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Der Bänkel-
sänger der BRD

Der „Deutsche Sonntag“ und das Ende der Gemütlichkeit. Zum 90sten Geburtstag von Franz Josef Degenhardt

Von Maik Brüggemeyer 3. Dezember 2021

Sonntags in der kleinen Stadt: Die Familie geht geschlossen zur Kirche, anschließend darf der Vater in die Kneipe, und die Mutter macht den Braten, dann wird gegessen. Nach dem Pudding gibt’s eine Verdauungszigarre zu dudelndem Radio. Vielleicht schmettert Rudi Schuricke wieder mal seine „Capri-Fischer” oder der Schweizer Sänger Hazy Osterwald erklärt in seinem „Konjunktur-Cha-Cha” („Geh’n Sie mit der Konjunktur – geh’n Sie mit, geh’n Sie mit”), was die Welt im Innersten zusammenhält: „Geld, das ist auf dieser Welt, der einz’ge Kitt der hält, wenn man davon genügend hat.” Der Nachmittag wird auf dem Fußballplatz verbracht. Anschließend unternimmt man einen kleinen Spaziergang, und der Tag endet auf der Couch vor dem Fernseher.  

Das klingt idyllisch und heimelig, und auch wenn ich diese Beschreibung eines deutschen Sonntags dem gleichnamigen Lied aus dem Jahr 1965 entnommen habe und erst ein Jahrzehnt später auf die Welt kam, erkenne ich hier ein Muster, das sich mit meiner Kindheit deckt.  

Die helle Stimme, die diese Erzählung vom „Deutschen Sonntag” vorträgt, schneidet durch die hier geschilderte Gemütlichkeit hindurch. Man weiß nicht recht, ob der Mann belustigt ist oder sich ekelt, während er die Bewohner der Stadt auf dem Weg zum Hochamt beobachtet – „Familienleittiere” voran, sie untergehakt mit passenden „Hütchen, Schühchen, Täschchen” –, er die Bratendüfte riecht, die dampfenden Dessertschüsseln hinter den Fenstern stehen sieht, das Klirren des Geschirrs und das Blubbern der Soßen hört, bis ihm der süß-säuerliche Geruch in die Nase steigt, wenn die Stadt ihr Bäuerchen gemacht hat. Wenn er die treuherzig über die krachenden Knochen lachenden „Schinkenspeckgesichter” auf den „Schlachtfeldstätten” beschreibt, die beim Fußball nicht etwa gern mitspielen, sondern vielmehr mittreten, mitschießen, mitstechen würden, weil sie sich für ihren Alltag rächen wollen, die sich aber andererseits untertänigst bücken, wenn sie nach dem Spiel beim Gang durch die Stadt ihrem Chef begegnen, und sich schließlich zum Ausklang ihres Tages über harmlose „Mattscheibenspäßchen” beömmeln, statt darüber nachzudenken, wie sie ihr einfältiges und ödes Leben wohl verändern und verbessern könnten. Ganz sicher ist nur, dass der Sänger selbst bei diesen Sonntagsritualen ums Verrecken nicht mitmachen will. 

 

„Wenn’s blank und frisch gebadet riecht, 

dann bringt mich keiner auf die Straße. 

Und aus Angst und Ärger lasse 

ich mein rotes Barthaar steh’n 

und lass den Tag vorübergeh’n, 

hock am Fenster, lese meine 

Zeitung, decke Bein mit Beine, 

seh, hör und rieche nebenbei 

das ganze Sonntagseinerlei!“

Am Montag geht aber auch dieser Mann wieder im frisch gebügelten unauffälligen grauen Anzug zur Arbeit und fügt sich ein in den beschaulichen Nachkriegstrott. Er heißt Franz Josef Degenhardt, ist vierunddreißig Jahre alt, Mitglied der SPD und Assistent am Institut für europäisches Recht an der Universität in Saarbrücken. Ein Jahr, nachdem er dieses Lied für eine Langspielplatte mit dem Titel „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ aufgenommen hat, wird er mit einer Arbeit zum Thema „Die Auslegung und Berichtigung von Urteilen des Gerichtshofs der Europäischen Gemeinschaft” promovieren. Er stammt gebürtig nicht aus dem Saarland, sondern aus dem südöstlichen Ruhrgebiet, das hört man schon an der Art, wie er das Wort Kirchgang singt: „Kiachgang”.  

