Festival-Bericht: Gisbert zu Knyphausen springt in die Massen

Halbzeit in der Festivalsaison 2019. Drei Tage im gediegenen Rheingau zwischen Picknick-Decken und Soundwänden. Das vor elf Jahren ins Leben gerufene Singer/Songwriter-Treffen, damals noch als Privatspaß auf einem Stapel Europaletten, gehört längst zur Ivy League der europäischen Boutique-Festivals. Neben legendären Indie-Mutterschiffen wie Haldern wird „Open Air“ an diesen Orten spürbar anders buchstabiert. Ohne fette, internationale Headliner, ohne Marketing-Overkill, ohne ein ausuferndes Mega-Gelände mit vier Haupt- und acht Nebenbühnen. Kleiner ist schöner; easy listening im wahrsten Sinne des Wortes.

Das liegt beim rheinhessischen Heimspiel zum einen an der einzigartigen Location, dem Knyphausen-Weingut auf den Ufer-Anhöhen. Zum anderen am No-Bullshit-Booking des Veranstalterteams um Gisbert von Knyphausen und Benjamin Metz. Bei einer überschaubaren Tages-Kapazität von rund 2000 Besucher ohnehin weit vorab ausverkauft, muss beim Heimspiel nicht mit Superstars geklotzt werden. Das Publikum vertraut auf das freundschaftlich-kooperative Verhältnis zwischen Bands und Veranstaltern. Sonst übliche Gagen-Zockereien bleiben weitgehend aus. Man kennt sich auf Musiker-Kollegen-Ebene. Man schätzt die familiäre Atmosphäre. Es ist eine Ehre einmal in Eltville gespielt zu haben.

So ist der Freitag mit Ilgen-Nur zum Auftakt, dem (personell verstärkten) Power-Frauen-Duo Gurr und den Waterkant-Veteranen Tocotronic gleich der Promi-Abend auf der zwischen Weinreben und Winzer-Palais gelegenen Wiese. Zwar sind Bühne und Lichttechnik im Laufe der Heimspiel-Jahre größer und aufwendiger geworden. Die knappe Begrüßungsrede zum Auftakt und das regionale Riesling-Only-Catering gehören längt zur Folklore wie Schlamm- und Bierfontänen in Wacken. Für einen ungewohnten Ausbruch der Emotionen sorgten Gurr. Mit ihrer nassforschen Ansage „Coole Gastgeber müssen Crowdsurfen!“ locken Andrea Casablanca und Laura Lee den sonst nicht zu Rocker-Posen neigenden Schirmherrn zum Bad in der Menge. Und siehe da: Auch die Crowd beherrscht die gute alte Rocker-Technik und bugsiert den Patron über den starken Abend.

Niels Frevert

Am Samstag werden – als stilistischer Schwerpunkt – mit Another Sky aus London und dem Berliner Klassik-Electro-Trio Brandt Bauer Frick atmosphärisch dichte Soundwände über den Rebenhügeln errichtet. Zum „Frühschoppen“-Sonntag, der als Service für Fans mit weiteren Heimfahrten bereits gegen 17 Uhr endet, geht das Heimspiel zurück zu seinen Singer-/Songwirter Wurzeln. Fortuna Ehrenfeld („Helm Ab zum Gebet“) aus dem gleichnamigen Kölner Stadtviertel kredenzen skurrilen Indie-Pop. Mastermind Martin Bechler setzt sich zur zweiten, ungeplanten Zugabe wie zufällig ganz allein ans E-Piano. Und beweist eindrucksvoll, was für eine immense Wirkung leise Töne gerade auf kleinen Festivals haben können.

Das Comeback des hanseatischen Melancholikers Niels Frevert beginnt schließlich mit einem Kurzschluss. Alle Lichter und Töne aus, passend zu den dunklen Gewitterwolken, die über dem Fluss aufgezogen sind. Ein dramatischer Moment für den Großen Pop-Zweifler? Setzt Frevert doch Ende August nach fünf Jahren Schaffenspause ganz „offiziell“ seinen steinigen Weg zwischen Genie und Sinnkrise mit dem neuen Album „Putzlicht“ fort. Bereits nach wenigen Minuten, in dem ein Lötkolben-Roadie ganze Arbeit leistet, ist der Stromausfall vorbei. Der ganz in Schwarz mit Dichter-Hut gewandete Frevert manövriert sich mit seiner Gitarre jingelnd-jangelnd wie The Smiths über die Achtbahnfahrt der Popmusik. Seine Song-Botschaft vom kommenden „Putzlicht“-Album: „Ich suchte nach Worten für Etwas, das nicht an der Straße der Worte lag“. Wir lernen in Eltville: Die Welt der (Pop-)Poesie ist trotz Glanz und Glitter eine entbehrungsreiche.

Tapete Records


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