Hitler nervt!


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Hitler nervt. Das sagt zwar selten jemand in dieser Deutlichkeit, weil sich viele aus falscher Vorsicht lieber in Warnungen und betroffenen Phrasen ergehen, doch es ist wahr: Gerade im vergangenen Jahr gab es hinreichend Anlässe, von Hitler und seinen vielfältigen, meist absurden oder gar debilen Auftritten angewidert, gelangweilt oder eben genervt zu sein.

Einer der besten Anlässe war „The Passenger“, ein Musical über eine KZ-Überlebende und einen ehemaligen Lagerwächter, die sich auf einem Schiff nach Südamerika wieder begegnen. Das in London auf die Bühne gebrachte Stück war zwar nicht das erste Musical, das sich mit dem Dritten Reich beschäftigte. Wo aber „Frühling für Hitler“ die Nazis verspottete und die Madrider Musicalinszenierung von „Anne Frank“ die Schrecken des Holocausts in den Mittelpunkt rückte, war „The Passenger“ bloß noch Herz-Schmerz-Dramolett – und wurde in der Presse hart kritisiert. Stephen Pollard, Herausgeber des „Jewish Chronicle“, nannte das Musical eine „Hochglanzproduktion, die schauspielerische Grimassen des Leids“ einem Publikum vorführe, „das während der Pause an der Sektbar vorbeischaut“.

Die Vermischung von Geschichte und Unterhaltung nahm 2011 noch andere, zumindest ungewohnte Formen an: In Israel, an der Grenze zum Gazastreifen, eröffnete im März das Museum Yad Mordechai, ausgestattet mit allerlei Animationen, Nachbauten der Deportationswagons und Judensternen, die auf das Revers jedes Besuchers projiziert wurden. Der Presse erklärte der Designer des Museums, er sei von Disneyland inspiriert worden. Hostels in Prag und München werben unterdessen mit den Konzentrationslagern Theresienstadt und Dachau als Top-Sehenswürdigkeiten, auf einer Stufe mit Karlsbrücke oder Hofbräuhaus. Und im Internet vermischte der Webcomic „Hipster Hitler“ oberflächliche Nazi-Mythen mit müden Veralberungen des urbanen Hipster-Styles.

Die Häufung der pop- und alltagskulturellen Hitler-Auftritte hat eine neue Qualität erreicht, aber neu ist das Phänomen natürlich nicht. DAF tanzten einst den Mussolini und den Adolf Hitler, Bob Geldof versetzte sich als Sänger der Boomtown Rats mit „(I Never Loved) Eva Braun“ in den Führer persönlich hinein. Schon 1973 ließ das Satiremagazin „Pardon“ einen Hitler-Darsteller über die Frankfurter Buchmesse spazieren und die vielen Neuerscheinungen zum Dritten Reich signieren, um die „Hitler-Nostalgie zu persiflieren und die Publikumsreaktionen zu testen“. „Die Amerikanisierung des Holocaust ist ein bizarres Phänomen“, schrieb Henryk M. Broder 1993. „So wie Mickey Mouse, Coca-Cola und McDonald’s zu uramerikanischen Symbolen avanciert sind, wird auch ,The Holocaust‘ in ein paar Jahren ein Markenzeichen werden.“

Der Hitler-Hype folgt als Teil der Popkultur natürlich gewissen Zyklen. Was im Dritten Reich der Flüsterwitz war, kam in den Nachkriegsjahren als Parodie zurück, etwa in der West-Berliner Kabarettrevue „Ich war Hitlers Schnurrbart“. Seit den frühen Neunzigern entwickelte sich – angeführt von „Titanic“ und Harald Schmidt – ein Humor, der vor allem mediale und politische Phrasen der Betroffenheit aufs Korn nahm.

Was damals als Reinigungsprozess gegen Sprechverbote, Plattitüden und Mythen begann, ist durch die schiere Masse an Hitler-Auftritten aber längst ins völlig Triviale abgerutscht. Tabubrüche, die die Spiele mit Hitler vorgeblich sein sollen, gibt es hier schon lange nicht mehr. Im Gegenteil – kaum ein Tag vergeht, an dem kein bräsiger Hitler-Witz oder absurder Nazivergleich die Runde macht.

Zufall ist das nicht: Das Dritte Reich wird immer weiter historisiert, auch weil die Zeitzeugen aufseiten der Opfer und Täter weniger werden. Während das im Guten die Chance schafft, sich von den vielen Hitler-Klischees freizumachen, birgt der größer werdende Spielraum auch eine Gefahr. Denn wenn über das Dritte Reich immer öfter in ironischem und banalem Ton gesprochen wird und das Publikum unsicher zu lachen beginnt, wenn Hitler die Bühne betritt, wird die ernsthafte Auseinandersetzung schwierig.

Vielleicht geht ja 2012 als das Jahr in die Geschichte ein, in dem der Hitler-Overkill seinen Zenit erreicht. Und vielleicht wird dann wieder über Geschichte gesprochen werden können, ohne sich in mäßigen Witzen und längst überholten Mythen zu ergehen.

Daniel Erk betreibt seit 2006 den sogenannten Hitler-Blog der „taz“. Sein Buch „So viel Hitler war selten“ erscheint heute bei Heyne.