Bereits während der Studienzeit in Köln und Freiburg hatte Degenhardt Gedichte geschrieben, in denen er seinem Unmut über das vom greisen Vater der Republik, Konrad Adenauer, in den Tiefschlaf gewiegte Land Luft machte. Alles ging hier seinen scheinbar unumgänglichen Gang, und alle hatten es sich in ihrer kleinbürgerlichen Spießigkeit gemütlich gemacht. Da aber niemand mehr Gedichte las, griff der Jurist irgendwann zur Gitarre und vertonte seine Poeme im Stil des französischen Chansonniers und zynischen Poeten Georges Brassens. „Zwischen null Uhr null und Mitternacht“ nannte er sein erstes Album, auf dem er sich zur Geisterstunde als diabolisches Rumpelstilzchen hämisch lachend unter die Betten seiner Mitbürger legte, um ihren Geschichten und (Alb )Träumen zu lauschen, und obszöne Sprüche an Toilettentüren kritzelte.  

„Baenkel-Songs von und mit Franz Josef Degenhardt” lautete der Untertitel dieser Liedersammlung, und in der Tat waren es vornehmlich der bundesdeutschen Gegenwart abgerungene schaurige Balladen und Moritate, die er zu Gehör brachte: So sang er von der sachlichen Romanze eines Paares, das sich ein Auto mit Radio und Schiebedach leisten kann, weil sie mit ihrem früheren Chef schläft, oder vom kleinen schmutzigen Hausierer, der einen Bauchladen voller Tabus feilbietet: 

 

„Ein halbes Pfund Ehre, eine Ehe, einen Gott 

und eine Tüte voll Angst vor dem Tod. 

Einen Zwiebelkranz Pflichten, Verdienstkreuz am Band 

zwölf Kilo Ehrgeiz, ein Schälchen Verstand.“ 

Natürlich steckte im Titel von Degenhardts Debütalbum nicht nur die Geisterstunde, sondern auch die „Stunde null”, die mit der Zerschlagung des NS-Staates vermeintlich angebrochen war. Der italienische Regisseur Roberto Rossellini hatte sich 1947 an einer objektiven Bestandsaufnahme des Lebens in der zerstörten deutschen Hauptstadt versucht und sie „Germania anno zero” genannt – Deutschland im Jahre Null. Doch schließlich hatte sich der Begriff als „Stunde null” verselbstständigt und stand für den vermeintlich radikalen Umbruch der deutschen Gesellschaft nach Kriegsende. Den hatte es allerdings gar nicht gegeben.  

Entgegen der anfangs radikalen Entnazifizierungspolitik der Alliierten setzte der erste Kanzler der Republik beim Aufbau des neuen deutschen Staats pragmatisch auf die Integration der Kräfte, die zuvor das System des Nationalsozialismus gestützt hatten: Lehrer, Professoren, Juristen, Verwaltungsbeamte – der Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassegesetze, Hans Globke, war ab 1953 sogar Chef des Bundeskanzleramts und Adenauers engster Vertrauter.  

Der wirtschaftliche Erfolg schien dem Kanzler Recht zu geben. Die Westdeutschen verdoppelten in den Fünfzigern ihr Bruttosozialprodukt, verzehnfachten ihren Exportüberschuss und wurden zur erfolgreichsten Handelsmacht nach den USA. Zudem entwickelte sich Deutschland zu einer stabilen Demokratie. Zu stabil für eine lebendige und gelebte Volksherrschaft, wie nicht wenige Kritiker aus meist intellektuellen Milieus monierten. Adenauer, der aufgrund seines fortgeschrittenen Alters immer als ein Übergangskandidat für das Kanzleramt gehandelt worden war und schon aussah, als habe man ihn in Stein gemeißelt, herrschte mit autoritärem Führungsstil insgesamt vierzehn Jahre lang – nicht mal das Tausendjährige Reich hatte so lange durchgehalten.  

