigens das erste per E-Mail-Verkehr gemeinsam geschriebene Stück dieser Combo. Die ersten Zeilen über die vorgetäuschte Unterwürfigkeit zu Beginn jeder Zusammenarbeit, gefolgt vom narzisstischen Meltdown aller Beteiligten lieferten die Gebrüder Mael. Franz Ferdinand antworteten darauf mit: „I ain’t no collaborator/ I am the partisan.“

Für den Halbgriechen Alex Kapranos lag diese historische Abwandlung des Themas auf der Hand: „Wir fanden, dass es demselben Sinn für Humor entsprechen würde, das Wort ‚Kollaborateure‘ im Sinne von Nazi-Sympathisanten im Zweiten Weltkrieg zu interpretieren. Wir schickten das an Ron und Russell und dachten uns: Entweder wir sind auf derselben Wellenlänge, oder wir haben sie beleidigt und sie werden nie wieder mit uns sprechen.“

Ersteres war der Fall, und FFS nahmen schließlich nach anderthalb Jahren geteilter songschreiberischer Vorbereitung mit Produzent John Congleton in nur 15 Tagen ein Album auf. Sparks-technisch gesehen steht die Platte ihrem Frühwerk zweifellos um einiges näher als „The Seduction Of Ingmar Bergman“. Aber wie Ron Mael sagt: „Das Letzte, was wir als Fans von Franz Ferdinand tun wollten, war, zu verändern, was sie machen.“ Und Franz Ferdinand sind eben eine Band, die schon bei ihrer ersten Probe die frühen Sparks im Kopf hatte: „Als wir zusammenkamen, haben wir als Erstes gleich ‚Achoo‘ (von der 1974er LP ‚Propaganda‘ – Red.) gecovert“, erzählt Kapranos. „Nicht um Sparks nachzuempfinden, sondern um so zu unserer eigenen Stimme zu finden. Leider stellte sich das als die Stimme einer Band heraus, die ‚Achoo‘ nicht ordentlich spielen konnte.“

Kein Zweifel, die Wellenlänge passt:

https://www.youtube.com/watch?v=nnC93H6Om0c

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