Garland Jeffreys und sein spätes Comeback

Ein Junge aus dem ärmlichen Sheepshead Bay, Brooklyn entwickelte sich in der zweiten Hälfte der Sechziger zu einer geradezu mythischen Gestalt der New Yorker Musikszene. Er stand mit seinem Schulfreund Lou Reed, John Cale, Nico, Gerard Malanga und dem Sänger der Animals, Eric Burdon, auf der Bühne des Balloon Farm im East Village, hing ein paar Straßen weiter im Five Spot mit Charles Mingus ab oder spielte seine Lieder in den Folkclubs von Greenwich Village. Er sang mit dem weisen Beat-Poeten Allen Ginsberg, schrieb einen Song für John Cales erstes Soloalbum, nahm eine Platte mit der Band Grinder’s Switch auf und startete 1973 seine Solokarriere. Die Single „Wild In The Streets“, die Dr. John arrangierte, inspirierte den britischen Pubrock.

Fast 40 Jahre später lebt er mit Frau und Tochter nur ein paar Blocks nördlich von dort, wo einst seine Karriere begann, in einem kleinen Apartment in Stuyvesant Town, Manhattan. Er heißt Garland Jeffreys und hat 2011 nach 13 Jahren Pause ein neues Album veröffent­licht, das nun auch in Deutschland erscheint: „The King Of In Between“.­ Er ist mittlerweile 68  – sechs Jahre älter als Johnny Cash bei Erscheinen der „American­ Recordings“. Für ein Comeback ist es nie zu spät.

Die Verkäufe und Konzerte in den USA liefen bisher gut, Anfang des Jahres stand Jeffreys­ mit Bruce Springsteen in Asbury Park auf der Bühne, und die beiden sangen „Wild In The Streets“, ein paar Monate später trafen sie sich im texanischen Austin wieder und spielten gemeinsam „Beast Of Burden“. „Bruce und ich haben etwa zur gleichen Zeit angefangen“, erklärt Jeffreys. „Seit damals sind wir sehr gute Freunde. Er kommt aus Asbury Park, ich komme aus Brooklyn. Der Unterschied ist nicht so groß. Wir haben vieles gemeinsam.“

Kooperation

„Ich komme aus Brooklyn“ – dieser Satz fällt oft, wenn man mit Garland Jeffreys spricht. Herkunft und Identität sind auch auf seinen Alben immer die vorherrschenden Themen gewesen. Seine Vorfahren waren Afroamerikaner und Puerto Ricaner, Europäer und Cherokees. Er ist nicht schwarz, nicht weiß, nicht Latino und nicht rot – und doch von allem ein bisschen. So wie ethnische Identitäten funktionieren, war er damit in seiner Jugend überall ein Außenseiter. „I was afraid of Malcolm/ Just like any white man/ Between the powder of the talcum/ And the color of a black man“, hat er über Malcolm X gesungen. Der Song befindet sich auf „Don’t Call Me Buckwheat“ – der Albumtitel ist die Entgegnung auf eine rassistische Bemerkung, die ihm ein weißer Baseballfan beim Spiel der New York Mets im Shea Stadium an den Kopf warf. Die Platte wurde bei Erscheinen 1992 in den USA fast völlig ignoriert, doch in Frankreich und Deutschland zog die erste Single „Hail Hail Rock’n’Roll“ – in Europa Jeffreys’ größter Hit seit „Matador“ von 1979 – das Album in die Charts und sorgte dafür, dass Jeffreys sich nach einem weiteren, allerdings erfolglosen Album eine lange Zeit ohne finanzielle Nöte aus dem Musikgeschäft zurückziehen konnte. „Ich bin mit Anfang 50 Vater geworden“, erklärt der 68-Jährige seine Pause. „Und ich wollte diese Erfahrung voll auskosten. Ich wollte nicht jahrelang auf Tour gehen, sondern mich um meine Tochter kümmern.“ Die Tochter, Savannah, ist mittlerweile 16 Jahre alt, schreibt selbst Lieder und singt auch auf „The King Of In Between“ mit.

Der Titel des neuen Albums deutet schon darauf hin, dass Jeffreys’ Lebensthemen wieder eine große Rolle spielen. Allerdings scheint er sich mit seiner Außenseiterrolle immerhin so weit angefreundet zu haben, um sich als König unter den Zwischen-den-Stühlen-Sitzern auszurufen. „Ich habe lange gebraucht, um erwachsen zu werden“, sagt er und lacht. „Durch die Geburt meiner Tochter wurde das Bild, das ich von mir habe, schärfer und konturierter.“ Auch seine Eltern sehe er nun in einem anderen Licht. Speziell seinen Vater, der ihn in seiner Kindheit oft geschlagen hatte. „Er wusste einfach nicht, wie man sich als Vater zu verhalten hat.  Er war überfordert. Aber er hat dafür gesorgt, dass ich als Einziger in der Familie zu einer weiterführenden Schule gehen konnte. Er war ein guter Mann.“ Viele Widersprüche hätten sich gelöst in den vergangenen Jahren, so Jeffreys weiter.

Früher sei er ein Schlangenmensch gewesen, erzählt er in einem neuen Song, „life was bending I was twisting“, und Lou Reed singt dazu „Dudu dudu dududu du dudu“, sodass man gleich an „Walk On The Wild Side“ denken muss, wo es ja ebenfalls um ein Spiel mit Identitäten vor der New Yorker Skyline geht.

 „The King Of In Between“ ist in jeder Hinsicht ein New-York-Album, kennt seine Vorgänger wie Curtis Mayfields „Superfly“ oder „Some Girls“ von den Rolling Stones auswendig und klingt wie ein musikalischer Melting Pot aus Rock’n’Roll, R’n’B, Blues, Philly-Soul und Reggae. „Ich komme halt aus Brooklyn“, sagt Jeffreys trocken, als reiche das als Erklärung aus, um dann nach kurzer, bekräftigender Pause fortzufahren. „Bei uns zu Hause wurden Charlie Parker­ und Duke Ellington gehört. Mein erstes Idol war Frankie Lyman, der das machte, was man Doo Wop nannte – aber eigentlich war es R’n’B ohne Instrumente, nur mit Harmonien. Daraus entwickelte sich Motown, dann kam Dylan. Das hat mich alles beeinflusst.“

Sein Heimat-Borough dient Jeffreys immer noch als Ausgangspunkt zur Erkundung der Welt. So beginnt „The King Of In Between“ ein paar Hundert Meter von seinem Elternhaus: „Coney Island Winter“ heißt das erste Stück. „Der Titel ist nur eine Metapher“, sagt Jeffreys. „Der Text handelt eigentlich von den Schwierigkeiten und Kämpfen, die Leute überall in den USA in diesen schwierigen ökonomischen Zeiten durchstehen müssen.“ Sein alter Freund Springsteen hat sich auf „Wrecking Ball“ das gleiche Thema gesetzt – und sogar stilis­tisch scheint er sich dem eklektischen Jeffreys-Ansatz anzunähern. Doch natürlich kann es nur einen König unter den Zwischengängern geben. Er kommt aus Brooklyn.

Tourtermine:

29.05.2012 D- Aschaffenburg, Colos Saal
30.05.2012 D- Hamburg, Downtown          
31.05.2012 D- Köln, Kulturkirche
06.07.2012 CH- Montreux, Jazz Festival


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