Als Adenauer im Oktober 1963 mit siebenundachtzig Jahren abtrat und an den mittlerweile ungeliebten Vater des wirtschaftlichen Aufschwungs, Ludwig Erhard, übergab, schien es, als habe jemand einen gusseisernen Deckel vom Land genommen, sodass die schon länger brodelnde Unzufriedenheit mit den Umständen nun endlich überkochen konnte. Als im Sommer 1964 auch noch Bundestrainer Sepp Herberger, der bei der Fußballweltmeisterschaft in Chile 1962 mit seiner Mannschaft schon im Viertelfinale ausgeschieden war, seinen Hut nahm, schien die Zeit des Wirtschaftswunders endgültig vorbei.  

Die Stimmung im Land drehte sich. Die Rolle Deutschlands als schicksalsergebener Spielball der Weltmächte machte den Menschen Angst. Immer mehr Bundesbürger gingen bei den sogenannten Ostermärschen hauptsächlich gegen nukleare Aufrüstung auf die Straße. Und auch in der Kultur zeigte sich das Unbehagen am Status Quo. So wollten etwa die aus universitären Kreisen stammenden Organisatoren des Musikfestivals auf der Burg Waldeck im Hunsrück dem Schlagersoundtrack der bundesdeutschen Biederkeit etwas entgegensetzen: Bänkelsang, Chanson, internationale Folklore, US-Folksongs, jiddische Lieder, Politisches und unverkitscht Volksliedhaftes.  

Ein Jüngling, der gerade das französische Gymnasium in Berlin hinter sich gebracht hatte, trug beim ersten Festival im Mai 1964 Lieder des Schriftstellers Fritz Graßhoff vor; er hieß Reinhard Mey. Der Düsseldorfer Liedermacher und Kabarettist Dieter Süverkrüp sang ironisch von seinem abhanden gekommenen Nationalgefühl und machte sich über die miefige Gesellschaft der Bundesrepublik lustig, die endlich mal ordentlich durchgelüftet gehöre, und Franz Josef Degenhardt sang von Pest, Tod und Krieg und von einer Erbschaft, die er nicht annehmen wollte: 

 

„Ich machte Schluss mit der Zwecklosigkeit, 

den pietätvollen Riten. 

Ich lebe schließlich in meiner Zeit, 

mit ihren Requisiten. 

Was fang‘ ich mit Goethes Nachthemden an, 

mit Friedrichs Tabaksdosen, 

dem präparierten Kopf eines heiligen Mann, 

Pompadours Unterhosen 

und dem Zahn des größten Franzosen?“ 

 

Die Nationalsozialisten waren über die deutsche Geschichte hinwegmarschiert und hatten die Liedtradition gleich mit begradigt. „Tot sind uns’re Lieder, uns’re alten Lieder”, sang Degenhardt zu dieser Zeit an anderer Stelle, „Lehrer haben sie zerbissen, Kurzbehoste sie verklampft, braune Horden totgeschrien, Stiefel in den Dreck gestampft.” Es brauchte neue Lieder gegen die neuen Verhältnisse. Und die stammten, ebenso wie in den USA, von den Folksängern und Liedermachern und waren auch als Absage an die als affirmativ geltende Unterhaltungskultur zu verstehen. Die Rebellionshaltung des Rock’n’Roll galt nur als leere Geste, als Mittel zum Zweck, um die hormonell aufgepeitschte jugendliche Käuferschaft zu erreichen.  

Universal Music Group

In der Bundesrepublik ging die Kritik an den herrschenden Verhältnissen auch weiterhin von den eher gesitteten Liedermachern aus, deren Publikum bedächtig lauschte, statt zu tanzen und zu toben. Auf seinem zweiten Album, „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“, sang Franz Josef Degenhardt 1965 über Materialismus und Konsumdenken, die Diskriminierung der Arbeiterschaft, den Vietnamkrieg und die Gefahren von Atomkrieg und Faschismus – dabei blieb er jedoch immer vor allem ein Beobachter, ein Bänkelsänger, der mit Poesie Politik machte und nicht umgekehrt (das sollte sich allerdings Ende der Sechzigerjahre ändern, als er sich mit der Erkenntnis „Zwischentöne sind bloß Krampf – im Klassenkampf” zum politischen Agitator aufschwang). Zum Abschluss seines zweiten Albums wandte er sich gegen sich selbst. Er wolle auf kein Podest gehoben werden, kein Popstar sein, erklärte er und zeigte sich stattdessen als Liedermacher, Ehemann, Vater und Trinker: 

 

„Vertraut dem nicht zu sehr, gebt Acht. 

