Große Oper für die Jukebox: Zum Tod von Andreas Banaski


von

Sein letzter Text war knapp 400 Zeichen lang, ein Eintrag zu Curtis Mayfields erstem Soloalbum in unserer Liste der 100 besten Soul-Alben: „Nie groovte Systemkritik sinnlicher und stolzer.“

Auch Andreas Banaskis Texte groovten, sinnlich und stolz. Seine erste in „Sounds“ 1981 veröffentlichte Rezension war die eines Albums der US-Garage-Surf-Band Barracudas. Sie begann und endete mit einem Zitat, das machte er gerne so. Dazwischen ein bisschen Krawall: Die Platte sei nichts für „dumpfe Deutsche und PIL/DAF/XTC-Fans“. „Weil sie das richtige Leben nicht kennen. Die Barracudas kennen das wirkliche Leben.“

Banaskis Texte waren nicht abwägend. Sie waren präzise. Sie hatten einen scharfen Humor und ein klares Urteil. Es ging um Begeisterung und Ablehnung und darum, Pop zu kontextualisieren, ihn im (eigenen) Leben zu verorten. 1979 war er aus Büchen in Schleswig-Holstein nach Hamburg gekommen. Er nannte sich Kid P., drehte Super-8-Filme, klebte Fanzines zusammen und stieß schließlich zu der Musikzeitschrift „Sounds“, wo sein disziplinierter Furor einen Popjournalismus mitprägte, wie man ihn in Deutschland nicht kannte. Hippiezöpfe wurden abgeschnitten, linksalternative Selbstgewissheit und der onkelhafte Gonzo-Ton über Bord geworfen; Originalität ersetzte Authentizität als Messlatte für das, was man hörte und sah. Seine Städtebeschimpfungen klangen, als hätte Thomas Bernhard Sex mit Julie Burchill. Seine Liebeserklärung an ABC war eine große Oper im Jukebox-Format. Wenn Kid P. von Geschmack sprach, klang es absolut einleuchtend und unumstößlich und nicht nach einer Frage des Geschmacks. Er fragte: „Warum sollten Kommunisten keine guten Schuhe tragen?“ Vor dem Ausgehen bügelte er seine Jeans.

Die Punkband KFC aus Düsseldorf beim Konzert in der Hamburger Markthalle: Am Mikro Trini Trimpop; Andreas Banaski alias Kid P steht hinten rechts auf der Bühne, vor dem Verstärker

Es gibt zwei Fotos, die ihn im Nachtleben zeigen: Das eine, aufgenommen im Juni 1979 bei einem Auftritt der Punkband KFC in der Hamburger Markhalle, das andere aufgenommen im September 1997 bei einer Party in Köln. Auf dem einen steht er am Rande der Bühne, auf dem anderen am Rande der Tanzfläche. Fast zwanzig Jahre liegen zwischen den Bildern, die Posen sind identisch: auf beiden Fotos steht Banaski scheinbar teilnahmslos und etwas gelangweilt, den Kopf leicht gesenkt, die Hand in die Hüfte gestützt, nah dran und zugleich etwas abseits. Steinmetzen Sie eine Banaski-Skulptur, diese wäre es. Wenn er sich nicht unterhielt, beobachtete er. Und wenn er sich unterhielt, war er der anregendste, originellste, humorvollste Gesprächspartner, ausgestattet mit einem fast enzyklopädischen Popwissen und solider Herzensbildung, empfänglich für Klatsch, ohne jede Scheu vor eindeutigen Urteilen.

Er kannte sich nicht nur mit Popmusik und Filmen aus, sondern auch mit Fußball. Egal, ob es um das Abschiedsspiel von Willi Schulz beim HSV 1973 ging oder um die aktuelle Besetzung der peruanischen Nationalmannschaft. Er sprach leidenschaftlich gern über Fußball. Banaskis Kolumne „Anpfiff“ bei „TV today“ zeugt davon und ist im Netz noch nachzulesen.

Nach dem Ende von „Sounds“ veröffentlichte er aber zunächst im „tip“, schrieb dann ein paar Jahre für „Spex“ und führte die Dokumentationsabteilung der Zeitschrift „Tempo“, eine Dokumentationsabteilung, wie es keine andere gab, ein intelligentes Archiv der Popkultur, von der zahllose Journalisten auch nach der Einstellung des Magazins profitierten. Denn er nahm es mit und führte es weiter. Gelegentlich erschienen Filmkritiken auf „Spiegel Online“ und Schauspieler-Interviews in „stern TV“.

2012, in dem Jahr vor seiner schweren Erkrankung, konnten wir Banaski für den ROLLING STONE gewinnen. Er schrieb über Adele, das Dexys-Comeback und die Beach Boys, er schrieb wieder regelmäßig Plattenkritiken. Dann war Schluss, abrupt und unvorhersehbar. Die letzten acht Jahre lebte er in einer Pflegeeinrichtung.

Ich war 16, als ich in der Schülerzeitung einen Artikel veröffentlichte, der „Die Wahrheit über Boppard“ hieß. Er war komplett bei Kid P. abgekupfert, bei „Die Wahrheit über Hamburg“, bei seiner gleichnamigen Städteserie aus „Sounds“. Es war das Werk eines Fanboys, der die darauffolgenden Beschimpfungen auf dem Schulhof wie einen Ritterschlag erlebte.

Nach langer, schwerer Krankheit ist Andreas Banaski am Mittwoch vergangener Woche gestorben.

Foto: Sabine Schwabroh