Interview



Festivalleiterin Fruzsina Szép: »Die weiblichen Führungskräfte von morgen sind die Mitarbeiterinnen von heute«


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Female Empowerment – dieses Schlagwort entspricht dem aktuellen Zeitgeist, bedeutet aber nicht weniger als das, was schon seit Jahrzehnten im Fokus der Gender-Debatte steht. Sind Frauen tatsächlich gleichberechtigt, stehen ihnen die gleichen Türen offen und können sie sich vorurteilsfrei und uneingeschränkt entfalten – beruflich wie privat? Darüber gehen auch heute noch die Meinungen weit auseinander. ROLLING STONE hat bei einer Frau nachgefragt, die sich in einer vornehmlich von Männern dominierten Branche einen Namen gemacht hat: Festivalleiterin Fruzsina Szép. Sie erzählt uns auch, was Gäste bei ihrem neuen, innovativen Projekt, dem 360-Grad-Festival Superbloom in München, erwartet.

ROLLING STONE: Du bist mit 18 Jahren ins Business eingestiegen. Welche Erfahrungen hast du damals gesammelt und wie haben sie dich für deine weitere Arbeit geprägt?

Fruzsina Szép: Meine Karriere begann, als ich mich mit 18 Jahren für einen Job in einer Konzertlocation am Balaton beworben habe. So bin ich eher per Zufall in die Musikbranche gerutscht. Ich habe in all den Jahren schon fast alles gemacht: zum Beginn meiner Karriere habe ich als Tourmanagerin, Bookerin, Stagemanagerin und im Bereich Artist Liaison gearbeitet. Für mich waren all diese Positionen sehr wichtig und alle Stationen in meinem beruflichen Werdegang haben mich sehr geprägt. Ich habe aus allen Erfahrungen meine Learnings gezogen, ich denke ich kenne die Branche in all ihren Facetten und konnte all das erlangte Wissen in die nächsten Positionen miteinfließen lassen.

Als 2004 das ungarische Kulturinstitut in Brüssel gegründet wurde, war ich die Institutsdirektorin und somit die jüngste Kulturattaché unter den Diplomaten aus Ungarn, die in Brüssel vertreten waren. Darauf folgte die Gründung des ungarischen Musikexportbüros, welches ich drei Jahre lang leitete. Für die größeren Festivals durfte ich dann ab 2008 in leitenden Positionen arbeiten: Ich war sieben Jahre lang die Programmdirektorin und Künstlerische Leiterin beim Sziget Festival, Ungarn, und von 2015 – 2020 Festivaldirektorin beim Lollapalooza in Berlin, zudem bin ich seit 2014 auch im Vorstand von „Yourope – The European Festival Association“.

Du hast mit dem Sziget und dem Lollapalooza bereits über mehrere Jahre hinweg erfolgreiche Festivals auf die Beine gestellt. Welche Learnings helfen dir heute bei deiner Arbeit?

Ehrlich gesagt: alle! Je mehr Erfahrungen man in seinem Leben sammelt, desto besser, denn nur so kann man persönlich wachsen und sich weiterentwickeln. Ich bin ein Mensch, der es liebt, neue Dinge zu lernen und stetig wissbegierig bleiben möchte. Ich will immer mit Respekt, Bodenständigkeit und Demut an meine Aufgaben herangehen. Je größer ein Festival ist, desto größer sind auch die Herausforderungen, vor denen man steht, aber ich bin offen gegenüber Kritik und wachse an ihr. Nur so kann ich Dinge in der Zukunft besser machen.

Die größte Herausforderung beim Lollapalooza Berlin war zum Beispiel, dass wir vier Jahre in Folge das Gelände wechseln mussten. Das war für mich schier unlösbar und hat das Team und mich vor unglaubliche Aufgaben gestellt. Durch diese Erfahrung bin ich dafür jetzt mehr oder weniger angstfrei und bin für alle kommenden Hürden gewappnet. Beim SUPERBLOOM stehen wir vor einer anderen Herausforderung: Es geht darum, ein neues Konzept, eine neue Marke auf dem Markt zu etablieren. Und obwohl es in Deutschland schon fast ein Überangebot an tollen Festivals gibt. Die Möglichkeit das SUPERBLOOM zu machen, bedeutet für mich aber ein großes Glück und bin sehr dankbar über diese neue Aufgabe – die Chance, ein komplett neues Festival auf die Beine zu stellen, bekommt man nicht oft.

Was macht für dich ein gutes Festival aus?