Auch, wenn er so gemütlich lacht, 

der, der meine Lieder singt …“ 

 

Auch seine Beschreibung des „Deutschen Sonntag”, die den steigenden Überdruss am Wirtschaftswunderdeutschland und den Drang nach Veränderung so wunderbar präzise, komisch und poetisch aufzeigte, befand sich auf diesem Album.  

In der Bundesrepublik wurde die Auseinandersetzung zwischen dem Staat und seinen Kritikern schärfer – im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung versteht sich. Das Land war in eine Rezession geschlittert, durch das billigere Erdöl verlor zugleich die Kohle aus dem Ruhrgebiet an Bedeutung und ein langsamer Strukturwandel in der Region begann, der viele Arbeiter ihre Stellen kosten sollte. Bundeskanzler Erhard hatte sich gegen eine aktive Konjunkturpolitik gestemmt, da diese seiner Meinung nach dem Konzept der sozialen Marktwirtschaft widersprach, und sich so schließlich mit dem Koalitionspartner FDP überworfen. Am 30. November 1966 musste er zurücktreten. Kurt Georg Kiesinger, einst Mitglied der NSDAP und in Zeiten des Dritten Reiches Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, wurde neuer Kanzler einer großen Koalition, und mit der NPD zog zu dieser Zeit erstmals wieder eine rechtsradikale Partei in deutsche Landtage ein.  

Der Protest am herrschenden System wurde von allen Seiten lauter. „Bei den Demonstrationen von Heißspornen in Universitäten und Biersälen gegen alles, was in unserem Staat und anderswo nicht zu gefallen vermag, spielen Männer eine besondere Rolle, die man Protestsänger – Problemsänger nennt”, erklärte der Moderator Claus Hinrich Casdorff 1967 im ARD-Magazin Monitor. „Vernachlässigt ist die Kleidung, laienhaft das Spiel auf der Gitarre, aber mutig und kompromisslos ist der Text ihrer Lieder.” 

Die hier aufgegriffene Rhetorik fand sich zunächst in den Boulevardzeitungen, wo die postmaterialistischen Systemverweigerer und Gegner des bundesdeutschen Biedermeiertums und Konformismus als „Gammler”, „ausgewachsene Saubären”, „schlummernder Müll” und „das hässlichste 20. Jahrhundert” beschimpft wurden. Auch der Spiegel zeigte auf seinem Titelbild zu der Zeile „Gammler in Deutschland” einen in einem Kellerraum sitzenden langhaarigen jungen Mann mit akustischer Gitarre und studentisch-hippiesk anmutender Zuhörerschaft, und die Zeit erklärte ihren bürgerlichen Lesern: „Gammler sind Leute, so könnte man vorläufig definieren, die jung sind, wenig arbeiten, viel reisen und die Geselligkeit mit anderen Menschen über alles schätzen. Die meisten sind zwischen sechzehn und vierundzwanzig Jahre alt. Sie kommen aus allen Schichten der Bevölkerung: Kinder von Arbeitern, Söhne von Rechtsanwälten.”  

Der Schlagersänger Freddy Quinn sah das weniger nüchtern und wetterte: „Ihr lungert herum in Parks und in Gassen. Wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen?” Und gab die Antwort gleich selbst: „Wir! Wir! Wir!” 

 

„Wer hat noch nicht die Hoffnung verloren? Wir! 

Und dankt noch denen, die uns geboren? Wir! 

Doch wer will weiter nur protestieren, 

bis nichts mehr da ist zum protestieren? Ihr! Ihr! Ihr!“ 

 

Hinter solchen Zeilen, die übrigens vom österreichischen Komponisten Fritz Rotter stammen, der als junger Mann noch voller Hoffnung und juveniler Schmetterlingsgefühle „Veronika, der Lenz ist da” und „Wenn der weiße Flieder wieder blüht” gedichtete hatte, stand vor allem die Furcht, dass die junge Generation all das in den Wirtschaftswunderjahren hart Erarbeitete nicht zu schätzen wusste und leichtfertig verspielte. Und das nur, weil sie den Bänkellieder singenden Rattenfängern folgte.  

