FROM GLAM TO GLITTER

Ach ja: Plateausohlen, Kajal-Stifte, Fake Furs, Talmi und so. Glam-Rock eben, oder nach einem seiner Vertreter, der heute noch als peinlich-Hebenswerter Anachronismus im britischen Fernsehen herumstrauchelt – Glitter-Rock: Wie man’s will, Hauptsache, es glitzert und glimmert, und der Sänger knickt nicht um und bricht sich den Knöchel.

Glam-Rock war ein Ableger des Art-Rock (der, retrospektiv betrachtet, seinerseits auch eher jenen Mutierungen der Rock-Genetik zuzuordnen ist, denen man lieber einen Killervirus in die Keimzelle injiziert hätte…). Wo’s musikalisch unmöglich pompöser ging, mußte eben optisch aufgemotzt werden, so, als müsse man zur Balz in die Cocktailbar des Dark Stars. Und wo Konzerte längst zu musikwissenschaftlichen Andachten geraten waren, bei denen das Publikum metronomig Synkopen und Takte mitzählte und die Kritiker monierten, die dritte Kadenz von links sei in der Reprise ein bißchen überstrapaziert worden – in so einer Epoche war der Erfolg von konzertanten Plüsch- und Fummel-Parties vorprogrammiert.

Marc Bolan fing damit an und gab dem Kind auch gleich einen passenden Namen: T. Rex zentnerweise Masse, wenig Hirn. Bolan war das Bindeglied zwischen Rock und Glam, ein harlekinesker Verwandlungskünstler mit rattenfängerischem Charisma, der sich von einem Hippie zum sterbenden Schwan wandelte. Erst aber mußte Bolans Kumpel Bowie kommen, um Glam richtig groß zu machen.

Schon 1971 hatte Bowie auf dem Cover von „The Man Who Sold The World“ vorweggenommen, was nun zu dem bestimmenden optischen Mittel wurde:

Gender-Bendmg, die androide Wanderung zwischen den Geschlechtern. Eine Zeit lang sah David „Ziggy Stardust“-Bowie so aus wie Lauren Bacall, fühlte sich aber wohl mehr wie die spätere Garbo – und verbrauchte mehr Kajal als beide zusammen.

Bowies Mentorenschaft folgten Mott The Hoople, sangen dessen „All The Young Dudes“ und stampften wie Schaufensterpuppen eines Second-Hand-Ladens für Transvestiten über die Bühnen. Später, sehr viel später, behauptete der Sänger Ian Hunter immer, nein, ernstgenommen habe man das und sich selbst damals nun wirklich nie – aber karrierefördernd sei das schon gewesen mit den Federboas.

Was man ungeprüft glauben darf: Glam-Rock war über lange Strecken der 70er Jahre Großbritanniens populärster Musikstil, der mit den (frühen) Roxy Music sogar in sophisticateter Eleganz kulminierte (und von Queen, einst Support von Mott The Hoople, in die 80er Jahre hinübergerettet wurde). In den Staaten hat er erstaunlicherweise nie so richtig Fuß fassen können: Alice Cooper beschwor dort zwar mit einigem Erfolg den Horror nach Ende der letzten Schulstunde; bereits die New York Dolls aber waren selbst für New York zu abgespaced. Da ging man lieber zu Kiss, die kamen wenigstens aus der Hölle.

Auf der Insel aber gebar die Glam-Rock-Factory einen Clone nach dem anderen: Slade und Mud – und natürlich Sweet, ehemals erfolglose Mucker, die das Glück hatten, auf der Suche nach neuem Schuhwerk und Fönstab das Autorenteam Chinn/Chapman zu treffen, das ihnen Bubblegum-Hits in beliebiger Menge lieferte.

Heute sitzt man etwas ratlos da und stellt plötzlich fest, daß man damals eigentlich immer nur auf das Plattencover starrte und sich fragte, ob das vorn drauf Männlein oder Weiblein seien. Von Aliens wußte man noch nichts. Und auch nichts vom Punk, der Glam ’76 die vom Kaugummi kariösen Zähne ausschlug.

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