Es sind die vielen, kleinen Dinge, die für mich ein gutes Festival ausmachen. Mir ist es wichtig, dass die Besucher*innen in eine charmante Welt eintauchen und viele Glücksmomente erleben, an die sie noch viele Monate in ihren Alltag erinnert werden. Die Gäste sollen das Gelände mit dem Gefühl verlassen, dass sie eigentlich gerne noch stundenlang weiter getanzt hätten. Intern liebe ich den Moment, wenn das Team erleichtert, überglücklich und voller Stolz vom Gelände geht. Bei unseren Künstler*innen bin ich immer sehr darauf bedacht, dass sie ein besonderes Backstage- und On-Stage-Erlebnis gehabt haben, sodass sie gerne wiederkommen möchten.

Die Organisation eines Festivals ist eine echte Mammutaufgabe – auch hinsichtlich der Kosten trägst du als Festivaldirektorin viel Verantwortung. Wie geht man da bei der Planung vor, um nicht den Überblick zu verlieren?

Ich habe ein sehr professionelles Team im Rücken, das mich bei allen Aufgaben und Herausforderungen zu 100 Prozent unterstützt. Natürlich habe ich als Festivaldirektorin eine große Verantwortung, aber ein Festival ist keine One-Man-Show und ohne mein großartiges Team wäre das alles nicht möglich.

Hinsichtlich der Planung hat die Pandemie die gesamte Branche jedoch vor große Herausforderungen gestellt. Was früher inhaltlich, produktionstechnisch und finanziell noch planbar und überschaubar war, stellt uns dieses Jahr vor viele Hürden. Es gibt viele Ad-hoc-Herausforderungen, mit denen man vor Corona niemals gerechnet hat. Man muss komplett neue Denken und noch besser planen – der zeitliche Aspekt spielt hier eine große Rolle.

Auch 2022 wurden wieder Festivals dafür kritisiert, zu wenig weibliche Acts zu buchen. Die Erklärung lautete dann oft: Wir können die männlich dominierte Musikbranche nun mal nicht ändern, tun aber unser Bestes. Was fehlt deiner Meinung nach wirklich – weibliche Talente oder der Mut, sich zu verändern?

Um ein Festival zu veranstalten, musst du mutig sein. Jedes Festival hat eine Vision. Ich möchte nicht für andere Festivals sprechen – aber unsere Vision ist es, ein diverses und inklusives Line-up für das SUPERBLOOM zu buchen. Wir haben hierbei natürlich immer die Hoffnung, dass unsere Festivaldaten (Standort München sowie das Konzept und die Ausrichtung) in den Schedules und Tourdaten von Künstlerinnen positiv in Betracht gezogen werden.

Aktuell bist du die einzige weibliche Festivalleitung Deutschlands. Da stellt sich zwangsläufig die Frage: Haben es Frauen schwerer, sich in der Branche durchzusetzen?

Es kommt auf die Betrachtungsweise an. Generell hat man als Frau auf jeden Fall eine Doppelbelastung, wenn man neben der Karriere auch Kinder und Familie möchte. Das macht die Sache sicher nicht einfacher! Vor allem in einer Branche wie unserer, in der man viel unterwegs ist. Ich bin ein großer Fan davon, weibliche Führungskraft zu unterstützen und zu fördern. Gender-Balance bedeutet für mich aber nicht nur ein diverses Line-up auf der Bühne, sondern auch in den Teams intern zu haben. Oft sind die weiblichen Führungskräfte von morgen bereits Mitarbeiterinnen von heute – daher macht es für mich immer Sinn erst intern zu prüfen, wenn es darum geht, höhere Positionen zu besetzen. Ich wünsche mir auch, dass mir diese Frage in den kommenden fünf Jahren gar nicht mehr gestellt werden muss, weil sich bis dahin so viel in der Branche verändert hat.

Welche Erfahrungen hast du persönlich gemacht?

Generell muss ich sagen, dass ich kaum negative Erfahrungen in meiner Karriere gemacht habe. Ich wurde immer mit Respekt, Kollegialität und Wertschätzung behandelt und dafür bin ich sehr dankbar! Ich habe durch meine Arbeit in der Branche meine besten Freunde und die wichtigsten Menschen in meinem Leben kennengelernt – sogar meinen Mann, der selbst Festivalveranstalter ist.

Du engagierst dich auch in der Talentförderung und setzt dich mit der Initiative „Take A Stand“ für mehr Gleichberechtigung ein. Kannst du uns mehr darüber erzählen, was dich antreibt?

Ich bin Vorstandsmitglied von Yourope, der European Festival Association, und die Idee entstand 2016, als ich mit zwei wunderbaren Kollegen von Yourope, während auf einer von der EU organisierten Konferenz, zusammensaß. Wir sprachen über die jüngsten beunruhigenden Zeiten und schrecklichen, unmenschlichen Situationen mit Terroranschlägen auf Musikveranstaltungen, bei denen viele Menschen getötet und verletzt wurden.

Musik soll eine Sprache der Freiheit, des Friedens und des Miteinanders sein, und das war die Geburtsstunde von Take A Stand.