„Was sind das eigentlich für Leute … nun … die dieses Wagnis auf sich nehmen, von der Masse in die Nähe von Rummelplatzsängern gerückt zu werden?”, fragt Monitor-Moderator Casdorff schließlich. „Sind sie Fantasten oder wollen sie nur das magere Geschäft beleben oder sind sie wirklich politisch engagiert? Alexander von Kube hat sich mit einem der profiliertesten Bänkelsänger unserer Zeit unterhalten – mit Franz Josef Degenhardt.”  

Dann sieht man klatschende junge Männer in Anzügen und eine keck in die Kamera blickende junge Frau mit modernem Kurzhaarschnitt, eine Rückansicht des dem ersten Anschein nach gar nicht verlotterten oder auch nur langhaarigen Künstlers auf der Bühne, einen alten Mann mit Brille im Publikum, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Theodor W. Adorno hat, und schließlich Degenhardt von vorn in Nahaufnahme mit Henriquatre-Bart in Jackett und hellem Rollkragenpullover, wie er eher in Manier eines Sozialkundelehrers als eines „Rummelplatzsängers” zu virtuos gezupften Saiten sein Lied „Für wen ich singe” vorträgt.  

Zunächst erklärt er hier, für wen er nicht singt: etwa die Obrigkeitshörigen „die ihr euch noch in Fahnen wickelt, Hymnen singt, wenn euch der Strahlengürtel schnürt” oder die „High-Life-Spießer mit der Architektenideologie”. Auch singe er nicht, so Degenhardt weiter, für die „frankophilen Käselutscher”, „die ihr euch nicht schämt, den Biermann aufzulegen, weil der so herrlich revolutionär ist” oder die ewig gestrigen Patriarchen „die ihr eure Frauen so wie Steaks behandelt und vor Rührung schluchzt, wenn eure fetten Köter sterben”. Nicht mal für die Kinder der Gegenkultur, die „Tempelstufenhocker, ihr, die ihr nichts so liebt wie eure eigenen bemalten Bäuche, die ihr mit blöden Haschisch-Lächeln eure gesetzlosen Gesetze vor euch hin lallt” gehörten, wie viele Monitor-Zuschauer nach Casdorffs Anmoderation gedacht haben mochten, nach Selbstauskunft zur Zielgruppe dieses Liedermachers. Wer dann?  

Der Bericht verrät es zunächst nicht, schneidet dem Sänger vielmehr das Wort und damit die letzten beiden Strophen des Liedes ab. „Beifall für Franz Josef Degenhardt”, heißt es stattdessen aus dem Off, während man sieht, wie der Sänger die Bühne verlässt. „Er kann singen, was er will, die Leute klatschen, trampeln mit den Füßen, verlangen Zugaben. Er kann die Gammler preisen und die Gastarbeiter, er kann den Staat verhöhnen, die Kirche, die Bundeswehr – er erntet nur Beifall.” 

Ein Lied spreche nicht nur den Verstand des Zuhörers an, sondern auch sein Gefühl, erklärt Degenhardt dem Reporter hinter der Bühne, und sei daher „prädestiniert, intellektuelle Unzufriedenheit zu artikulieren, also politische Kritik zu üben. Das Lied kann natürlich niemals eine Welt verändern oder politische Zustände verändern. Politische Zustände, die man nicht mag, werden dadurch verändert, dass man sie beseitigt, aber man kann die Notwendigkeit zur Beseitigung klarlegen.”  

Der Liedermacher lässt sich von keiner Frage provozieren, antwortet so ruhig und besonnen, wie man das heute aus dem Fernsehen nicht mehr kennt. Er habe sich zu Anfang seiner Karriere nicht sonderlich für politische und soziale Verhältnisse interessiert, erklärt er, es seien vor allem Wolfgang Neuss, aber auch Wolf Biermann gewesen, die ihn politisiert hätten. In Vietnam sei der Klassenkampf in ein letztes Stadium getreten, sagt er, „die Besitzenden schlagen die Nicht-Besitzenden tot”. Er als Sozialist stehe da natürlich auf der Seite der Nicht-Besitzenden. Und dann liefert der Beitrag die letzten beiden Strophen seines Liedes vom Anfang nach: 

 

„Ich sing für euch, 

die ihr die feige Weisheit eurer Heldenväter 

vom sogenannten 

Lauf der Welt in alle Winde schlagt 

und einfach ausprobiert, 

was richtig läuft. Die ihr den Lack, mit dem  

die Architekten überpinseln, 

runterbrennt von allem rissigen Gebälk. 

 

Für euch, 

die ihr die fetten Köter  

in die Sümpfe jagt, nicht schlafen könnt, 

wenn ihr an damals denkt, und alle 

Allesfresser schnarchen hört 

und nicht auf Tempelstufen hocken wollt, 

solang der Schlagstock noch 

die weiße Freiheit regelt, 

Napalm noch die Speise für die Armen ist. 

Ich sing für euch.“ 

 

Degenhardts Zuhörer waren natürlich mit ihm einer Meinung, waren gegen den Vietnamkrieg und die alten Nazi-Eliten, standen auch beim Klassenkampf ideologisch auf seiner Seite – nicht selten, weil sie es sich leisten konnten. Es waren Studenten und Intellektuelle, die von Haus aus die Mittel für ein Studentenleben hatten oder fürs Intellektuellendasein bezahlt wurden.  

Kinowelt

Mein Vater war damals einundzwanzig Jahre alt, arbeitete seit sieben Jahren an der Werkbank derselben Fabrik, bei der sein Vater ebenfalls an der Werkbank gestanden hatte, half in der Freizeit seinen Brüdern beim Hausbau und war heimlich in die Schlagersängerin Manuela verliebt, die mit Liedern wie „Schuld war nur der Bossa Nova” und „Küsse unterm Regenbogen” bekannt geworden war. Meine Mutter, die er gerade ein Jahr kannte, war siebzehn, machte eine Lehre zur Apothekenhelferin, und ihr Lieblingslied war „Hohe Tannen” aus dem gleichnamigen Heimatfilm von Anton Rieger, in dem sich zwei Schlagerkomponisten, in ein niederösterreichisches Kuhkaff zurückziehen, um ihre Schaffenskrise zu überwinden. Dort treffen sie auf die Heimatvertriebene Liesel aus dem Riesengebirge, die mit dem DDR-Flüchtling Viktor im Stall ein Volkslied singt, und sind so begeistert von ihrer Stimme, dass sie ihr selbst ein Lied komponieren: 

 

„Hohe Tannen weisen die Sterne 

an der Iser in schäumender Flut. 

Liegt die Heimat auch in weiter Ferne, 

doch du, Rübezahl, hütest sie gut.“ 

 

Sogar aus der deutschen Vergangenheit, aus Flucht und Vertreibung, ließ sich mittlerweile eine heile Welt spinnen, mit und in der man leben konnte.  

Auch zwei Jahrzehnte später fürchtete man bei uns zu Hause noch immer die Gammler, schimpfte auf die Studenten, hörte Lieder von Freddy Quinn und dem unpolitischen Schöngeist Reinhard Mey, schaute Sissi-Schmachtfetzen oder Edgar-Wallace-Verfilmungen im Fernsehen und pflegte die Rituale des deutschen Sonntags, wie Franz Josef Degenhardt sie 1965 in seinem Lied so poetisch beschrieben hatte.  

Das Lied lernte ich allerdings erst Mitte der Neunziger kennen, als ich selbst studierte und mir Lehrerkinder die geerbten Schallplattensammlungen ihrer mittlerweile auf CDs umgestiegenen linksbewegten Eltern zeigten. Neben den Platten von Bob Dylan, Joan Baez und Phil Ochs standen da immer auch Hannes Waders Arbeiterlieder und eben Degenhardts Klassiker „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ – da wurde mir langsam bewusst, dass man das Milieu, aus dem ich kam, früher einmal die Arbeiterklasse genannt hatte.