Take A Stand richtet sich an alle, die für das europäische Ideal und seine Werte eintreten, an alle, die an Frieden, Inklusion und Dialog im Gegensatz zu Angst und Ausgrenzung glauben. Für mich ist es daher essenziell, diese Hoffnungen und den Glauben daran auch auf das SUPERBLOOM zu bringen.

Was rätst du Menschen, die sich zum Ziel setzen, was du bereits geschafft hast? 

Am Anfang muss man sich dem Job mit offenen Augen und einem offenen Herzen annähern. Man muss respektvoll mit anderen umgehen, stressresistent und ausdauernd sein. Jede*r wird Fehler machen, aber man muss für sich selbst den Druck rausnehmen. Zudem muss man von den begangenen Fehlern lernen und seine Kraft und seine Learnings daraus ziehen. Es ist ok, Rückschläge zu haben, denn nichts muss von Anfang an perfekt sein.

Zudem sind Kreativität und Selbstreflektion wichtig, um bodenständig zu bleiben und sein Inneres im Gleichgewichtig zu halten. Man muss sich selbst immer wieder einen Spiegel vorhalten und solange man sich selbst darin erkennt, ist man auf dem richtigen Weg. Oft muss man die eigenen Barrieren und Zäune abreißen, denn keine Idee und kein kreativer Gedanke ist unmöglich. Der Glaube an sich selbst, an seine Wünsche und Ziele ist super wichtig, um sich auf dem Weg nicht selbst zu verlieren, denn er ist, wie gesagt, kein „Red Carpet“. Eines der wichtigsten Worte für mich bei der Arbeit im Team und mit Partner*innen ist jedoch das Wort „danke“. Für viele hat das eine große Bedeutung und ist eine besondere Wertschätzung – persönlich nutze ich es sehr gerne und oft.

Mit dem Superbloom Festival kehrst du nun nach einer harten Pandemiezeit zurück – und das, obwohl Covid-19 noch immer ein Thema ist. Wie geht man bei der Planung mit dieser außergewöhnlichen Situation um?

Die letzten beiden Jahre waren sehr hart, vor allem mental für mich und für das gesamte Team, weil wir jedes Jahr von vorne anfangen mussten – immer unter der Prämisse, dass wir nicht wissen, wann die Pandemie vorbei sein wird. Aber wir haben nie den Blick und den Glauben an unser Ziel verloren, SUPERBLOOM endlich Wirklichkeit werden zu lassen. Wir beobachten ständig die aktuelle Lage und gehen sehr sensibel auf alle Veränderungen ein. Wir sind auf alles gefasst und für alle mögliche Szenarien gewappnet. Die letzten Jahre haben alles komplett verändert, unser Daily Business ist nicht mehr wie 2019. Wir haben die Verantwortung für die körperliche und mentale Gesundheit für unser Team, die Dienstleister*innen, die Besucher*innen und natürlich für uns selbst. Doch wir haben durch die massiven Veränderungen in der Branche jetzt auch die Chance, alte Fehler der Vergangenheit zu verbessern und gut bewährte Systeme noch besser auszubauen. Gerade in unserer Branche, in der schon immer der Mensch im Mittelpunkt stand, ist ein gutes Netzwerk, Vertrauen und Zuverlässigkeit essenziell und ich habe das Gefühl, dass das aktuell noch stärker wird und alle merken, wie sehr sie aufeinander angewiesen sind.

Das Superbloom scheint mit seinen verschiedenen Experience-Bereichen eine ganz neue Festival-Erfahrung für die Zuschauer*innen zu bieten. Was war die Inspiration dafür?

Mein komplettes Leben. Es war immer mein Traum, ein 360-Grad-Erlebnis-Festival zu konzipieren und die unterschiedlichsten Ansätze auszuprobieren. Mein Wunsch ist es, ein so umfangreiches Programm zu bieten, dass es Besucher*innen an nichts fehlt. Ein besonderes Beispiel hierfür ist der Experience-Bereich „SuperBrain“, der sich mit Wissenschaft, Medizin und neuen Technologien befasst – so etwas gab es noch nie auf einem klassischen Festival. Ich bin sehr gespannt, wie das bei den Besucher*innen ankommt. Es hat auf jeden Fall sehr viel Spaß gemacht, das Festival zu konzipieren, denn bei SUPERBLOOM gilt das Motto: Keine Idee ist zu groß oder nicht umsetzbar. Bei vielen Inhalten haben wir tolle Partner*innen und kreative Menschen, besonders aus München und Bayern, die mich inspiriert haben und die die gleiche Vision teilen. Das Festivalkonzept bietet auch für die kommenden Jahre noch sehr viel Raum für Neues und einen Ausbau von Ideen. Ich habe noch viele beschriebene Blätter in meinem Notizbuch, die ich alle zum Leben erwecken möchte.