Eine längere Fassung dieses Textes ist in Maik Brüggemeyers Buch I’ve Been Looking For Frieden (Penguin Verlag) erschienen

Degenhardt war wirklich stilprägend für die deutsche Liedermacherszene – in vielerlei Hinsicht. In der Verbindung des Poetischen mit dem Politischen, in seiner Sprache, aber auch musikalisch hat er unverkennbar seine Spuren hinterlassen und wirkt bis heute. Ich mag die Leichtigkeit, die seine Lieder trotz ihrer schweren Themen haben und seinen scharfzüngigen Ton. Dota Kehr

Degenhardt hat ja einen schlechten Ruf wegen seiner Agit-Prop-Musik für die moskautreue DKP in den späten 70ern und 80ern. Zurecht, muss ich sagen, aber er ist in hindsight trotzdem ein sehr schillernder Künstler, der, wie es mir neulich wie Schuppen von den Augen fiel, George Brassens hörte und wirklich Unglaubliches textete. „Auf der Espressomaschine“ fällt mir da ein oder auch „Ein schönes Lied“. Später ging er auf Politisches und zeitgeistig Folkloristisches ein. Nicht immer gut, aber oft kam dann trotzdem Eckiges und Unangepasstes durch. „Tonio Schiavo“, „Tarantella“ oder „Väterchen Franz“ kann man da nennen. Schräger, nerviger Typ und wirklich unterhaltsamer Texter und Interpret. Ich habe schon so manchen fröhlichen Abend mit der Kompilation „Gehen unsere Träume durch mein Lied (Ausgewählte Lieder 1963 – 2008)“ verbracht. Das ist deutlich besser als ein Hörbuch oder Netflix mit schönen, lustigen und auch ärgerlichen Stellen. Beklopptes Gitarrenspiel gibt’s gratis dazu. Von diesen 70er-Liedermachern ist er auf jeden Fall der mit Abstand der Beste. Oder vielleicht sogar der einzige Gute. Mir ist allerdings egal, wie er es fände, dass ich Sachen von ihm lustig finde: „Vatis Argumente“. Ekki Maas

Ich kannte das Werk von Franz-Josef Degenhardt nicht, bis man mich einlud, bei einem Konzert zu seinem 80. Geburtstag im Berliner Ensemble teilzunehmen. Die Organisatoren meinten, es gäbe da Berührungspunkte in unserer Kunst. Wir kommen natürlich aus ganz verschiedenen kulturellen Kontexten – ich aus einer jüdischen Familie in Detroit und einer yiddischen Folkszene, er aus der deutschen Liedermacherszene. Aber als ich sein Lied „Die alten Lieder“ hörte, stellte ich fest, dass er sich mit den gleichen Fragen auseinandergesetzt hatte wie ich, als ich nach Deutschland zog. Mit diesem seltsamen Verhältnis der Deutschen zu ihrer Folk-Tradition. Erst hatte der Faschismus die Lieder instrumentalisiert, nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Scham sie davon abgehalten, sie sich zurückzuholen. Ich habe „Die alten Lieder“ dann ins Yiddische und Englische übersetzt und festgestellt, dass auch Degenhardt ein Übersetzer war und ganz ähnlich gearbeitet hat wie ich. Als er zum Beispiel „Le Temps de Cerises“ übersetzt und in seiner Interpretation zudem in einen historischen Kontext gesetzt hat. Zudem steht Degenhardt für mich in der großen Tradition der Barden und politisch motivierten Troubadouren, in der grandiosen „Großen Schimpflitanei“ singt er „Meinem alten Schutzpatron,/ Dieb und Dichter, Franz Villon,/Sing ich oft auf seinem Grab,/ Lacht der sich die Eier ab/ Über diese Litanei/ Und dann singen wir zu zwei:/ Wenn ich an dem Galgen häng/ Und mir wird der Hals zu eng,/ Weiß nur ich, wer da so log/ Und wie schwer der Arsch mir wog.“ Franz Josef Degenhardt war ein Dieb und Dichter, ein „rabbi of lyrics“ wie Mordechaj Gebirtig oder Leonard Cohen. Und er hat mir gezeigt, dass man auch in der deutschen Sprache schöne Lieder schreiben kann. Das kannte ich bis dahin nur von Bertolt Brecht. Daniel Kahn